Geschäftsklima-Index der Vorarlberger Industrie
Industrie stabilisiert sich leicht – von einem Aufschwung keine Spur.
Lesedauer: 7 Minuten
Bereits vor über 50 Jahren fand die 1. Konjunkturumfrage in der Vorarlberger Industrie statt. In der heutigen Form gibt es dieses wichtige Konjunkturbarometer regelmäßig seit 2001. Der Geschäftsklima-Index beschreibt die Stimmung im bedeutendsten Wirtschaftsbereich im Ländle, der Industrie. Aus dem Mittelwert von aktueller und erwarteter Geschäftslage in sechs Monaten ergeben sich repräsentative Konjunkturausblicke für ganz Vorarlberg. An dieser aktuellen Umfrage für das 2. Quartal 2026 haben sich 32 Unternehmen mit insgesamt 22.789
Beschäftigten beteiligt.
Aktuell zeigt der Indexstand +2,40 Punkte. Er ist damit zwar besser als im Vorquartal (-9,10), aber schlechter als im Quartal davor (+13,00) und fast unverändert gegenüber dem Niveau vor einem Jahr (+2,10). Vorarlbergs Konjunkturindex ist jetzt also wieder einmal knapp im positiven Bereich. Es ist zu hoffen, dass er nicht wieder abrutscht, sondern deutlich ins Plus geht. Im Gesamtindex zeigt sich aber ganz klar, dass nach oben noch sehr viel Spielraum
bleibt. Die letzte deutlich positive Phase liegt schon wieder vier Jahre zurück.
Wie schaut es aktuell in den Betrieben aus?
Sieben von zehn der befragten Betriebe rechnen nicht mit einer Verbesserung ihrer
derzeitigen Geschäftslage und Auftragsbestände. Ähnlich ihre jetzige Ertragssituation und ihre Auslandsaufträge, wo nur 18 Prozent der Befragten von einer Verbesserung ausgehen.
Was sind die Erwartungen für die nähere Zukunft?
Ein Drittel der Befragten erwartet sich ein weiteres Absinken ihrer Produktionstätigkeit in drei Monaten. Ebenfalls ein Drittel erwartet sich ein weiterer Rückgang bei der Produktionskapazität in drei Monaten. 84 Prozent sehen Gleichstand bei ihren Verkaufspreisen in 3 Monaten und 88 Prozent bei ihrer Geschäftslage in 6 Monaten. 32 Prozent gehen von einer Verschlechterung ihrer Ertragssituation in einem halben Jahr aus, 68 Prozent sehen sie unverändert, keiner der Befragten erwartet hier eine Verbesserung. Fazit: In Summe zeichnet sich damit kein Bild eines bevorstehenden Aufschwungs, sondern vor allem eines anhaltenden Abwartens ab: Produktion, Kapazitäten, Preise und Geschäftslage bleiben überwiegend auf aktuellem Niveau, während sich die Ertragssituation
weiter eintrübt und kein einziges Unternehmen mit einer Verbesserung rechnet.
Was bedeutet das für die Beschäftigten?
Die aktuelle Geschäftslage und die Erwartungen für die nächsten Monate zeigen, dass zwei Drittel aller befragten Unternehmen davon ausgehen, dass der Beschäftigtenstand in drei Monaten gleich sein wird wie heute. 10 Prozent erwarten mehr, 24 Prozent erwarten weniger Beschäftigte. Erfreuliches gibt es dazu nur aus der Maschinen- und Metallindustrie, wo immerhin 16 Prozent mehr Beschäftigte erwarten. Anders die Elektro- und Elektronikindustrie, in der 6 von 10 der Betriebe von einem Rückgang der Beschäftigten ausgehen.
Wie geht es weiter?
Vorarlbergs Industrie stabilisiert sich leicht. Mehr aber auch nicht.
Der Geschäftsklima-Index liegt zwar wieder knapp im positiven Bereich, von einem echten Aufschwung kann jedoch keine Rede sein. Die Mehrheit der Unternehmen erwartet weder bei Geschäftslage noch bei Produktion oder Erträgen eine spürbare Verbesserung. Nach vier schwierigen Jahren fehlt weiterhin die Dynamik für eine nachhaltige Trendwende. Konjunkturprognosen von rund einem Prozent sind kein Aufschwung. Sie bedeuten bestenfalls Stillstand auf niedrigem Niveau. Gerade für eine exportorientierte Industrieregion wie Vorarlberg ist das ein echtes Problem.
„Die schleichende Deindustrialisierung ist längst keine theoretische Gefahr mehr. Sie findet statt – auch in Vorarlberg. Während industrielle Arbeitsplätze verloren gehen, wächst die Beschäftigung in staatsnahen Bereichen weiter. Das mag kurzfristig die Beschäftigung stabilisieren. Langfristig stellt sich aber eine zentrale Frage: Wer erwirtschaftet künftig den Wohlstand, mit dem wir unseren Sozialstaat, unsere Infrastruktur und unsere öffentlichen Leistungen finanzieren?“, betont IV-Geschäftsführer Simon Kampl.
Die aktuellen AMS-Beschäftigtenzahlen bestätigen diese Entwicklung. In Vorarlberg verlor der Produktionssektor im Juni gegenüber dem Vorjahr 617 Beschäftigte, die Herstellung von Waren sogar 804. Gleichzeitig wachsen öffentliche Verwaltung sowie Gesundheits- und Sozialwesen weiter. Im bisherigen Jahresverlauf zeigt sich die Verschiebung besonders deutlich: Der Produktionssektor liegt um 443 Beschäftigte unter dem Vorjahr, während
öffentliche Verwaltung, Gesundheits- und Sozialwesen sowie Bildung saldiert um 443 eschäftigte zulegen. Das ist mehr als eine statistische Randnotiz. Es zeigt, dass
Beschäftigung zunehmend dort wächst, wo öffentliche Mittel ausgegeben werden, während sie dort unter Druck gerät, wo Wertschöpfung und Steueraufkommen entstehen.
Wie schaut es in den einzelnen Branchen aus?
Das Vorarlberger Industrieflaggschiff, die Maschinen- und Metallindustrie, zeigt einige der wenigen Lichtblicke in dieser Umfrage. Immerhin 27 Prozent melden gute Auslandsaufträge, und stolze 57 Prozent melden eine gute bzw. bessere Geschäftslage. Dies ist einer der beiden höchsten Werte in dieser aktuellen Konjunkturumfrage. 27 Prozent sehen ihre derzeitige Ertragssituation als positiv und 14 Prozent negativ. 93 Prozent beurteilen die Verkaufspreise in 3 Monaten gleich, nur 7 Prozent erwarten sie niedriger, keiner höher. Und 6 von 10 erwarten fallende Erträge in einem halben Jahr, dies ist in Saldo einer der höchsten Verschlechterungen in der Umfrage, von bisher -1 im Vorquartal auf -58 in diesem Quartal. In Vorarlbergs Nahrungs- und Genussmittelindustrie sieht man in keinem einzigen Bereich eine Verbesserung. Bei Produktionstätigkeit, Verkaufspreisen und Produktionskapazität in drei Monaten sowie Geschäftslage und Ertragssituation in einem halben Jahr werden keine Änderungen erwartet. Ähnliches gilt auch beim Auftragsbestand. Und 4 von 10 Befragten erwarten weniger Beschäftigte in drei Monaten. In der Textilindustrie erwarten 43 Prozent eine schlechtere Geschäftslage und 41 eine bessere. Alle Befragten sehen Produktionstätigkeit, Verkaufspreise, Produktionskapazität und Beschäftigtenstand in drei Monaten gleich wie bisher. 73 Prozent sehen eine schlechtere Ertragssituation in einem halben Jahr, keiner sieht sie besser. Ein kleiner Lichtblick ist die Geschäftslage in einem halben Jahr, wo 59 Prozent eine Verbesserung erwarten. Kaum Erfreuliches aus der Elektro- und Elektronikindustrie. Jeder zweite Befragte meldet eine schlechte derzeitige Geschäftslage. 6 von 10 eine schlechte Ertragslage, fallende jetzige Auftragsbestände sowie weniger Beschäftigte in drei Monaten. Alle sehen ihre
Verkaufspreise in drei Monaten gleich wie bisher. Bei den Auslandsaufträgen derzeit sehen 14 Prozent einen Rückgang und 86 keine Veränderung, hier hat sich der Saldo gegenüber dem letzten Quartal von bisher -65 auf jetzt -14 verbessert. „In dieser Branche waren die KV-Abschlüsse 2023 und 2024 sehr hoch und führten zu einer deutlich verringerten Wettbewerbsfähigkeit. Es bleibt abzuwarten, wie sich der jüngste KV-Abschluss auswirken wird“, berichtet Michael Amann, GF der Sparte Industrie in der Wirtschaftskammer.
Ein Frühindikator für die gesamte Wirtschaft ist die Verpackungsindustrie. Hier sehen alle Befragten ihre Geschäftslage derzeit, Produktionstätigkeit und Produktionskapazität in 3 Monaten gleich wie heute. Die Verkaufspreise in 3 Monaten sehen nur 4 Prozent höher, 73 Prozent gleich und 23 Prozent niedriger. Hier gab es den stärksten Rückgang im Saldo von +50 im letzten Quartal auf jetzt -20. „Diese Unternehmen verpacken, vereinfach gesagt, die Produkte anderer v. a. regionaler Unternehmen, die ihrerseits unter starkem Kostendruck stehen und diesen Druck an ihre Zulieferer weitergeben“, erklärt Michael Amann.
Was braucht unsere Industrie?
„Vorarlberg ist Österreichs Industriebundesland Nummer 1. Jeder dritte Arbeitsplatz und 40 Prozent der Wertschöpfung hängen direkt oder indirekt von einer erfolgreichen Industrie ab. Unsere Unternehmen stehen im internationalen Wettbewerb. Sie konkurrieren nicht mit dem Nachbarbetrieb im Tal, sondern mit Standorten in Deutschland, Osteuropa, Asien oder Nordamerika. Wettbewerbsfähigkeit ist deshalb keine Forderung einzelner Unternehmen. Sie
ist die Grundlage unseres Wohlstandes! Die Unternehmen brauchen keine Subventionen. Sie brauchen faire Rahmenbedingungen: geringere Lohnnebenkosten, weniger Bürokratie, schnellere Genehmigungsverfahren, mehr Verlässlichkeit sowie eine Industrie- und Energiepolitik, die Wertschöpfung im Land ermöglicht statt erschwert. Wir können nicht dauerhaft Arbeitsplätze dort verlieren, wo Wohlstand erwirtschaftet wird, und gleichzeitig dort neue Stellen schaffen, wo dieser Wohlstand ausgegeben wird. Auch der öffentliche Sektor
wird sich mittelfristig die Frage stellen müssen, wie er effizienter werden kann. Sonst geraten die öffentlichen Finanzen und damit unser Handlungsspielraum zunehmend unter Druck. Wer Industrie will, muss Wettbewerbsfähigkeit ermöglichen. Genau daran mangelt es derzeit an vielen Stellen.“ so IV-Geschäftsführer Simon Kampl.
Industriepolitik für Standort und Menschen
„Industriepolitik ist keine Politik für Unternehmen. Industriepolitik ist Politik für die Menschen im Land. Denn jeder Arbeitsplatz in der Industrie schafft weitere Arbeitsplätze bei Zulieferern, Dienstleistern, Handel, Handwerk und in den Regionen. Von einer erfolgreichen Industrie profitieren Familien, Gemeinden, Schulen, Pflegeeinrichtungen und letztlich der gesamte Sozialstaat. Deshalb müssen wir uns als Land entscheiden: Wollen wir auch in Zukunft produzieren, entwickeln und exportieren? Oder wollen wir zusehen, wie Wertschöpfung Schritt
für Schritt ins Ausland abwandert? Die Antwort liegt auf der Hand. Wer den Wohlstand von morgen sichern will, muss die Wettbewerbsfähigkeit von heute stärken,“ so IV-Präsident Elmar Hartmann.