Felix Hoffmann bei CONNECT
Ein Plädoyer für den kritischen Blick
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Fotografie ist – heute mehr denn je – ein vielschichtiges Medium: Sie dokumentiert nicht nur, sondern konstruiert mitunter Wirklichkeit und ist im digitalen Zeitalter zunehmend manipulierbar. Im Rahmen der CONNECT-Vortragsreihe an der Höheren Graphischen Bundes-, Lehr- und Versuchsanstalt sprach Felix Hoffmann – künstlerischer Leiter des Foto Arsenal Wien und Direktor der FOTO WIEN – am 15. April 2026 über die gesellschaftliche Bedeutung von Fotografie und die wachsende Notwendigkeit, visuelle Inhalte kritisch zu lesen.
Zum Abschluss der aktuellen CONNECT-Vortragsreihe an der Graphischen spannte der Bild- und Kulturwissenschaftler Felix Hoffmann, der seit Herbst 2022 das Zentrum für Fotografie und Lens Based Media Foto Arsenal Wien und die FOTO WIEN leitet, einen weiten Bogen: von historischen Bildpraktiken bis hin zu aktuellen Entwicklungen wie z. B. KI-generierten Bildern, die kaum mehr von der Realität zu unterscheiden sind. Mit konkreten Beispielen aus seiner wissenschaftlichen Arbeit, kuratierten Ausstellungen und seinem Engagement in der Vermittlung von Medienkompetenz veranschaulichte Hoffmann die Themen seines Vortrags und gab den Gästen einen spannenden Einblick in Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Fotografie.
Zwischen Erinnerung und Inszenierung
Felix Hoffmann startete mit einem Thema, mit dem er sich über viele Jahre intensiv wissenschaftlich auseinandergesetzt hat und das in eine Ausstellung sowie ein Buch mündete: die Verbindung von Tod und Fotografie. Ein Beispiel dafür ist die Post-mortem-Fotografie des 19. Jahrhunderts, die Aufnahmen von Verstorbenen zeigt, die sorgfältig inszeniert sind, oft so, als würden sie noch leben. „Was heute befremdlich wirkt, war damals ein selbstverständlicher Teil der Erinnerungskultur“, so Hoffmann. Er stellte diese historischen Aufnahmen auch in einen spannenden Dialog mit künstlerischen Arbeiten der Gegenwart – etwa von Andrés Serrano, Thomas Demand oder Christian Boltanski, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Tod befassen.
Bilder als Instrument der Macht
Dass Fotografie nicht nur einfach abbildet, sondern auch Wirklichkeit konstruiert, veranschaulichte Hoffmann an einem weiteren Ausstellungsprojekt, an dem er aktuell arbeitet: Im späten 19. Jahrhundert versuchten Wissenschaftler wie Cesare Lombroso oder Francis Galton aus Portraitaufnahmen bestimmte „prototypische“ Gesichtsstrukturen anhand der Formen von Nase, Ohren, Mund etc. herauszulesen und so vermeintliche Gesetzmäßigkeiten für z. B. Kriminalität, Herkunft oder Krankheit zu definieren. Durch systematische Kategorisierungen entstand die Idee eines „prototypischen“ Gesichts – mit fatalen Folgen, wie die Geschichte zeigt: Viele dieser Ideen zur Typologisierung von Menschen flossen später in rassistische und menschenverachtende Ideologien wie die sogenannte „Rassenhygiene“ im Nationalsozialismus ein. „Fotografie wurde hier also zum Werkzeug gemacht, um das zu zeigen, was gesehen werden soll – um z. B. Kriminalität oder Krankheit zu determinieren“, so Hoffmann. Diese Beispiele verdeutlichen eindrucksvoll, dass Fotografie stets auch ein Instrument ist, das von gesellschaftlichen Machtverhältnissen und Interessen geprägt wird.
Von der Postkarte zum Dauerstrom
Fotografie war immer auch Kommunikation. Von den ersten Bildpostkarten bis zu Instagram & Co. hat sich vor allem eines verändert: die Menge. Die Ausstellung „Send me an Image. From Postcards to Social Media“, die Hoffmann 2021 gemeinsam mit Dr.in Kathrin Schönegg an der C/O Berlin kuratierte, zeigte genau diesen Wandel. Besonders beeindruckend: Erik Kessels’ Arbeit „24HRS in Photos“, in der 350.000 Fotos, die 2006 an nur einem Tag auf Flickr online gestellt wurden, als Ausdrucke im Raum landen. Ein Berg von Fotos, ein visuelles Übermaß, das fast erschlägt – und ziemlich gut zeigt, wie wir heute mit Bildern leben.
Zwischen Realität und Manipulation
Bilder von Papst Franziskus in modischer Designer-Daunenjacke oder Frankreichs Präsident Macron auf der Flucht vor Demonstrant:innen: Sie sind komplett KI-generiert, aber wirken täuschend echt und zeigen, wie leicht visuelle Inhalte heute manipuliert werden können. „Um so wichtiger ist es, Bilder kritisch zu hinterfragen“, so Hoffmann: „Woher stammen sie? Welche Absicht verfolgen sie? Und welche Wirkung entfalten sie?“. Für Hoffmann ist klar: Medienkompetenz ist längst keine Kür mehr, sondern Voraussetzung. Bilder zu befragen, ihren Kontext zu verstehen – all das wird immer wichtiger.
Medienkompetenz zu vermitteln, gehört für Hoffmann daher zu den zentralen Anliegen seiner Arbeit. Dafür brauche es auch neue Wege: „Formate, die über den Ausstellungsraum hinausgehen, Menschen direkt ansprechen – etwa in Workshops vor Ort.“ Gleichzeitig rücken auch digitale Angebote immer stärker in den Fokus.
Offene Fragen bleiben…
Abschließend ging es im Gespräch mit den Schüler:innen der Graphischen, Lehrenden und Wiener Berufsfotograf:innen um die Zukunft: Wie verändert KI die Fotografie? Was bedeutet in dem Kontext Authentizität noch? Es gab spannende Antworten aus dem Publikum – aber es wurden auch viele Fragen in den Raum gestellt, auf die sich vorerst keine Antwort fand. Und vielleicht ist genau das der Punkt: Fotografie ist kein abgeschlossenes Kapitel. Sie ist ein offenes System. Eines, das ständig in Bewegung ist – und alle Beteiligten zwingt, genauer hinzusehen.
Vielen Dank an Felix Hoffmann, für diesen inhaltlich facettenreichen Schlusspunkt der aktuellen CONNECT-Vortragsreihe. CONNECT, eine gemeinsame Initiative der Landesinnung Wien und der Graphischen, geht im Schuljahr 2026/27 mit frischen Themen und Expert:innen in die nächste Runde.