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Emiliya Georgieva, Gründerin des Eissalons Gaya Gelato
© Max Slovencik

Ein guter Boden für Gründer

Wien bleibt Österreichs Gründer-Hotspot Nummer eins. Der Standort soll weiter gestärkt und die Gründungsdynamik ausgebaut werden.

Lesedauer: 8 Minuten

Aktualisiert am 16.09.2026

Das Stuwerviertel legte in den letzten Jahren eine beachtliche Wandlung hin und schaffte den Riesenschritt vom zwielichtigen Rotlichtviertel zur gefragten Wohngegend neben dem Prater. Auch Emiliya Georgieva mag das Viertel. Erst zu Beginn des Sommers eröffnete sie ihren Eissalon Gaya Gelato in der Stuwerstraße. „Ein guter Ort”, sagt sie. „Es gibt hier kein anderes Eisgeschäft in der Nähe, die U-Bahn ist ums Eck und es wohnen viele Familien hier.” Die Jungunternehmerin arbeitete 13 Jahre lang in der Luftfahrtbranche und lebte in fünf verschiedenen Ländern gelebt. Interesse an Unternehmertum und Wirtschaft habe sie immer gehabt, sagt sie. „Trotzdem fehlte mir lange die Entschlossenheit, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen - bis ich auf Gaya Gelato aufmerksam wurde.” Mehrere Monate war das eigene Geschäft nur ein Traum - „bis ich eines Morgens aufwachte mit dem klaren Gedanken, dass das Leben zu kurz ist, um zu zögern”, erzählt sie. Sie begann mit der Standortsuche, und dann dauerte es noch ein gutes halbes Jahr, bis sie ihren Salon heuer im Sommer - zur Eis-Hochsaison - eröffnen konnte.

Unsere Wirtschaft lebt von Gründerinnen und Gründern, die ihre Ideen mutig umsetzen.

Gaya Gelato ist ein Franchisesystem, gegründet vor mehr als 15 Jahren von einem Italiener auf Bali. Die Marke setzt auf handwerklich erzeugtes Eis, frische, hochwertige Zutaten ohne künstliche Zusätze und weniger Zucker. Georgieva bereitet täglich zwölf - saisonal variable - Eissorten frisch zu, viele davon vegan. „Besonders für Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer ohne Erfahrung ist ein Franchisesystem eine ideale Lösung”, so Georgieva. Dennoch: Jeder Anfang, so sagt die gebürtige Bulgarin, sei schwer, besonders wenn man nicht hier geboren ist und weder die Sprache perfekt spricht noch die lokalen, im Lebensmittelbereich ziemlich strengen Richtlinien genau kennt. Geholfen hat ihr die Unterstützung durch die WK Wien, deren Gründungsexpertinnen und -experten sie von Anfang an begleitet und beraten haben. Die Jungunternehmerin ist froh, den Schritt gewagt zu haben. „Ich wollte schon immer etwas machen, das Menschen glücklich macht”, sagt sie.

Mehr als 6000 neue Unternehmen

Die eigenen Ideen im eigenen Unternehmen und auf eigene Verantwortung verwirklichen zu können - das ist für viele Jungunternehmer eine wichtige Motivation, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Wien ist ein fruchtbarer Boden dafür: 6106 Unternehmen wurden in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres neu gegründet - das sind deutlich mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres und ein neuer Halbjahresrekord. Wiens unangefochtene Position als österreichische Gründungshochburg wurde damit eindrucksvoll bestätigt. Gut jedes vierte Unternehmen, das zwischen 1. Jänner und 30. Juni 2026 in Österreich neu gestartet wurde, hat seinen Sitz in der Bundeshauptstadt. Überhaupt ragt Wien im Österreich-Vergleich heraus: Während der Anstieg bei den Gründungen im ersten Halbjahr bundesweit bei 2,8 Prozent lag, verzeichnete Wien im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 8,5 Prozent.

Für Margarete Kriz-Zwittkovits, Präsidentin der WK Wien, unterstreichen die Zahlen den starken Gründergeist in der Stadt: „Die hohe Zahl an Neugründungen zeigt die besondere Dynamik des Wirtschaftsstandorts Wien. Wer trotz schwieriger Rahmenbedingungen ein eigenes Unternehmen aufbaut, setzt ein starkes Zeichen für Mut, Eigeninitiative und Zukunftsvertrauen”, sagt sie.

Wiens Gründerszene ist anders

Nicht nur bei der Gründungsdynamik unterscheidet sich Wien von den Bundesländern, sondern auch hinsichtlich der Branchenstruktur. Die meisten Unternehmen wurden zwar auch in Wien im Gewerbe und Handwerk gegründet, nämlich ein gutes Drittel (35 Prozent). Zum Vergleich: Im Bundesdurchschnitt zählt mehr als jedes vierte neu gegründete Unternehmen zu dieser Sparte. Dafür hat Wien einen deutlich größeren Schwerpunkt bei wissensbasierten Dienstleistungen: 27 Prozent der Neo-Unternehmerinnen und -Unternehmer sind in der Sparte Information und Consulting angesiedelt. Österreichweit liegt der Anteil bei knapp einem Fünftel. Auch Transport und Verkehr sowie Tourismus und Freizeitwirtschaft haben in Wien einen überdurchschnittlichen Anteil.

KI als Gamechanger

Mit wissensbasierten Dienstleistungen will auch Mathias Lipp-Rosenthal durchstarten. Anfang Juni gründete der Neo-Unternehmer seine KI-Schmiede und begleitet Betriebe bei der Implementierung von Künstlicher Intelligenz. Er bietet ein Rundum-Paket an von Beratung, Hilfe bei der Umsetzung und Schulungen. „KI wird zum integralen Bestandteil jeder Unternehmensarchitektur werden, wenn der Betrieb seine Qualität und Effizienz steigern will”, ist er sicher. Das Potenzial für KI-Unterstützung sei enorm. „Viele Unternehmen sind bei KI noch ganz am Anfang, der Info-Bedarf ist also hoch.” Ihn selbst fasziniere, dass KI die Technik und Lernen in Organisationen verbindet, so der Techniker mit Soziologie-Studium. Zur Selbstständigkeit entschloss er sich, weil er im beruflichen Umfeld seine eigenen Ideen nicht verwirklichen konnte. Bis zur Gründung dauerte es dann zwei Jahre. Diese waren auch von Ängsten begleitet, erzählt er - „schließlich bin ich der erste Unternehmer in der Familie und auch Familienvater.” Was für ihn erfolgsentscheidend ist? „Man muss als Unternehmer auch Verkäufer sein, vor allem als EPU. Es geht darum, Menschen zu überzeugen, dass die eigene Leistung ihnen hilft”, sagt Lipp-Rosenthal und betont: „Ehrlichkeit ist dabei wichtig - sagen, was geht und was nicht.” Ein wichtiges Learning hat der Neo-Unternehmer schon mitgenommen: „Ich weiß jetzt, was unternehmerisches Risiko bedeutet, und habe viel Respekt vor der Verantwortung, die Selbstständige tragen.”

Gründergeist weiter anfachen

Eine aktive Gründerszene ist wichtig für den Wirtschaftsstandort Wien. Neue Unternehmerinnen und Unternehmer bereichern die Wirtschaft und sorgen für Dynamik und Erneuerung. Um den Gründergeist weiter zu stärken, haben WK Wien und Stadt Wien beschlossen, ihr Unterstützungsangebot für angehende Selbstständige zu bündeln und auszubauen. Die Gründerberatung soll koordiniert und weiterentwickelt, die jeweiligen Stärken sollen zusammengeführt werden, um eine durchgängige Beratung Gründungswilliger zu garantieren. Einbezogen werden auch jene Stellen, die wachstumsorientierte junge Unternehmen nach der Gründung begleiten. Das ist eines von elf Leuchtturmprojekten aus der gemeinsamen Zukunftsvereinbarung von WK Wien und Stadt Wien.

„Die Wirtschaft lebt von kreativen Gründerinnen und Gründern, die ihre Geschäftsideen umsetzen und dabei bereit sind, etwas zu riskieren. Wir wollen das große unternehmerische Potenzial, das in Wien vorhanden ist, bestmöglich unterstützen”, betont Kriz-Zwittkovits. Einen konkreten Schritt dazu setzt die WK Wien jetzt mit ihrer neuen Gründungsakademie. Das Programm, das im November erstmals startet, bietet allen, die gerade gründen oder vor kurzem ihr Business gestartet haben, Know-how, das über die wichtigsten Grundlagen hinausgeht, sowie Begleitung in Form von Mentoring und Vernetzung.

Geduld ist eine Gründer-Tugend

Lebenslanger Wissensdurst sei wichtig für Jungunternehmende, weiß Anna Rennhofer, Unternehmensberaterin für Finanzen und Controlling und als Mentorin bei der WK Wien-Gründungsakademie mit dabei. „Wer ein Unternehmen aufbaut, muss bereit sein, ständig dazuzulernen, auch in Bereichen, mit denen man sich bisher wenig beschäftigt hat oder die einem vielleicht nicht besonders liegen.”

Auch Innovationsbereitschaft, eine gewisse Frustrationstoleranz und eine positive Grundhaltung seien gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Selbstständigkeit. In der Anfangsphase brauche es vor allem finanzielle Mittel, Wissen und Zeit. Diese drei Bereiche müssten auch gut aufeinander abgestimmt sein, sagt die Expertin. „Wer wenig Kapital zur Verfügung hat, benötigt oft mehr Zeit und Eigenleistung. Wer schneller wachsen möchte, muss häufig in Wissen, Unterstützung oder externe Leistungen investieren.” Vielen fehle es am Anfang ihrer Selbstständigkeit auch an Geduld, so Rennhofer. „Oft entsteht der Eindruck, dass sich innerhalb weniger Monate ein hochprofitables Unternehmen aufbauen lässt. In der Realität braucht nachhaltiger Unternehmenserfolg jedoch meist mehr Zeit”, weiß die Expertin.

Anna Rennhofer „Ich möchte Gründenden vermitteln, dass sie auf den finanziellen Erfolg ihres Betriebs selbst großen Einfluss haben.”
Interview mit Anna Rennhofer, Unternehmensberaterin, Mentorin bei der WK Wien Gründungsakademie  
Sie sind Mentorin bei der Gründungsakademie - Warum?
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass bei einer Unternehmensgründung plötzlich die Verantwortung für alle Entscheidungen bei einem selbst liegt. Gerade zu Beginn kann das überwältigend sein, weil man auch Themen außerhalb der eigenen Kernkompetenz bearbeiten muss. Als Mentorin nehme ich niemanden Entscheidungen ab. Ich gebe Orientierung, beantworte Fragen und unterstütze Gründende dabei, mehr Sicherheit bei Finanzentscheidungen zu gewinnen.

Was ist Ihr Ziel in dieser Rolle?

Meine Aufgabe ist, Gründende auf das Thema Finanzen im Betrieb vorzubereiten. Noch immer besteht oft die Vorstellung, dass alles rund um Finanzen vollständig an die Steuerberatung ausgelagert werden kann. Mein Ziel ist zu vermitteln, dass Selbstständige einen großen Einfluss auf den finanziellen Erfolg ihres Unternehmens haben. Das beginnt bei der Preiskalkulation und zieht sich durch den ganzen unternehmerischen Alltag bis zur laufenden Planung und Steuerung der Finanzen.

Wie wichtig ist ein guter Finanzplan für Gründende?
Er ist eine wichtige Grundlage, reicht allein aber nicht aus. Entscheidend ist, dass Gründende ihren Finanzplan auch regelmäßig aktualisieren und aktiv für ihre Entscheidungen nutzen. Gerade in der Gründungsphase und in den ersten Jahren, die finanziell oft besonders herausfordernd sind, hilft ein Finanzplan dabei, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig gegenzusteuern.

Worauf sollten Gründende besonders achten?
Erstens braucht es ausreichend finanzielle Ressourcen für die Startphase. Zweitens sollte man laufend prüfen, welche Aufgaben man selbst übernimmt und welche man auslagert. Externe Unterstützung kann Zeit sparen und Wachstum beschleunigen. Drittens braucht erfolgreiche Unternehmensentwicklung Zeit. Mein wichtigster Tipp: Gute Vorbereitung mit Tatendrang verbinden. Nicht auf den perfekten Zeitpunkt warten, sondern ins Tun kommen.