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stehende Frau mit Mikro hält Vortrag
© Helmut Graf
Berufsfotografie, Landesinnung

Die Kraft, ander(e)s zu sehen

Am 31. März 2026 war US-Fotografin und Filmemacherin Ami Vitale auf Einladung der Landesinnung Wien zu Gast im Atelier Setzer-Tschiedel. Ihr berührender, bildstarker Vortrag zeigte: Fotografie ist weit mehr als Dokumentation. Sie verbindet, schafft Empathie und eröffnet neue Perspektiven. Ein Nachbericht über einen außergewöhnlichen Abend.

Lesedauer: 4 Minuten

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10.04.2026

Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt, gut ein Dutzend weiterer Gäste stehen im Vorraum und lauschen gespannt. Es ist einer jener seltenen Momente, in denen sich Raum und Zeit verdichten, weil eine Stimme zu hören ist, die die Welt gesehen hat. Am Tag zuvor mit dem renommierten Global Peace Photo Award im Wiener Rathaus ausgezeichnet, spricht Ami Vitale nicht über Bilder im klassischen Sinn, sondern über das, was ihnen vorausgeht: Begegnung, Verantwortung und die Art, wie wir auf die Welt blicken.

Grenzen überwinden

Fotografieren ist für Ami Vitale kein Akt des Festhaltens, sondern eine Möglichkeit, Beziehungen zu schaffen, Verbindungen herzustellen und Geschichten sichtbar zu machen, die sonst ungehört bleiben. Im Zentrum steht nicht das spektakuläre Bild, sondern die Haltung dahinter. Empathie – als Ursprung jeder Kreativität – zieht sich wie ein roter Faden durch das Denken und Arbeiten der preisgekrönten Künstlerin. Wer wirklich sieht, so ihre implizite Botschaft, kann nicht unberührt bleiben.

stehende Frau mit Mikro hält Vortrag
© Helmut Graf

Für diese Art des Berührens geht Ami Vitale immer wieder über ihre eigenen Grenzen hinaus. „Push yourself out of your comfort zone and your world opens up“, ist ihr Motto. Mehrfach schon hat sie solche Momente erlebt – etwa in Kaschmir beim Besteigen eines Gletschers, in bitterer Kälte und am Ende ihrer Kräfte; bei ihren Afrika-Aufenthalten, wo ihr anfangs nur zwei Säcke Reis und zwei Hühner als Versorgungsgrundlage dienten; oder bei ihren Panda-Projekten, für die sie stundenlang in einem Tarnkostüm steckte, getränkt mit Panda-Urin, um so nahe wie möglich an die Tiere heranzukommen. Und immer wieder auch mitten in Kriegsgebieten.

Gerade in einer Welt, die von Krisenbildern geprägt ist, stellt Ami Vitale eine zentrale Frage: Welche Geschichten erzählen wir – und welche lassen wir aus? Wenn wir Gewalt dokumentieren, laufen wir Gefahr, sie zu reproduzieren und damit ungewollt Teil jener Narrative zu werden, die Konflikte weiter antreiben. Und doch existieren selbst im Schatten des Krieges Momente von Würde, Humor und Zusammenhalt. Diese sichtbar zu machen, bedeutet nicht, die Realität zu beschönigen, sondern sie zu vervollständigen.

Perspektiven erweitern

Ein wiederkehrendes Motiv in Vitales Vortrag ist der Perspektivwechsel. Sie spricht von einem „Tunnelblick“, der entsteht, wenn wir uns zu sehr auf das konzentrieren, was unmittelbar vor uns liegt – sei es durch eine Kamera oder im übertragenen Sinn durch unsere eigenen Überzeugungen. Der bewusste Schritt zurück, das Umdrehen, das Erweitern des Blickfelds wird so zu einer grundlegenden Haltung: Nur wer bereit ist, seine Perspektive zu verändern, kann Zusammenhänge erkennen.

Diese Haltung wird besonders deutlich im Umgang mit der Natur. „Der Krieg gegen die Natur ist ein Krieg gegen uns selbst“, sagt Vitale – und macht klar, dass ökologische Krisen keine isolierten Phänomene sind, sondern eng mit sozialen, politischen und wirtschaftlichen Fragen verwoben. Geschichten über Tiere, Landschaften oder Klimawandel sind immer auch Geschichten über uns als Menschen: über unser Verhältnis zu Ressourcen, über Verantwortung und darüber, wie wir künftig leben wollen.

Die Kraft der kleinen Geste

Dabei liegt die Kraft in Vitales Erzählungen oft im Kleinen. In einfachen, fast unscheinbaren Lösungen, die große Wirkung entfalten können – etwa wenn lokale Gemeinschaften Teil der Antwort werden, statt nur als Betroffene gesehen zu werden. Es ist ein Denken, das nicht auf schnelle, spektakuläre Veränderungen abzielt, sondern auf nachhaltige, gemeinschaftliche Prozesse. „Re-imagine how we can do things differently“ – dieser Gedanke zieht sich durch viele von Ami Vitales Projekten und lädt zum Nachdenken ein. Danke dafür, Ami!

An dieser Stelle danken wir auch Lois Lammerhuber für die einleitenden Worte sowie dem Photoatelier Setzer-Tschiedel für die Gastfreundschaft.


Ami Vitale ist eine vielfach ausgezeichnete Fotojournalistin, Filmemacherin und Autorin aus dem US-Bundesstaat Montana. Ihre Karriere begann in Konflikt- und Krisengebieten, wo sie über Jahre hinweg soziale und politische Umbrüche dokumentierte. Im Laufe der Zeit verlagerte sich ihr Fokus zunehmend auf globale Umwelt- und Naturschutzthemen. Heute arbeitet sie an der Schnittstelle von Mensch und Natur und erzählt Geschichten über Artenvielfalt, Klimawandel und nachhaltige Entwicklungen. Vitale ist unter anderem für das Magazin National Geographic tätig und engagiert sich in internationalen Initiativen für Naturschutz und Bildung. https://www.amivitale.com/

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