Energiekosten kaum noch planbar
Strom, Gas, Sprit - für all das sind die Preise seit 2017 in etwa doppelt so stark gestiegen wie die allgemeine Teuerung.
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Im Bild: Manfred Sramek, Geschäftsführer des Wiener Busunternehmens Sramek Reisen
Der Wiener Busunternehmer Manfred Sramek hat schon angenehmere Zeiten erlebt. Vor wenigen Tagen hat er die neueste, 14-tägliche Tankabrechnung auf den Tisch bekommen: rund 10.000 Euro. Vor einem Jahr zur selben Zeit waren es 4500 Euro. „Die Preisentwicklung ist enorm. Ich schaue von meinem Büro aus direkt auf die Tankstelle und sehe mit Schrecken, was sich dort abspielt. Solche Veränderungen habe ich noch nicht gesehen”, sagt Sramek, der seit 39 Jahren im Familienbetrieb arbeitet, den sein Vater 1971 gegründet hat. Sechs Busse hat er aktuell in seiner Flotte im 20. Bezirk, spezialisiert ist Sramek Reisen auf anlassbezogene Busfahrten für Kindergärten, Schulen, Senioren und Firmen. „Wir versuchen, den Kunden die Preise transparent vorzurechnen. Denn ich muss die Spritpreise tagesaktuell weitergeben, es geht nicht mehr anders. Auch bei Anfragen für das nächste Jahr kann ich keine Fixpreise nennen, nur Richtpreise mit einer Spanne nach oben und unten”, sagt der Unternehmer. Für Stammkunden kann er Preise wie im Vorjahr nicht bieten - „das ist nicht mehr zu schlucken”.
Hohe Energiepreise sind nicht nur für die Industrie ein echter Nachteil.

Margarete Kriz-Zwittkovits
Präsidentin der Wirtschaftskammer Wien
Sramek bemerkt bereits, dass die Kunden reagieren - mit weniger Ausflügen: „Bei Kindergärten und Schulen gibt es immer mehr Zurückhaltung, sie haben sicher auch den Druck der Eltern, weil es für sie zu teuer wird.” Dabei seien gerade Schullandwochen, Skikurse und Tagesausflüge wichtig, um den Horizont der Kinder zu erweitern. „Wir müssen den Umsatz jetzt in weniger Tagen machen”, sagt der Unternehmer. Trotzdem sei er optimistisch, dass es weitergeht. „Mit meinem Sohn ist bereits die nächste Generation im Unternehmen. Das ist unser Lebenswerk. Wir machen das sehr gerne und werden weiterhin versuchen, unseren Kunden ein gutes Angebot zu machen. Selbstläufer ist unser Geschäft aber keines”, sagt Sramek. Die Umstellung auf E-Busse hält er für seinen Betrieb derzeit für noch nicht machbar. Schon gar nicht ohne Photovoltaikanlage. Also bleibt nur der Weg zur Tankstelle. „Die Busse wegen der Spritpreise stehen zu lassen, wäre auch keine Lösung.”
Meist fehlen die Alternativen
Den hohen Energiebedarf im Unternehmen anders decken kann auch die Wiener Unternehmerin Renate Lüderitz nicht. Sie führt die in den 1930er Jahren von ihrem Vater gegründete Wäscherei und Feinputzerei Lüderitz im 4. Bezirk und ist seit 64 Jahren im Betrieb. Erlebt hat sie also schon viel, etwa die Ölkrise in den 1970er Jahren. Doch was in den vergangenen Jahren passiert ist, hat eine größere Dimension.
Ihre Geräte werden durch einen Gasdampfkessel betrieben. Strom sei keine realistische Alternative, sagt die Unternehmerin, die Umrüstung wäre viel zu teuer. Unter anderem müssten leistungsstarke Zuleitungen zu ihrem Geschäftslokal geschaffen werden. „Wir haben hier Gas seit 1972 und nie Probleme damit gehabt. Der Betrieb ist sehr zuverlässig. Mit meinem Lieferanten schließe ich immer einen Vertrag über zwei Jahre ab, das macht für mich die Kosten planbarer. Aber es ist schwer, den Kunden die Preissteigerungen zu erklären. Nicht alle haben dafür Verständnis”, sagt die Chefin von sieben Mitarbeitenden. Beim Verbrauch könne sie nicht sparen, die Arbeit müsse erledigt werden.
In der Tat drehen sich ihre Waschmaschinen in einer Tour, ebenso die Trockner und die große Bügelmaschine. Kleider, Mäntel, Hemden, Hosen, Arbeitsbekleidung, Tischtücher für die Gastronomie - all das wird in ihrem Meisterbetrieb im Akkord gereinigt, gebügelt und zur Abholung oder Auslieferung bereitgelegt. Lüderitz selbst ist im Dauereinsatz und liebt ihre Arbeit. „Ich war zwar zuletzt vor 25 Jahren auf Urlaub, aber ein paar Jahre werde ich hier sicher noch arbeiten”, sagt die 78-jährige Unternehmerin.
Strom am Spotmarkt einkaufen
Gewaltig große Mengen an Strom braucht Unternehmer Alexander Windbichler, der 2006 den Cloud-Dienstleister Anexia gegründet hat und mittlerweile mehr als 100 Rechenzentrumsstandorte in 70 Ländern der Welt betreibt. In Wien verfügt das Unternehmen mit Sitz in Klagenfurt über fünf Standorte. 500 Mitarbeitende arbeiten in Österreich, Deutschland und in den USA für die Gruppe. „Wir haben gelernt, dass wir keine langfristigen Verträge mehr machen können, bei denen wir das Strompreisrisiko komplett übernehmen. Lange Zeit haben wir das geschluckt und auf Profitabilität verzichtet, bis es nicht mehr ging. Der Preis schwankt enorm, für die Kalkulation ist das ein echtes Problem”, berichtet der Unternehmer. „Wenn wir die Preise erhöhen müssen, sind wir sehr stark in der Defensive, denn auch viele Kunden müssen sparen”, sagt Windbichler.
Anexia bezieht den Strom am Spotmarkt der Strombörse. „Im Moment kaufen wir eher kurzfristig ein, weil wenn ich heute für ein Jahr Energie einkaufe und in zwei Monaten ist der Preis wieder unten, dann habe ich einen erheblichen Wettbewerbsnachteil”, schildert Windbichler. Zusätzlich hat das Unternehmen auch in zwei Wasserkraftwerke und einen Photovoltaik-Park in Österreich investiert, um Preisspitzen etwas abfedern zu können. „Damit haben wir eine bessere Planungssicherheit”, erklärt der Unternehmer. Durch seine vielen Standorte in anderen Ländern sieht er zudem, was Strom andernorts kostet. „Die USA und auch Frankreich sind da wesentlich günstiger. Wir betreiben auch dort Standorte, damit wir unseren Kunden über diese günstigere Angebote machen können, wenn sie das wünschen. Wir stehen im internationalen Wettbewerb”, sagt Windbichler.
Nachteil im Wettbewerb
„Hohe Energiepreise sind für viele Betriebe ein echter Wettbewerbsnachteil. Das gilt nicht nur für die Industrie, die sich am Weltmarkt behaupten muss, sondern auch für jeden Gastro-Betrieb, Kleintransporteur oder Bäcker, der die Energiekosten in seine Produkte einpreisen muss und dadurch Kundschaft verliert”, sagt Wirtschaftskammer Wien-Präsidentin Margarete Kriz-Zwittkovits. „Wir müssen daher in Österreich und in Europa insgesamt an den strukturellen Voraussetzungen für wettbewerbsfähige Energiepreise arbeiten. Mit Stromkostenzuschüssen und Spritpreisbremsen werden Symptome behandelt, sie verbessern aber nicht die Systeme”, sagt Kriz-Zwittkovits. Es brauche daher ein breit gedachtes Maßnahmenprogramm mit einem beschleunigten Ausbau der alternativen Energien und der Energienetze, mit verbesserten Mechanismen im Energiehandel und mit mehr europäischem Denken.
Viele Betriebe können was tun
Den Energiemarkt und den Verbrauch vieler Unternehmen im Blick hat Roland Kuras. Der Wiener Unternehmer hat 2001 power solution gegründet, ein Unternehmen mit 15 Mitarbeitenden im Betriebsgebiet Liesing, das kleine wie große Firmen beim Energiemanagement und am Energiemarkt unterstützt und entsprechende Digitallösungen zur Verfügung stellt. Betrieben rät er, zuallererst Energieeinsparungen anzugehen. „Hier gibt es mehr Potenzial, als viele anfangs denken”, sagt Kuras. Meist seien fünf Prozent Einsparungen ohne große Investitionen möglich. Danach sollte der Verbrauch laufend überwacht werden, um Ausreißer zu lokalisieren. „Ich rate jedem Unternehmen zu einem monatlichen Energieverbrauchsreporting”, so der Experte.
Nächster Schritt sei, die Verbrauchsstrukturen zu verändern, damit sie besser zum Angebot am Markt passen - also Energie vor allem dann zu verbrauchen, wenn sie günstig ist. „Derzeit gibt es etwa bei Strom noch enorme Preisunterschiede zwischen der Mittagszeit und den Abendstunden. Durch immer mehr Stromspeicher wird sich das bis 2030 etwas abflachen”, meint Kuras.
Und viertens solle man die vielen Bezugsmöglichkeiten besser nutzen. So gebe es etwa durch Energiegemeinschaften, Peer-to-Peer-Verträge, Eigenverbrauchsanlagen, Einkaufen am Spotmarkt sowie durch die freie Wahl des Lieferanten bei Strom und Gas einen „bunten Strauß”, mit dem man sich befassen sollte.
Für einen Weg sollte man sich schließlich entscheiden und diesen einige Zeit gehen, um Veränderungen zu sehen. In der Zukunft werde es leichter werden, durch automatisierte Steuerungen immer das Beste für sich herauszuholen. Aber das dauert noch. Auch Kuras spricht sich für europäisches Denken aus: „Je größer das Marktgebiet ist, desto freundlicher sind die Preise.” Vorerst bleibe der Markt aber noch hoch volatil. Geopolitische Auswirkungen bleiben unberechenbar, und der Blick auf den Strom-Future-Preis für 2027 zeigt einen weiteren Anstieg. „Preisschwankungen, die wir früher in einem Quartal hatten, haben wir heute zum Teil an nur einem Tag”, sagt Kuras. Die Energiekosten bleiben für Unternehmen daher herausfordernd.