Lehrstellenförderung sichern: Ohne Lehrbetriebe keine Zukunft für Fachkräfte
Österreich ist ein Land der Lehre – und Vorarlberg im Besonderen ein starkes Beispiel für das Erfolgsmodell der dualen Ausbildung. Doch genau dieses Erfolgsmodell steht aktuell unter massivem Druck.
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„Die Diskussion rund um Kürzungen der Lehrstellenförderung gefährdet die berufliche Zukunft tausender junger Menschen ebenso wie die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts", betont WKV-Direktor Stv. Gudrun Petz-Bechter.
Betriebe tragen die Hauptlast der Ausbildung
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Österreichs Ausbildungsbetriebe investieren jährlich rund drei Milliarden Euro in die Ausbildung junger Menschen. Dem gegenüber steht eine staatliche Lehrstellenförderung von lediglich rund 280 Millionen Euro – also nur etwa ein Zehntel der tatsächlichen Kosten. Damit würden die Betriebe den überwiegenden Teil der Fachkräftesicherung in Österreich und alle damit verbundenen finanziellen, personellen und gesellschaftlichen Aspekte tragen. Gleichzeitig übernehmen sie damit auch eine zentrale Verantwortung für die Jugendbeschäftigung im Land: „Die duale Ausbildung ist eines der wichtigsten Instrumente, um Jugendarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit zu verhindern und jungen Menschen einen direkten Einstieg in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen", stellt die stellvertretende Direktorin klar. Gerade in Zeiten demografischer Veränderungen und steigender Anforderungen an Ausbildungsreife ist diese Rolle der Betriebe unverzichtbar.
Steigende Kosten setzen Betriebe unter Druck
Die Kosten für die Ausbildung sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Pro Lehrling investieren Betriebe heute jährlich zwischen 32.000 Euro im ersten und bis zu 40.500 Euro im dritten Lehrjahr. Besonders kleine und mittlere Unternehmen würden dadurch zunehmend an ihre Belastungsgrenzen geraten heißt es. Rund zwei Drittel der Ausbildungsbetriebe in Österreich bilden nur ein oder zwei Lehrlinge aus, gerade sie wären von Kürzungen besonders betroffen.
Petz-Bechter erklärt: „Die staatliche Lehrstellenförderung ist seit 2023 bei 280 Millionen Euro gedeckelt, obwohl Inflation und steigende Lehrlingseinkommen die tatsächlichen Kosten deutlich erhöht haben." Allein für das Jahr 2026 ergibt sich dadurch eine Finanzierungslücke von rund 74 Millionen Euro. „Ohne rasche politische Lösung droht, dass Förderungen nicht mehr vollständig ausbezahlt werden können", ist sich die Direktor Stellvertreterin sicher.
Wie wichtig diese Unterstützung auch für große Ausbildungsbetriebe ist, zeigt das Beispiel Liebherr in Nenzing: „Für einen großen Industriebetrieb wie Liebherr in Nenzing, mit über 130 Lehrlingen und 17 hauptberuflichen Ausbilderinnen und Ausbildern, spielt die Lehrausbildung eine zentrale Rolle – entsprechend werden auch zahlreiche Investitionen in die Ausbildung getätigt. Trotzdem sind zahlreiche Angebote, Kurse und Weiterbildungen für Lehrlinge und Ausbilder:innen ohne Lehrbetriebsförderungen schwieriger realisierbar. Uns ist auch bewusst, dass gerade kleinere Unternehmen vor noch größeren Herausforderungen stehen: Für sie hätten Kürzungen bei den Lehrbetriebsförderungen besonders gravierende Auswirkungen, obwohl sie für eine flächendeckende und qualitativ hochwertige Ausbildung unverzichtbar sind“, sagt Wolfgang Pfister, Pressesprecher Liebherr Nenzing.
Diese Förderungen sind kein „Nice-to-have“, sondern ein zentraler Hebel: Mehr als die Hälfte der Betriebe gibt an, ohne diese Unterstützung keine oder weniger Lehrlinge auszubilden. Eine Kürzung hätte daher unmittelbare Auswirkungen auf das Lehrstellenangebot in Österreich.
Fachkräftemangel verschärft sich ohne Gegenmaßnahmen
Die betriebliche Ausbildung ist zudem die kostengünstigste Form der Berufsbildung für die öffentliche Hand. Würden Lehrlinge verstärkt in rein schulische Systeme wechseln, entstünden dem Staat zusätzliche Kosten von mehreren hundert Millionen Euro pro Jahr. Zum Vergleich verursachen etwa berufsbildende mittlere und höhere Schulen (BMS/BHS) öffentliche Ausbildungskosten von rund 11.947 Euro pro Schüler:in und Jahr.
Gleichzeitig sind diese alternativen Ausbildungswege mit geringeren Möglichkeiten eines direkten, praxisnahen Berufseinstiegs verbunden. „Die duale Ausbildung bleibt nicht nur das effizienteste, sondern auch das arbeitsmarktpolitisch wirkungsvollste System zur Sicherung von Fachkräften in Österreich", sagt Gudrun Petz-Bechter.
Wie wichtig die praktische Ausbildung direkt im Betrieb ist, beschreibt Matthias Klocker von der Schlosserei Klocker in Dornbirn: „In einer Schlosserei lernt man das Handwerk nicht aus Büchern, sondern direkt in der Werkstatt. Unsere Lehrlinge arbeiten von Anfang an mit, lernen Verantwortung zu übernehmen und entwickeln Schritt für Schritt das Können, das es in unserem Beruf braucht. Die Ausbildung ist für unseren Betrieb mit großem Aufwand verbunden; fachlich, zeitlich und finanziell. Die Lehrstellenförderung ist deshalb eine wichtige Unterstützung, damit wir auch künftig jungen Menschen eine hochwertige Ausbildung und sichere Perspektiven bieten können.“
Laut aktuellen Analysen werden bis 2030 rund 115.000 Lehrlinge benötigt, um den Fachkräftebedarf zu decken. Setzt sich der aktuelle Trend fort, droht jedoch ein Rückgang auf etwa 90.000 Lehrlinge, mit erheblichen Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft.
Klare politische Entscheidung notwendig
„Die Forderung ist daher klar: Die Deckelung der Lehrstellenförderung muss aufgehoben und eine nachhaltige Finanzierung sichergestellt werden. Gerade in Zeiten von Fachkräftemangel und wirtschaftlichen Herausforderungen braucht es ein klares politisches Bekenntnis zur dualen Ausbildung", sagt Petz-Bechter.
Die Betriebe leisten bereits heute ihren Beitrag, sie investieren, sie bilden aus, sie sichern Perspektiven. Jetzt ist die Politik gefordert, ihren Teil beizutragen und die notwendige Unterstützung sicherzustellen.
Die WKV-Direktor-Stv. hält abschließend fest: „Denn eines ist klar: Ohne Lehrlinge keine Fachkräfte. Ohne Fachkräfte keine Zukunft."