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ibw Studie Präsentation
© WKV/KOMM

ibw-Studie zeigt Stärken und Handlungsbedarf der Lehrlingsausbildung in Vorarlberg

Die Lehrlingsausbildung bleibt einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für den Wirtschaftsstandort Vorarlberg. Gleichzeitig steht das duale Ausbildungssystem vor tiefgreifenden strukturellen Herausforderungen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw), die im Auftrag der Wirtschaftskammer Vorarlberg erstellt wurde. Die Untersuchung zeigt sowohl die Stärken als auch den Handlungsbedarf für die Zukunft auf. Für die Wirtschaftskammer Vorarlberg braucht es grundlegende strukturelle Reformen im Bildungssystem.

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Aktualisiert am 22.06.2026

Vorarlberg ist und bleibt das Lehrlingsland Nummer eins in Österreich. Die duale Ausbildung ist ein wesentlicher Pfeiler unserer wirtschaftlichen Stärke und unserer Wettbewerbsfähigkeit. Gerade deshalb wollten wir genauer wissen, wo die Herausforderungen liegen und welche Maßnahmen notwendig sind, um dieses Erfolgsmodell langfristig abzusichern“, betont WKV-Präsident Karlheinz Kopf.

Die Studie (hier geht's zur ibw Studie) macht deutlich, dass die Lehre für die Fachkräftesicherung und damit für den Wirtschaftsstandort von zentraler Bedeutung bleibt. Gleichzeitig zeigen sich seit Jahren Entwicklungen, die den Ausbildungsmarkt zunehmend unter Druck setzen. „Das System der Lehrlingsausbildung ist im Augenblick schwerstens gefährdet“, warnt Kopf.

Die Zahl der Lehrlinge ist seit den 1980er-Jahren von rund 9.000 auf aktuell etwa 6.300 zurückgegangen. Parallel dazu sank die Zahl der Lehrbetriebe allein zwischen 2016 und 2025 von knapp 2.000 auf rund 1.640 Betriebe. Das entspricht einem Rückgang von rund 17 Prozent und liegt deutlich über dem österreichweiten Durchschnitt von rund elf Prozent.

Thomas Mayr, Geschäftsführer des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw), ordnet die Ergebnisse auch in einen internationalen Kontext ein: „In vielen Ländern wächst die Erkenntnis, dass ein einseitiger Fokus auf akademische Bildungswege zu einem Ungleichgewicht am Arbeitsmarkt führt. Während immer mehr junge Menschen höhere Schulen oder Hochschulen besuchen, fehlen gleichzeitig Fachkräfte mit praktischen Qualifikationen.“ Gerade vor dem Hintergrund von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz gewinne die berufliche Bildung zusätzlich an Bedeutung. „Digitale Technologien können vieles unterstützen, aber sie schneiden keine Haare, installieren keine Heizungen und renovieren keine Häuser. Praktische Kompetenzen bleiben auch in Zukunft unverzichtbar“, erklärt Mayr.

Die Lehrlingsausbildung gilt international als besonderes Erfolgsmodell der deutschsprachigen Länder. Seit Jahren verfolgt auch die Europäische Union das Ziel, arbeitsplatznahe Ausbildungsformen („work-based learning“) zu stärken. Die Einführung dualer Ausbildungssysteme sei jedoch vielerorts schwierig, weil dafür bestimmte strukturelle Voraussetzungen notwendig seien. „Duale Berufsbildung lebt von einer doppelten Partnerschaft: einerseits zwischen Betrieb und Berufsschule, andererseits zwischen Staat und Wirtschaft. Österreich verfügt hier mit den Wirtschaftskammern über eine besondere Stärke, die wesentlich zum Erfolg des Systems beiträgt“, betont Mayr.

Gerade vor dem Hintergrund von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz gewinne die berufliche Bildung weiter an Bedeutung. Praktische Kompetenzen, handwerkliches Können und berufliche Erfahrung seien auch künftig unverzichtbar. Die Lehrlingsausbildung stelle daher einen entscheidenden Standortvorteil dar. Vorarlberg nehme dabei trotz rückläufiger Zahlen weiterhin eine Spitzenposition innerhalb Österreichs ein.

Die Ergebnisse der Studie zeigen jedoch klar, dass die rückläufigen Lehrlingszahlen vor allem strukturelle Ursachen haben. Einerseits wirkt sich der demografische Wandel mit sinkenden Jahrgangsgrößen aus. Andererseits entscheiden sich immer mehr Jugendliche für weiterführende schulische Bildungswege. Besonders deutlich zeigt sich dies in Vorarlberg: Der Anteil der Jugendlichen, die direkt in eine Lehre einsteigen, ist innerhalb der vergangenen zehn Jahre um 8,5 Prozentpunkte zurückgegangen. Österreichweit betrug der Rückgang im selben Zeitraum lediglich 3,1 Prozentpunkte.

Gudrun Petz-Bechter, stellvertretende Direktorin und Leiterin der Bildungspolitik in der WKV, verweist darauf, dass die Lehre selbst keineswegs an Qualität verloren habe. „Ein zentrales Ergebnis der Studie lautet: Die Lehre funktioniert. Die Herausforderung liegt nicht in der Qualität des Systems, sondern darin, ausreichend qualifizierten Nachwuchs für dieses System zu gewinnen“, erklärt Petz-Bechter.

Die Untersuchung bestätigt die hohe Leistungsfähigkeit der dualen Ausbildung. Nur rund zwei Prozent der Lehrabgänger treten nicht zur Lehrabschlussprüfung an. Gleichzeitig liegt die Quote negativer Lehrabschlussprüfungen bei lediglich vier Prozent. Die Arbeitsmarktintegration nach dem Abschluss ist hoch und die Beschäftigungsperspektiven sind ausgezeichnet.

Bildungsströme
Deutliche strukturelle Verschiebung hin zu höheren Schulformen. Besonders deutlich ist der Anstieg des Anteils an Schüler:innen der berufsbildenden höheren Schulen (BHS) in der 9. Schulstufe: In Vorarlberg erhöht sich ihr Anteil von 29,3 Prozent (2015/16) auf 34,5 Prozent (2024/25). Auch bundesweit zeigt sich ein vergleichbarer Trend. Parallel dazu verlieren die Polytechnischen Schulen (PTS/Poly) deutlich an Bedeutung. In Vorarlberg sinkt ihr Anteil von 25,9 Prozent auf 21,3 Prozent im betrachteten Zeitraum.

Einkommen
Besonders bemerkenswert seien die Einkommensperspektiven von Lehrabsolvent:innen. Bereits 18 Monate nach Ausbildungsabschluss verdienen 74 Prozent mehr als 2.400 Euro brutto pro Monat und erreichen damit nahezu das Einkommensniveau von Absolvent:innen berufsbildender höherer Schulen. „Die tatsächlichen Karriere- und Einkommenschancen der Lehre werden gesellschaftlich vielfach unterschätzt. Die Daten zeigen eindeutig, dass die Lehre jungen Menschen hervorragende Perspektiven bietet – sowohl hinsichtlich Beschäftigung als auch beim Einkommen“, sagt Petz-Bechter.

Berufsorientierung wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor
Ein weiterer wichtiger Befund betrifft die Berufsorientierung. Die Studie zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Bildungsweg vor Lehreintritt und dem späteren Ausbildungserfolg.  Mit einer Lehrabbruchquote von 17 Prozent bewegt sich Vorarlberg im Bereich des österreichischen Durchschnitts. Die niedrigsten Drop-Out-Raten weisen Jugendliche auf, die zuletzt (vor Eintritt in die Lehre) eine Polytechnischer Schule besucht haben (10 Prozent). BMS-, BHS- und AHS-Absolvent:innen weisen ähnlich niedrige Abbruchquoten im Bereich von 11 Prozent bis 13 Prozent auf. Deutlich höher ist der Anteil der Abbrecher:innen hingegen bei Jugendlichen mit zuletzt besuchter Mittelschule (23 Prozent) vor Lehreintritt. Der Besuch einer Polytechnischen Schule – verbunden mit Berufsorientierung und -vorbereitung – reduziert damit das Risiko eines Lehrabbruchs deutlich gegenüber einem direkten Einstieg in die Lehre nach der Mittelschule.

„Die Polytechnische Schule erfüllt eine wichtige Orientierungsfunktion. Sie hilft jungen Menschen dabei, fundierte Bildungsentscheidungen zu treffen, und reduziert das Risiko von Fehlentscheidungen und Ausbildungsabbrüchen deutlich“, betont die Stv.-Direktorin der WKV.

Gleichzeitig sehen sich Ausbildungsbetriebe mit steigenden Herausforderungen konfrontiert. Fast 87 Prozent der befragten Unternehmen berichten von einem deutlich höheren Aufwand bei der individuellen Betreuung ihrer Lehrlinge. Mehr als 62 Prozent geben an, kaum Bewerber mit ausreichenden Grundkompetenzen zu finden. Besonders häufig genannt werden Defizite bei mathematischen Grundkenntnissen, beim sinnerfassenden Lesen, bei sozialen Kompetenzen sowie bei Problemlösungsfähigkeit und vernetztem Denken.

Ungenutzte Potenziale
Die Studie (hier gehts zur Studie) identifiziert darüber hinaus mehrere Zielgruppen mit erheblichem Potenzial für die künftige Fachkräftesicherung. Frauen sind in technischen Lehrberufen weiterhin stark unterrepräsentiert. Die Abbruchquote ist hier deutlich höher – gleichzeitig liegt großes Potenzial für Fachkräftesicherung in besserer Integration.  Bereits rund ein Fünftel aller Lehrabschlussprüfungen erfolgt über alternative Zugänge außerhalb der klassischen Jugendlehre. Gleichzeitig macht die Untersuchung deutlich, dass sich die Anforderungen an Ausbildungsbetriebe in den vergangenen Jahren spürbar verändert haben. Viele Unternehmen berichten von einem steigenden Aufwand bei der individuellen Betreuung ihrer Lehrlinge sowie von zunehmenden psychosozialen Herausforderungen. Neben der fachlichen Ausbildung gewinnen soziale Kompetenzen, Persönlichkeitsentwicklung und individuelle Unterstützung immer stärker an Bedeutung.

Aus der Praxis
Die Ergebnisse der aktuellen Studie bestätigen aus Sicht der z-group viele Entwicklungen, die im Unternehmensalltag bereits spürbar sind. Die Lehrlingsausbildung bleibt dabei die wichtigste Grundlage zur Sicherung qualifizierter Fachkräfte, auch wenn die Anforderungen an Unternehmen und Auszubildende gleichermaßen steigen. „Es ist heute deutlich aufwendiger geworden, passende Bewerberinnen und Bewerber zu finden und individuell zu fördern. Gleichzeitig entwickeln sich Technologien rasant weiter. Darauf müssen wir als Ausbildungsbetrieb reagieren“, betont z-group CEO Johannes Steurer.

Die z-group setzt daher konsequent auf eine praxisnahe Ausbildung mit früher Einbindung in reale Projekte, der Arbeit an echten Produkten und schrittweiser Übernahme von Verantwortung. Rund 15 Prozent der Mitarbeitenden sind aktuell Lehrlinge. „Wir investieren bewusst in Ausbildung, weil sie die Grundlage für unsere Zukunft ist. Dabei geht es nicht nur um Fachwissen, sondern auch darum, jungen Menschen Selbstvertrauen, Orientierung und Perspektiven zu geben“, sagt Steurer.

Veränderte Anforderungen
Besonders die Digitalisierung verändert die Anforderungen an Fachkräfte nachhaltig. Klassische Berufsbilder entwickeln sich weiter und verlangen zunehmend die Verbindung von handwerklichem Know-how mit digitalen Kompetenzen. „Das Fachwissen bleibt die Basis, wird aber durch den Umgang mit digitalen Systemen, Automatisierung und Robotik ergänzt. Die Facharbeiterinnen und Facharbeiter von morgen brauchen beides“, erklärt Johannes Steurer.

Trotz sinkender Zielgruppen und zunehmendem Wettbewerb um Nachwuchskräfte sieht die z-group die Lehre weiterhin als starken Weg für junge Menschen, Unternehmen und den Wirtschaftsstandort. „Die Herausforderungen sind groß, aber unsere Erfahrung zeigt: Wenn man junge Menschen ernst nimmt, ihnen Verantwortung überträgt und sie professionell begleitet, funktioniert Ausbildung auch in Zukunft sehr erfolgreich“, führt Johannes Steurer aus.

Klarer Handlungsauftrag
„Die Lehre ist nicht das Problem – sie ist ein wesentlicher Teil der Lösung. Wenn wir den Fachkräftebedarf von morgen sichern wollen, müssen wir die Rahmenbedingungen für die Lehrlingsausbildung weiter verbessern“, betont WKV-Präsident Karlheinz Kopf. Die Studie zeigt deutlich: Aktuelle Herausforderungen der Lehrlingsausbildung sind nicht allein auf betrieblicher Ebene lösbar. Es braucht strukturelle Reformen im Bildungssystem, wenn wir künftig genügend Fachkräfte haben wollen.

Was ist damit konkret gemeint?

• Die Leistungsschwächen bei 15-Jährigen in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften nehmen zu. Dieses Versagen des Pflichtschulsystems müsse aufhören. „Keine Schülerin, kein Schüler darf die Pflichtschule ohne die Grundfertigkeiten, sprich Basiskompetenzen verlassen, das muss oberstes Ziel sein“, fordert WKV-Präsident Kopf.

• Schulformen gehören ehrlich hinterfragt. Wir müssen den jungen Menschen Schulformen bieten, die Ihnen später Chancen auf dem Arbeitsmarkt bieten und Skills vermitteln, die umgekehrt vom Arbeitsmarkt benötigt werden. Die Ressourcen gehören dort eingesetzt, wo sie wirken. So etwa müssen die Polytechnischen Schulen weiter gestärkt werden. Hingegen darf bzw. muss man sich heute aber auch die Frage stellen, ob es die gesamte Vielfalt der Schultypen noch braucht oder ob es nicht mehr Sinn macht, sich auf die wirklich erfolgreichen Modelle zu fokussieren.

• Berufsorientierung muss sich an den wirtschaftlichen Realitäten und Erfordernissen orientieren. Es braucht eine noch stärker verpflichtende Verankerung an den Schulen. Eine gute Berufsorientierung reduziert Fehlentscheidungen und Lehrabbrüche.

• Massiv verschärft hat sich der Wettbewerb mit den weiterführenden Schulen AHS und BHS. Es entsteht der Eindruck, dass manche Schulen nur um Schüler:innen keilen, um ihre Klassen voll zu bekommen. Das ist ein strukturelles Problem und gehört auf politischer Ebene gelöst.

• Die betriebliche Lehre ist nicht nur ein Erfolgsmodell, sondern auch ein ökonomisch vernünftiger Weg: Während die öffentliche Hand pro Lehrling und Jahr rund 7.700 Euro investiert, kostet ein Schulplatz an einer BMS und BHS rund 12.000 Euro. Die duale Ausbildung ist die kosteneffizienteste Variante im Bildungssystem.

Die Wirtschaftskammer Vorarlberg fordert zudem zusätzliche Unterstützungs- und Entlastungsmaßnahmen für Ausbildungsbetriebe sowie gezielte Initiativen zur Erschließung neuer Zielgruppen. Ein Zurückfahren der Lehrstellenförderung ist der völlig falsche Weg.
„Die Lehre ist kein Bildungsweg zweiter Wahl, sondern eine Ausbildung mit hervorragenden Zukunftsaussichten. Sie verbindet Praxis, Karrierechancen und Beschäftigungssicherheit wie kaum ein anderer Bildungsweg. Unser gemeinsames Ziel muss es sein, diese Stärke auch für kommende Generationen zu erhalten und weiter auszubauen“, betont Kopf abschließend.