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Schulkinder
© Getty Images

Wenn Schule zum Organisationsproblem wird

Für berufstätige Eltern wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zur logistischen Herausforderung. 

Lesedauer: 5 Minuten

Aktualisiert am 01.09.2026

Die neun Wochen Sommerferien neigen sich dem Ende zu. Während Schulkinder die lange Auszeit als Freiheit erleben, bedeutet der Sommer für viele Eltern vor allem eines: den jährlichen Betreuungsausnahmezustand. Die Lücke zwischen Urlaubsanspruch und Schulferien ist riesig. Österreichs Schulen schließen pro Jahr für knapp 15 Wochen – Arbeitnehmer:innen stehen im selben Zeitraum meist nur fünf Wochen Urlaub zu. Wenn nun das neue Schuljahr startet, endet die Belastung keineswegs. Im Gegenteil: Eingeschränkte Unterrichtszeiten, unvollständige Stundenpläne und unvorhersehbare Nachmittagsangebote in den ersten Wochen verwandeln die Arbeitsorganisation für Familien wie auch für Arbeitgeber:innen in ein logistisches Labyrinth.

Gudrun Petz-Bechter, Direktor-Stellvertreterin der Wirtschaftskammer Vorarlberg erklärt: „Der Schulbeginn im September sollte für alle Beteiligten verlässlich und planbar sein, in der Realität ist es aber so, dass ein geregelter Unterricht erfahrungsgemäß erst Tage nach dem offiziellen Schulstart stattfindet. Nach neunwöchigen Sommerferien sind zusätzliche Betreuungslücken durch unklare Stundenpläne und frühe Unterrichtsenden für viele Familien schwer zu bewältigen.“

Organisatorische Herausforderung für Familien

Besonders hart trifft die Infrastrukturlücke berufstätige Eltern und Alleinerziehende. Wer kein stabiles familiäres Netz hat oder sich externe Betreuung nicht leisten kann, gerät rasch an seine Grenzen. Auch Homeoffice kann nur begrenzt Abhilfe schaffen und ist ohnehin nicht für alle Berufsgruppen überhaupt möglich. Es geht daher nicht um ein individuelles Organisationsproblem einzelner Familien, sondern um ein systemisches Problem an der Schnittstelle von Bildungspolitik, Arbeitsmarkt und Familienförderung.

Wie groß der Handlungsdruck ist, zeigen die Zahlen einer repräsentativen Studie des Digital Research Instituts Marketagent unter 1.000 Österreicher:innen: Für 89 Prozent der berufstätigen Eltern werden die Ferien zur erheblichen organisatorischen Belastung. Hinzu kommt die finanzielle Belastung: Für drei Viertel bedeutet die Sommerbetreuung eine erhebliche Mehrbelastung, weil Camps, Ausflüge und andere Angebote das Haushaltsbudget strapazieren. Deswegen sind 41 Prozent der Familien bei der Überbrückung der Ferien auf die Hilfe von Großeltern oder Verwandten angewiesen.

Ferienpolitik an der Lebensrealität vorbei

Vor diesem Hintergrund überrascht der Ruf nach Reformen kaum. Laut der Marktagent-Studie halten die Hälfte der Befragten die neunwöchige Sommerpause für nicht mehr zeitgemäß und sprechen sich für eine Verkürzung auf durchschnittlich sechs bis sieben Wochen aus. Gleichzeitig wünschen sich 45 Prozent der Eltern mehr gezielte Unterstützung für Berufstätige, 40 Prozent fordern flächendeckende und leistbare Ferienbetreuung.

Doch politisch bewegt sich wenig. Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) hat eine Verkürzung der Sommerferien zuletzt ausgeschlossen. Damit wird eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe weiterhin weitgehend ins Private verschoben. Und die entsprechenden Kosten und Belastungen landen bei jenen Familien, die über die geringsten Ausweichmöglichkeiten verfügen.

Planungsschwierigkeiten durch Lehrermangel
 Verschärft wird diese organisatorische Herkulesaufgabe durch ein weiteres strukturelles Versäumnis: den eklatanten Lehrer:innenmangel im Land. Einen Monat vor Beginn des neuen Schuljahres waren in Vorarlberg vorläufig erst 43 Prozent der rund 12.700 ausgeschriebenen Unterrichtsstunden vergeben. Damit bildet man das klare Schlusslicht Österreichs. Während Kärnten zu diesem Zeitpunkt bereits eine Besetzungsquote von 83 Prozent und die Steiermark 85 Prozent vorweisen konnten, liegt der bundesweite Schnitt bei zwei Drittel. Die Konsequenzen dieser Personalnot sind keineswegs nur schulischer Natur, sondern schlagen voll auf den Alltag der Familien durch: Wo kein fester Personalplan steht, können keine verlässlichen Stundenpläne erstellt werden. Das Ergebnis ist ein Logistikchaos in den ersten Schulwochen, dass die Arbeitsorganisation der Eltern vor enorme Herausforderungen stellt.

Ferienaufteilung im EU-Vergleich
Dass der Sommer für Familien regelmäßig zur Belastungsprobe wird, ist keineswegs schicksalhaft, sondern die Folge der Ferienarchitektur. Mit insgesamt 180 Schultagen liegt Österreich zwar exakt im europäischen Durchschnitt, und auch das Gesamtausmaß der schulfreien Zeit unterscheidet sich im internationalen Vergleich nur unwesentlich. Der eigentliche Knackpunkt liegt in der Verteilung der freien Tage über das Jahr hinweg.

Österreich leistet sich mit 63 Tagen eine lange Sommerpause, während auf das restliche Schuljahr lediglich 37 Ferientage entfallen. Nachbarländer wie Deutschland (44 Sommerferientage/45 unter dem Jahr) oder die Schweiz (42/56) setzen auf kürzere Sommereinschnitte zugunsten einer gleichmäßigeren Entlastung durch das Jahr hindurch. Am knappsten bemessen sind die Sommerferien in den Niederlanden mit nur 42 Tagen bei 35 weiteren Ferientagen im Schuljahr. Den Gegenpol bilden südeuropäische Staaten wie Griechenland mit 87 oder Italien mit gar 99 Sommerferientagen – was dort allerdings mit kaum Unterbrechungen im laufenden Schuljahr (29 beziehungsweise 21 Tage) ausgeglichen wird.

Verlässliche Schulzeiten entlasten Familien und Unternehmen
Die Wirtschaftskammer Vorarlberg (WKV) fordert verlässliche Rahmenbedingungen für den Schulstart. Kurzfristige oder eingeschränkte Unterrichtszeiten in der ersten Schulwoche erschweren die Organisation für berufstätige Eltern und Unternehmen gleichermaßen. Auch jährlich wechselnde Nachmittagsunterrichtstage erhöhen den Planungsaufwand bei Arbeitszeiten, Betreuung und Freizeit. „Wir brauchen möglichst ganztägige bzw. reguläre Unterrichtszeiten bereits in der ersten Schulwoche sowie die frühzeitige Bekanntgabe der Stundenpläne“, fordert Karlheinz Kopf, Präsident der WKV, und führt aus: „Größere Konstanz bei den Nachmittagsunterrichtstagen über mehrere Schuljahre hinweg und ein normaler Unterrichtsbetrieb bis zum Beginn der Sommerferien.“

Eine moderne Bildungslandschaft muss aus Sicht der Wirtschaft auch die Lebensrealität berufstätiger Eltern berücksichtigen. „Verlässliche Stundenpläne ab Schulbeginn sind längst nicht nur ein bildungspolitisches Thema, sondern wichtig für die Planbarkeit in Unternehmen sowie ein Faktor für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, sagt Petz-Bechter. Das würde Eltern entlasten und gleichzeitig den organisatorischen Aufwand in den Unternehmen reduzieren. Gefordert werden deshalb regulärer Unterricht ab dem ersten Schultag, mehr Konstanz bei den Stundenplänen und ein verstärkter Dialog zwischen Bildungsdirektion, Schulen, Elternvertretungen und Wirtschaft.