„Zähe Erholung: Was jetzt für den Standort zählt“
2026 wird ein Jahr der kleinen Schritte: Die österreichische Wirtschaft wächst laut Prognosen nur rund ein Prozent. Gleichzeitig setzen US-Zölle, Protektionismus und starke Konkurrenz – etwa aus China – einzelne Branchen unter Druck. Im Interview erklärt WKÖ-Chefökonomin Claudia Huber, was der Wirtschaftsstandort Österreich jetzt braucht.
Lesedauer: 4 Minuten
Frau Huber, die WKÖ hat unlängst ihre Interessenpolitischen Schwerpunkte 2026+ präsentiert. Wo liegen aktuell die größten Herausforderungen für die Wettbewerbsfähigkeit österreichischer Unternehmen?
Claudia Huber: Die zweijährige Rezessionsphase ist zwar überwunden, doch für 2026 wird nur ein Wachstum von rund ein Prozent prognostiziert. Neben den konjunkturellen stehen Österreichs Betriebe vor allem vor strukturellen Herausforderungen. Dazu zählen etwa der verstärkte Protektionismus, der Verlust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit und ein generell sich verschärfender internationaler Wettbewerb. Insbesondere die starke Konkurrenz aus China, die technologisch in den vergangenen Jahren stark aufgerüstet hat, setzt einige Branchen stark unter Druck. Am Beispiel der heimischen Industrie sehen wir, dass die letzten drei Jahre die Wertschöpfung um fast neun Prozent zurückging, während sich die Industrie im EU27-Durchschnitt relativ stabil entwickelte.
Welche Maßnahmen braucht es zur finanziellen Entlastung der heimischen Unternehmen?
Um zu entlasten, braucht es aus Sicht der Wirtschaft eine spürbare Senkung der Lohnnebenkosten. Diese wichtige WKÖ-Forderung ist im Regierungsprogramm verankert und – unter Budgetvorbehalt – für 2027 geplant. Auch bei der Bürokratie setzen wir uns für Entlastungen für unsere Betriebe ein. Hier hat die Bundesregierung ja bereits ein erstes Paket auf den Weg gebracht, das jetzt möglichst zügig umgesetzt werden muss. Insbesondere die Buchführungspflichten sind hier ein wichtiger Entlastungsschritt. Aber auch weitere Punkte, wie das Ermöglichen einer digitalen Gründung, sind uns ein wichtiges Anliegen.
Als kleine, offene Volkswirtschaft ist Österreich auf die Einbindung in europäische und internationale Wertschöpfungsketten und einen funktionierenden Außenhandel angewiesen. Hier kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Herausforderungen und Problemen. Wie soll Österreich auf diese reagieren?
Ein besonderer Schwerpunkt liegt hier auf der europäischen Dimension. Die beste Strategie ist eine breite Diversifizierung über neue Handelsabkommen. Gerade kleine, offene Volkswirtschaften wie Österreich profitieren besonders stark von stabilen Handelsabkommen. Neben dem zügigen Inkrafttreten des EU–Mercosur-Abkommens sollten daher auch weitere Partnerschaften zeitnah ratifiziert werden. Durch den Abschluss neuer Handelsabkommen – zum Beispiel mit den sieben wichtigsten Handelspartnern der EU (Mercosur-Staaten - Brasilien, Argentinien, Uruguay, Paraguay -, Indien, Malaysia, Indonesien, Thailand, Australien sowie die Vereinigten Arabischen Emirate, Anm.) – könnte man die negativen Folgen der US-Zollpolitik nicht nur neutralisieren, sondern sogar überkompensieren. Außerdem gilt es, die Potenziale des Binnenmarktes optimal auszuschöpfen, insbesondere im Dienstleistungsbereich. Rund 70 Prozentder Exporte Österreichs gehen in den Binnenmarkt. Hier liegt viel Potenzial und gerade in dem aktuellen geopolitischen Umfeld ist dies ein wesentlicher Puffer und Hebel. Es gibt auch Hebel, die wir auf nationaler Ebene in Gang setzen können, also die Stärkung und Unterstützung unserer Exportbetriebe, zum Beispiel durch die Verlängerung der Internationalisierungsoffensive "go-international".
Ein wichtiger Punkt für die Wettbewerbsfähigkeit von morgen ist auch das Thema Investitionen. Investitionsentscheidungen sind allerdings besonders von der hohen Unsicherheit beeinflusst. Was braucht es hier aus Ihrer Sicht?
Investitionen entscheiden langfristig über die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe und des Standortes. In Summe investieren die heimischen Betriebe preisbereinigt viel weniger als etwa 2019. Die Rückmeldungen der Betriebe zeigen, dass der Schwerpunkt auf Ersatzinvestitionen liegt. Daher setzt sich die WKÖ für gezielte Investitionsanreize ein, wie beispielsweise in erster Linie für eine dauerhafte Ausweitung des Investitionsfreibetrages. Außerdem soll der derzeit bestehende Deckel von einer Millionen Euro aufgehoben werden.
Ein weiterer wirkungsvoller Hebel für Investitionen liegt bei erleichterten Möglichkeiten der Abschreibungen. Deswegen fordern wir die Einführung einer Superabschreibung als steuerliche Maßnahme, die es Unternehmen erlaubt, mehr als die tatsächlichen Kosten eines Wirtschaftsguts abzuschreiben.
Wir haben jetzt lange über Probleme und Herausforderungen für die heimischen Unternehmen gesprochen. Zum Abschluss: Wo sehen Sie die größten Chancen für den Wirtschaftsstandort?
Wir befinden uns in Zeiten des Wandels. Die Twin Transition ist herausfordernd, aber gleichzeitig auch chancenreich für unsere Betriebe. Wir als Interessenvertretung sehen unsere Aufgabe darin, uns für die bestmöglichen Rahmenbedingungen für sie einzusetzen. Und dadurch den Unternehmen die Wege zu diesen Chancen zu ebnen, beispielsweise bei der Digitalisierung durch gezielte Unterstützung wie das erfolgreich neu aufgelegte Programm KMU.Digital. Auch der FTI-Pakt 2027–2029 ist ein wichtiger Schritt, um Planungssicherheit für den Forschungs- und Innovationsstandort Österreich zu schaffen.
Trotz aller Herausforderungen dürfen wir nicht vergessen: Österreich ist ein Top-Standort mit vielen Stärken – Offenheit gegenüber Exportpartnern in aller Welt, Innovation und qualifizierte Arbeitskräfte. Auf diese Stärken gilt es aufzubauen.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Interview: Peter Draxler/Mari€