„Wir nennen sie manchmal U-Boote“
Bettina Prax lächelt kurz, doch das Thema ist ernst. Gemeint sind Jugendliche, die nach der Pflichtschule plötzlich verschwinden – ohne Lehrstelle, ohne Schule, ohne Ausbildung. „Sie tauchen einfach ab“, sagt die Direktorin der Polytechnischen Schule Bludenz.
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Dabei gilt in Österreich eigentlich die Ausbildungspflicht bis 18 Jahre. Doch die Realität sieht anders aus. Immer mehr Jugendliche verlieren den Anschluss an das Bildungssystem – manche sogar schon lange bevor sie überhaupt eine Lehrstelle suchen. An der Polytechnischen Schule in Bludenz zeigt sich diese Entwicklung besonders deutlich. „Wir haben Schüler, die mit 15 zu uns kommen, aber erst auf dem Niveau der fünften oder sechsten Schulstufe sind“, sagt Prax. Viele hätten grundlegende Schwierigkeiten beim Lesen oder Rechnen. Diese Lücken wirken sich nicht nur im Unterricht aus, sondern spiegeln sich auch in der Dropout-Quote der Lehre wider: Wer ohne Basiskompetenzen in die Berufsschule startet, hat deutlich höhere Chancen, die Ausbildung nicht zu bestehen. „Wenn jemand nicht versteht, was er liest, hat er kaum eine Chance, eine Berufsschule zu bestehen oder eine Arbeitsanleitung im Betrieb zu verstehen“, betont die Direktorin. Die Polytechnische Schule versucht deshalb, dort anzusetzen, wo das Problem beginnt: bei den Basiskompetenzen.
Eine neue Gruppe von Jugendlichen
Die Schulleiterin beobachtet seit Jahren eine Entwicklung, die ihr Sorgen bereitet. Die Gruppe jener Jugendlichen, die keinen stabilen Bildungsweg finden, wächst. „Wenn ein Jugendlicher keine Anbindung an Schule oder Ausbildung hat, verliert er irgendwann seine Schüler-oder Lehrlingsidentität“, sagt Prax. Oft gehe damit auch die Tagesstruktur verloren - mit Folgen für Motivation, Selbstvertrauen und Zukunftsperspektiven.
Manche dieser Jugendlichen tauchen im System zunächst gar nicht auf. Nach der Pflichtschule verschwinden sie aus dem Blickfeld von Schule und Ausbildung. Erst nach einiger Zeit melden sich Institutionen wie die Koordinierungsstelle für Ausbildungspflicht bei ihnen, um den Kontakt wiederherzustellen. Doch nicht alle lassen sich zurückholen. „Diese Gruppe wächst“, betont Bettina Prax. „Und wir müssen uns fragen, welche Angebote wir ihnen machen.“
Im Schulalltag zeigt sich das Problem oft ganz konkret. Manche Jugendliche erscheinen nur unregelmäßig zum Unterricht, andere verweigern die Schule komplett. Die Pädagogin blickt zurück: „Früher hatten wir vielleicht einmal in ein paar Jahren einen Schulverweigerer.“ Heute seien es deutlich mehr. Zwar könne die Schule Meldungen machen und es gebe auch Sanktionen, doch letztlich stoße das System schnell an Grenzen. „Wenn jemand nicht kommen will, können wir ihn oder sie nicht zwingen“, erklärt sie. Selbst wenn Jugendliche von Behörden oder der Polizei zurück in die Schule gebracht werden, verschwinden manche kurz darauf wieder. Für die Direktorin ist das ein Zeichen dafür, dass hinter vielen Bildungsbiografien komplexe soziale Probleme stehen – familiäre Krisen, gesundheitliche Schicksale oder fehlende Perspektiven. Die Pädagogin hält fest: „Das sind keine einfachen Geschichten“, und führt weiter aus: „Und genau deshalb brauchen diese jungen Menschen besonders viel Unterstützung.“
Wenn Schuljahre fehlen
Ein Problem beginnt oft lange vor der Polytechnischen Schule. Österreich kennt neun Jahre Schulpflicht - entscheidend ist dabei nicht die erreichte Schulstufe, sondern die Dauer des Schulbesuchs. Das führt dazu, dass manche Jugendliche ihre Pflichtschule erfüllen, ohne jemals die vorgesehenen Kompetenzen erreicht zu haben.
In Bludenz betrifft das derzeit mehrere Dutzend Schüler-innen und Schüler. „Wir haben Jugendliche, die gleich alt sind wie ihre Mitschüler:innen, aber in der Schule jahrelang zurückgefallen sind“, erklärt Prax. Manche hätten die Volksschule verlängert, andere Klassen wiederholt. Am Ende stehen acht Jahre Schulzeit - und das Recht auf ein Poly-Jahr. Doch der Rückstand bleibt! „Diese Schülerinnen und Schüler haben oft grundlegende Dinge nie gelernt - etwa die Kombination von Grundrechenarten oder das Lesen längerer Texte.“ Die Polytechnische Schule versucht deshalb, diese Jugendlichen gezielt zu fördern. Am Standort Bludenz werden sie in speziellen Gruppen unterrichtet, um dort anzusetzen, wo ihre größten Lernlücken liegen. „Wenn ich von ihnen verlange, den Stoff der neunten Schulstufe mitzumachen, sind sie chancenlos“, betont die Schulleiterin.
Die stille Krise beim Lesen
Besonders deutlich zeigt sich der Handlungsbedarf beim Lesen. Zum ersten Mal hat die Schule ein eigenes Lese-Screening durchgeführt. Das Ergebnis hat auch die Direktorin überrascht. Ein Drittel der Jugendlichen liest auf einem neuen Niveau, das als ungenügend eingestuft wird. Das bedeutet: Die Schülerinnen und Schüler können Texte zwar teilweise laut vorlesen, verstehen aber den Inhalt nicht. „Wenn jemand nicht sinnerfassend lesen kann, sind sehr viele Türen verschlossen“, ist die Pädagogin sicher. „Fast jedes Unterrichtsfach baut darauf auf.“ Auch im Berufsleben wird Lesen zur Schlüsselkompetenz - etwa bei Arbeitsanwendungen, Sicherheitsvorschriften oder Fachtexten. Für Bettina Prax steht deshalb fest: Hier muss gezielt angesetzt werden.
Ein Projekt für mehr Lesekompetenz
Aus dieser Situation heraus entstand das Train-the-Trainer-Programm, das Bettina Prax gemeinsam mit dem Leiter der Lehrlingsstelle der WKV, Roland Paterno, entwickelt hat. Die Idee: Lehrpersonen sollen gezielt darin geschult werden, Lesekompetenz systematisch zu fördern. „Ein Polylehrer, eine Polylehrerin hat das in der Ausbildung nicht unbedingt gelernt“, erklärt die Schulleiterin und führt weiter aus: „Wenn wir wollen, dass Lesen gezielt trainiert wird, müssen wir auch den Lehrpersonen das notwendige Werkzeug geben.“ Unterstützung kam von der Wirtschaftskammer Vorarlberg, die das Projekt mitgetragen und den Weg für die Umsetzung frei gemacht hat. Für die Initiator:innen ein wichtiges Signal. „Die Wirtschaft hat verstanden, dass Basiskompetenzen eine entscheidende Rolle spielen.“ Am Standort Bludenz bedeutet das konkret: Eine regelmäßige Lesestunde wird künftig gezielt genutzt, um unterschiedliche Teilbereiche des Lesens zu trainieren - von Leseflüssigkeit bis zum Textverständnis. Durch regelmäßige Screenings soll außerdem geprüft werden, ob sich die Lesekompetenz tatsächlich verbessert.
Mehr als nur ein Schuljahr
Oft werde die Polytechnische Schule unterschätzt, sagt die Direktorin. Dabei gehe es nicht nur um Berufsorientierung, sondern auch um Persönlichkeitsentwicklung. Die Schule arbeite bewusst mit Elementen der positiven Psychologie, fördere Selbstvertrauen, Durchhaltevermögen und soziale Kompetenzen. „Ein junger Mensch braucht drei Dinge, um seinen Weg zu finden“, erzählt Prax: „Autonomie, Kompetenzen und Beziehungen.“ Wer das Gefühl habe, etwas zu können, selbst Entscheidungen treffen zu dürfen und Teil einer Gemeinschaft zu sein, habe deutlich bessere Chancen, seinen Weg zu gehen. Und viele schaffen das auch.
Jedes Jahr schließen hunderte Lehrlinge in Vorarlberg erfolgreich ihre Ausbildung ab. „Es gibt so viele junge Leute, die unglaublich motiviert sind und ihre Ziele verfolgen“, betont die Direktorin. Die Herausforderung bestehe darin, auch jene mitzunehmen, die sonst auf der Strecke bleiben würden. Denn wenn Jugendliche untertauchen - wie die „U-Boote“, von denen Bettina Prax zu Beginn spricht - verliert nicht nur das Bildungssystem den Kontakt. Es verliert auch eine Generation an Möglichkeiten.