Zum Inhalt springen
Lebensmittelhandel
© Getty Images/gopixa

Lebensmittelversorgung in Vorarlberg: Strukturanalyse 2026 zeigt weiterhin hohe Qualität mit ersten Herausforderungen

Die aktuelle Strukturerhebungsanalyse des Vorarlberger Lebensmitteleinzelhandels (LEH) bringt es auf den Punkt: Vorarlberg bleibt bei der Nahversorgung klar an der Spitze – doch im ländlichen Raum zeigen sich erste Warnsignale.

Lesedauer: 4 Minuten

Einen Moment bitte. Ladevorgang läuft ...
0:00
Audio konnte nicht geladen werden. Erneut versuchen
0:00
0:00
Aktualisiert am 23.04.2026

Zum Stichtag 1.1.2026 wurden in Vorarlberg 226 Lebensmittelgeschäfte mit Vollsortiment und Diskonter auf einer Gesamtverkaufsfläche von 133.345 m² betrieben. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einem leichten Rückgang: Sieben Standorte mit insgesamt 1.859 m² wurden geschlossen, während durch Neueröffnungen und Erweiterungen 1.661 m² hinzugekommen sind.

Hohe Erreichbarkeit bleibt zentrale Stärke Vorarlbergs
Die Erreichbarkeit von Lebensmittelgeschäften ist weiterhin auf einem sehr hohen Niveau: Für 79 Prozent der Vorarlberger Bevölkerung ist ein Geschäft innerhalb von einem Kilometer bzw. zwölf Gehminuten erreichbar. Mit dem Fahrrad erhöht sich dieser Anteil auf 98 Prozent. Besonders hoch ist die Versorgungsdichte in den Ballungsräumen, während ländliche Regionen zunehmend unter Druck geraten. Klaus Kramer, Sprecher der Nahversorger, dazu: „Der leichte Zugang der Vorarlberger Bevölkerung zu einem Lebensmittelgeschäft ist hervorragend und muss aus unserer Sicht weiterhin forciert werden.“

Zunahme unversorgter Gemeinden gibt Anlass zur Sorge
Zum aktuellen Stichtag verfügen 12 Vorarlberger Gemeinden über kein Lebensmittelgeschäft. Was ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr von drei Geschäften bedeutet. Rund 7.250 Personen sind somit ohne Nahversorger im eigenen Ort. Wobei in Eichenberg die Grundversorgung durch die ortsansässige Metzgerei und in Fraxern an drei Tagen die Woche eine Versorgung gewährleistet wird. Gleichzeitig gibt es 44 Gemeinden mit nur einem Vollsortimentsbetrieb, die vielfach auf ergänzende Angebote wie Bäckereien oder Metzgereien angewiesen sind. „Die Nahversorgung ist insgesamt weiterhin sehr gut, allerdings zeigt die Entwicklung in einzelnen Gemeinden, dass gezielte Maßnahmen notwendig sind, um die Versorgung langfristig abzusichern“, betont Kramer. 

Strukturelle Verschiebungen setzen sich fort
Die langfristige Entwicklung im Lebensmitteleinzelhandel zeigt weiterhin eine klare Verschiebung hin zu größeren Betriebstypen. Während kleine Geschäfte zunehmend an Bedeutung verlieren, wachsen insbesondere Supermärkte (400–999 m²) sowie Verbrauchermärkte ab 1.000 m² kontinuierlich weiter. Seit dem Jahr 2000 konnten Supermärkte ihre Flächen um rund 42 Prozent steigern, Verbrauchermärkte sogar um 56 Prozent.
Im Vollsortiment sind aktuell 194 Standorte mit einer Verkaufsfläche von 112.881 m² erfasst; ein leichter Rückgang gegenüber 2025. Der Diskontbereich bleibt mit 32 Standorten und 20.464 m² stabil.
Insbesondere zahlreiche Bäckereien, Metzgereien und Tankstellenshops tragen zur Grundversorgung mit einem Teilsortiment bei. Dazu gibt es in Vorarlberg 140 Bäckereien mit ca. 5.000 m² Verkaufsfläche und 63 Metzgereien mit 2.000 m², die teilweise eine Nahversorgerfunktion erfüllen. Tankstellenshops bieten inzwischen ein recht umfangreiches Lebensmittelsortiment an, das vor allem außerhalb der regulären Öffnungszeiten einen Wettbewerbsfaktor darstellen.

Förderungen sichern Versorgung im ländlichen Raum
Rund eine Million Euro an Fördermitteln werden jährlich vom Land Vorarlberg eingesetzt, um nicht wirtschaftlich tragfähige Standorte zu sichern. Dieses österreichweit einzigartige Modell gilt als wichtiger Baustein für die Aufrechterhaltung der flächendeckenden Versorgung. Der Fachgruppenobmann des Lebensmitteleinzelhandels Daniel Drechsel dazu: „Angesichts der aktuellen Entwicklungen wird jedoch eine Weiterentwicklung der Förderinstrumente empfohlen, um den zukünftigen Herausforderungen wirksam begegnen zu können“.

Wettbewerb, Konsumverhalten und Rahmenbedingungen
Das Konsumverhalten verändert sich zunehmend: Kundinnen und Kunden greifen verstärkt zu Preiseinstiegsmarken und Aktionsangeboten, was zu sinkenden durchschnittlichen Einkaufssummen führt. Gleichzeitig prägen hohe Aktionstätigkeit sowie eine stärkere Ausrichtung auf Regionalität, Nachhaltigkeit, Bio- und Gesundheitsprodukte den Wettbewerb. Drechsel sieht in der Novelle des Preisauszeichnungs-Gesetzes ein Bashing des Lebensmittelhandels: „Zusätzliche Herausforderungen für den Lebensmittelhandel ergeben sich durch regulatorische Maßnahmen wie neue Vorgaben in der Preisauszeichnung oder gesetzliche Initiativen gegen sogenannte „Mogelpackungen“. Diese erhöhen den administrativen Aufwand im Handel erheblich, ohne die eigentlichen Verursacher zu adressieren“.

Onlinehandel bleibt Nische

Der Onlinehandel im Lebensmitteleinzelhandel bleibt mit rund zwei Prozent Marktanteil weiterhin auf niedrigem Niveau. Auffallend ist, dass sich große Handelsketten zunehmend aus diesem Segment zurückziehen.

Bedeutung für Gesellschaft, Umwelt und Wirtschaft

Der Vorarlberger Lebensmittelhandel zählt mit rund 6.300 Beschäftigten und über 230 Lehrlingen zu den bedeutenden Arbeitgebern im Land. Darüber hinaus erfüllt er eine zentrale gesellschaftliche Funktion: Nahversorger sind nicht nur wirtschaftliche Einheiten, sondern auch wichtige soziale Treffpunkte, insbesondere in kleineren Gemeinden. „Eine funktionierende, kleinräumige Nahversorgung leistet einen wesentlichen Beitrag zum Umweltschutz, da viele Einkäufe zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigt werden können und oft als soziale Treffpunkte gelten“, weiß Klaus Kramer zu berichten.

LEH im Österreich-Vergleich
Auch im österreichweiten Vergleich zeigt sich die hohe Qualität der Vorarlberger Nahversorgung deutlich. Ergebnisse einer bundesweiten Studie der KMU Forschung Austria belegen, dass Vorarlberg zu den Bundesländern mit der besten Versorgungsstruktur zählt. Sowohl der Anteil der Gemeinden ohne Lebensmittelgeschäft als auch jener der betroffenen Bevölkerung liegt deutlich unter dem Österreichschnitt. Kramer dazu: „Wir können uns in Vorarlberg glücklich schätzen. Unter zehn Prozent der Gemeinden beheimaten keinen Nahversorger. Im Vergleich dazu hat das Burgenland mit 30 Prozent den höchsten Wert. Direkt dahinter rangieren Tirol und Oberösterreich mit über 20 Prozent. Gleichzeitig bestätigt sich jedoch auch ein überregionaler Trend: Während sich die Nahversorgung in urbanen Zentren weiter verdichtet, nimmt sie in ländlichen Regionen zunehmend ab. Eine Entwicklung, die auch in Vorarlberg sichtbar ist.“

Infobox
Seit 1970 erhebt die Fachgruppe des Vorarlberger Lebensmittelhandels jährlich die Standorte und Verkaufsflächen im Lebensmitteleinzelhandel mit Vollsortiment, seit 1990 auch im Diskontbereich. Daniel Drechsel und Klaus Kramer zeigen sich freudig: „Die kontinuierliche Analyse ermöglicht eine fundierte Beurteilung der Versorgungssituation im Land, damit wir auch österreichweit vergleichbar sind.“