Bildungspolitik im Fokus
Bei den Basiskompetenzen läuten die Alarmglocken längst und bei der Weiterentwicklung des Schulsystems braucht es eine offene und ideologiefreie Debatte.
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Für eine ideologiefreie Diskussion
Bildungsreformen sind ein sensibles Thema in Österreich, die aktuelle Diskussion rund um die sechsjährige Volksschule macht das einmal mehr deutlich. Aus Sicht der Vorarlberger Wirtschaft sollte dabei jedoch nicht die Organisationsform allein im Mittelpunkt stehen, „sondern die Frage, welches Bildungssystem Kinder bestmöglich auf ihre Zukunft vorbereitet“, stellt Karlheinz Kopf, Präsident der Wirtschaftskammer Vorarlberg, klar. „Wir sehen die großen Herausforderungen, die eine Verlängerung der Volksschule auf sechs Jahre mit sich brächte. Gleichzeitig hat für uns Priorität, dass die Diskussion über die Weiterentwicklung des Schulsystems generell offen und ideologiefrei geführt wird“, führt Gudrun Petz-Bechter, Direktor-Stellvertreterin und Leiterin der Bildungspolitik in der WKV, aus.
Deshalb steht für die Vertreter der WKV auch folgender Ansatz in der Diskussion um die Weiterentwicklung des Bildungssystems im Raum: „Wenn das Ziel mehr Chancengerechtigkeit, bessere Basisqualifikationen und eine stärkere Talentförderung ist, dann sollte auch die Gemeinsame Schule als möglicher Reformansatz sachlich geprüft werden. Denn entscheidend ist dabei nicht das Etikett einer Schulform, sondern ihre Ausgestaltung.“ Eine gemeinsame Schule könne nur dann erfolgreich sein, erläutert Petz-Bechter, „wenn leistungsstarke Kinder gefordert, Schülerinnen und Schüler mit Unterstützungsbedarf gezielt gefördert und individuelle Begabungen bestmöglich entwickelt werden. Ebenso braucht es eine konsequente Sprachförderung und moderne Lernkonzepte.“
Am Ende gehe es nicht um die Frage, welche Schulform gewinnt, es geht laut der bildungspolitischen Leiterin in der WKV vielmehr darum, „ausreichend gut ausgebildete Fachkräfte und Lehrlinge mit starken Basisqualifikationen für unseren Wirtschaftsstandort hervorzubringen. Dafür braucht es Offenheit für Veränderungen und den Mut, neue Wege ernsthaft zu diskutieren.“
Wo die Alarmglocken längst läuten
Die heurigen Ergebnisse der PISA-Studie sind ein neuerlicher Weckruf: Die Lesekompetenz und die Mathematikkompetenz der Jugendlichen in Österreich haben sich weiter verschlechtert. Das ist alarmierend, denn es geht nicht nur um schulische Leistungen. Lesen, Verstehen, Rechnen, Zusammenhänge erkennen, logisch schlussfolgern, Quellen bewerten und Informationen kritisch hinterfragen sind grundlegende Fähigkeiten für Ausbildung, Beruf und gesellschaftliche Teilhabe. Gerade in einer zunehmend digitalen und komplexen Arbeitswelt werden diese Kompetenzen wichtiger – gleichzeitig nehmen sie ab. „Die Alarmglocken läuten längst. Wir weisen seit Jahren darauf hin, dass viele Jugendliche am Ende der Pflichtschule nicht über jene grundlegenden Kompetenzen verfügen, die sie für eine erfolgreiche Ausbildung und einen guten Start ins Berufsleben brauchen“, erklärt Gudrun Petz-Bechter. Das ist nicht nur für die betroffenen Jugendlichen ein Problem, sondern auch für den Wirtschaftsstandort. Wenn Schulen junge Menschen nicht verlässlich auf Ausbildung und Beruf vorbereiten, müssen Betriebe diese Defizite nachträglich ausgleichen. Lehrbetriebe übernehmen damit zusätzliche Verantwortung und investieren viel Zeit und Ressourcen, um Grundlagen nachzuholen, die eigentlich während der Schulzeit vermittelt werden sollten.
Von herausfordernden Betreuungslücken
Eine moderne Bildungslandschaft muss auch die Lebensrealität berufstätiger Eltern berücksichtigen. Ein Beispiel: Nach den neunwöchigen Sommerferien verursachten unklare Stundenpläne und frühe Unterrichtsenden für viele Familien Betreuungslücken. WKV-Präsident Karlheinz Kopf führt aus: „Kurzfristige oder sehr eingeschränkte Unterrichtszeiten erschweren die Arbeitsorganisation erheblich. „Wir benötigen eine Bildungslandschaft, welche die Lebensrealität erwerbstätiger Mütter und Väter aktiv miteinbezieht.“ Zudem brauchen die Arbeitgeber Planungssicherheit für Dienst- und Urlaubspläne. Kopf betont, dass „Fachkräftemangel und Personalengpässe verlässliche Rahmenbedingungen wichtiger denn je machen“.
Dazu kommt, dass jährlich wechselnde Nachmittagsunterrichtstage die Planung von Arbeit, Betreuung und Freizeitaktivitäten deutlich erschweren. „Familien mit Kindern, die beruflich aktiv sind, profitieren von möglichst stabilen und langfristig planbaren Stundenplänen“, erklärt Gudrun Petz-Bechter und erklärt weiter: „Auch Unternehmen können Arbeitszeiten besser abstimmen, wenn schulische Strukturen vorhersehbar sind. Das Ziel sollte sein, Änderungen auf ein Minimum zu reduzieren.“