Historische Produktivitätsgewinne sind kein Freibrief für Arbeitszeitverkürzung
„Der Verweis des ÖGB auf die Produktivitätsgewinne der vergangenen Jahrzehnte greift zu kurz“, erklärt WKV-Direktor Julian Fässler in der aktuellen Diskussion.
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Österreich befindet sich im dritten Rezessionsjahr, verliert an Wettbewerbsfähigkeit und die gesamte Wirtschaft steht massiv unter Druck. Die aktuelle Industriekonjunktur in Vorarlberg zeigt zum Beispiel: „Wir sind nicht in einer Phase, in der zusätzliche Kosten und weniger Arbeitszeit problemlos aus Produktivitätsgewinnen finanziert werden können“, sagt Fässler.
Genau deshalb überzeugt das Argument des ÖGB, die Arbeitszeitverkürzung sei durch Produktivitätsgewinne der vergangenen Jahrzehnte bereits „abgedeckt“, nicht. Der WKV-Direktor argumentiert: „Produktivität ist kein historisches Guthaben, das man heute einfach aufbrauchen kann. Entscheidend ist, was Unternehmen heute erwirtschaften und welche Kosten sie aktuell tragen müssen.“ Steigen die Kosten je Arbeitsstunde stärker als die Produktivität, wird Produktion teurer – und Österreich verliert weiter an Wettbewerbsfähigkeit. Eine generelle Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich würde diesen Kostendruck zusätzlich verschärfen.
Die Wirtschaft kann nicht von den Erfolgen vergangener Jahrzehnte leben. Produktivität entsteht durch Investitionen, Innovation, Digitalisierung, effiziente Prozesse – aber auch durch Auslastung und eine wettbewerbsfähige Kostenstruktur. Wenn Produktion und Wertschöpfung zurückgehen, hilft der Blick zurück allein nicht weiter.
29,4 oder 40,7 Stunden – worum es wirklich geht
Auch die Debatte um die durchschnittlich geleisteten 29,4 Wochenstunden führt am eigentlichen Punkt vorbei. „Ja, diese Zahl umfasst Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigte. Sie zeigt aber das tatsächlich geleistete Arbeitsvolumen und damit einen wesentlichen Faktor unserer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit“, betont Fässler und führt weiter aus: „Es geht nicht darum, Teilzeit gegen Vollzeit auszuspielen oder Beschäftigten vorzuwerfen, sie würden zu wenig arbeiten. Es geht um etwas Grundsätzlicheres: In Österreich herrscht ein spürbarer Arbeitskräftemangel. Gleichzeitig steht die heimische Wirtschaft unter enormem Kosten- und Wettbewerbsdruck, das hohe Lohnniveau ist eine zusätzliche Herausforderung für die Betriebe. Und ausgerechnet jetzt soll das verfügbare Arbeitsvolumen zusätzlich reduziert werden – bei vollem Lohnausgleich.“ Wir sollten daher nicht darüber diskutieren, wie wir uns die Krise mit weniger Arbeit leisten können. Wir müssen darüber reden, wie wir wieder mehr Wertschöpfung, Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit nach Österreich bringen“, ist der WKV-Direktor überzeugt.
Die entscheidende Frage lautet für Julian Fässler daher: „Kann sich ein Land, das im internationalen Wettbewerb zurückfällt, dessen Wirtschaft unter Druck steht und dessen Produktivitätsentwicklung schwach ist, eine generelle Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich leisten? Unsere Antwort lautet: Auf absehbare Zeit nicht.“