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Porträt von Thomas Haslauer, Landesdirektor Firmenkunden Bank Austria Kärnten
© Foto Fischer

Risiko wird zur Schlüsselkompetenz

Warum Industriebetriebe jetzt umdenken müssen und welche Chancen sich daraus ergeben, erläutert Thomas Haslauer, Landesdirektor Firmenkunden Bank Austria Kärnten, im Interview.  

Lesedauer: 6 Minuten

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05.05.2026

Herr Haslauer, wenn Sie die aktuelle wirtschaftliche Lage in Kärnten in drei Worten beschreiben müssten – welche wären das und warum?

Herausfordernd: Die aktuellen Rahmenbedingungen sind durch geopolitische Spannungen und eine verhaltene Konjunktur deutlich erschwert. Transformationsgetrieben: Technologische Quantensprünge und die damit verbundenen Chancen beschleunigen den strukturellen Wandel der Industrie erheblich. Verhalten optimistisch: Trotz aller Herausforderungen gilt es, die bestehenden Chancen klar in den Mittelpunkt zu stellen. Die Notwendigkeit, gewohnte Pfade teilweise zu verlassen und neue Wege zu beschreiten, ist nicht zu übersehen.

Viele Industriebetriebe sprechen aktuell von Unsicherheit. Ist das nur ein Gefühl – oder sehen Sie tatsächlich strukturelle Veränderungen?

Die Unsicherheit – oder besser gesagt Verunsicherung – hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen und befindet sich weiterhin auf einem sehr hohen Niveau. Geopolitische Spannungen sowie zunehmende Veränderungen in internationalen Handelsbeziehungen führen vor Augen, dass reale Entwicklungen oft stärker wirken als formale Abkommen oder völkerrechtliche Rahmenbedingungen. Diese Entwicklungen haben unmittelbare Auswirkungen auf Rohstoffpreise, Lieferketten und damit auf die operativen Herausforderungen der Industriebetriebe. Gleichzeitig verändert der technologische Wandel, insbesondere im Bereich Künstliche Intelligenz, zunehmend die Anforderungen an Qualifikationen. Auch im internationalen Wettbewerb zeigt sich ein klarer Wandel: China und andere asiatische Länder haben sich von der verlängerten Werkbank zu direkten Wettbewerbern für Kärntner Unternehmen entwickelt.

Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen für Industriebetriebe?

Ungeachtet der konjunkturellen Situation bleibt das Thema Personal eine zentrale Herausforderung. Sowohl die im internationalen Vergleich deutlich gestiegenen Personalkosten als auch die zum Teil eingeschränkte Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte belasten die Betriebe zusätzlich, verstärkt durch die demografische Entwicklung in Kärnten. Ein weiterer wesentlicher Faktor sind die nach wie vor hohen Energiekosten. Neben den direkt im Unternehmen anfallenden Kosten wirken auch indirekte Energiepreissteigerungen, etwa in Vorprodukten oder entlang der Logistikkette, margenmindernd. Sinkende Gewinnmargen dämpfen Investitionen und entfalten damit gesamtwirtschaftliche Auswirkungen. Zusätzlich erhöht der Transformationsdruck in den Bereichen Digitalisierung, Dekarbonisierung und Automatisierung die Anforderungen. Unternehmen, die diese Themen nicht konsequent auf ihrer Investitionsagenda verankern, riskieren mittelfristig erhebliche Wettbewerbsnachteile.

Gibt es Branchen innerhalb der Industrie, die sich aktuell überraschend gut entwickeln?

Relativ gut haben sich in Kärnten im Vorjahr die Holz- und Nahrungsmittelindustrie entwickelt. Wir rechnen auch heuer mit einer positiven Entwicklung der beiden Branchen. Die Kärntner Elektronikindustrie – getrieben durch Automatisierung und KI-Phantasie - sollte sich heuer wieder deutlich besser entwickeln als im Vorjahr. Generell werden sich hochspezialisierte nischenorientierte Industriebetriebe mit technologischer Führungsrolle weiterhin gut behaupten. Pharma- und medizintechnische Produzenten profitieren von der vergleichsweise konjunkturunabhängigen Nachfrage.

Wenn wir ein Jahr nach vorne schauen: Worauf sollten sich Industriebetriebe jetzt vorbereiten?

Kurzfristig ist es entscheidend, bestehende Risiken aus Verpflichtungen gegenüber Lieferanten und Abnehmern genau zu analysieren und ausgewogen zu steuern. Ein bewusst überspitztes, aber durchaus realistisches Beispiel: Ein Kärntner Anlagenbauer mit einem Kunden in Nordamerika, hoher Stahlkostenbasis, Fakturierung in US Dollar, angespannten Zollbedingungen, hohen Frachtkosten und einem Projektzeitraum über mehrere Geschäftsjahre. Solche Projekte bündeln eine Vielzahl von Risiken, die aktiv gemanagt und abgesichert werden müssen. Sich dabei auf Erfahrungen nach dem Muster „das hat in der Vergangenheit gut funktioniert“ zu verlassen, greift im aktuellen Umfeld zu kurz und kann erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen haben.
Daher ist es essenziell, Risiken systematisch zu identifizieren, geeignete Absicherungsmechanismen zu nutzen und insbesondere bei neuen Verträgen von Beginn an das Risiko aktiv zu steuern oder – wo möglich – zu eliminieren.

Welche Rolle spielen Innovation und Investitionen gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten?

Innovation und Investition sind unternehmerische Konstanten und bilden die Grundlage für die langfristige Existenz eines Unternehmens. In Phasen steigender gesamtwirtschaftlicher Risiken sinkt erfahrungsgemäß die Investitionsneigung – genau in einer solchen Phase befinden wir uns aktuell. Gerade daraus ergeben sich jedoch Chancen: Unternehmen, die bereit sind, gezielt in Innovationen zu investieren und damit auch ein unternehmerisches Risiko einzugehen, können Marktanteile gewinnen und zusätzliche Ertragspotenziale erschließen. Wichtig ist mir dabei zu betonen, dass unternehmerische Risiken nicht ausschließlich als Gefahr verstanden werden sollten, sondern ebenso als Motor für Entwicklung, Fortschritt und letztlich nachhaltiges Wachstum.

Welche Finanzierungsmodelle gewinnen derzeit an Bedeutung – und wo sollten Unternehmen vielleicht umdenken?

Seit einiger Zeit gewinnt die Eigenkapitalfinanzierung zunehmend an Bedeutung. Das Bewusstsein für die stabilisierende und zugleich strategische Wirkung von Eigenkapital ist deutlich gestiegen. Das zeigt sich sowohl in einer stärkeren Thesaurierung von Gewinnen als auch in der vermehrten Offenheit gegenüber der Aufnahme von Eigenkapitalinvestoren – seien es strategische Partner oder Finanzinvestoren.

Wie können sich Industriebetriebe heute so aufstellen, dass sie auch in unsicheren Zeiten weiterhin Zugang zu Kapital haben?

Entscheidend ist eine vorausschauende und stabile Finanzierungsstruktur. In Gesprächen mit finanzierenden Banken sollte daher neben attraktiven Konditionen vor allem die langfristige Verfügbarkeit von Finanzierungslinien im Fokus stehen. 
Verbindlich zugesagte Finanzierungen über mehrere Jahre können dazu beitragen, Refinanzierungsrisiken in konjunkturell schwächeren Phasen deutlich zu reduzieren.

Was beobachten Sie aktuell bei Investitionsentscheidungen – wird eher zurückhaltend agiert oder mutig investiert?

Eine pauschale Antwort ist hier nicht möglich. Investitionsentscheidungen unterscheiden sich stark nach Branche und innerhalb der Branchen nach Unternehmertyp. Insgesamt würde ich jedoch sagen, dass die Investitionsbereitschaft nicht verloren gegangen ist. Die österreichische Industrie ist in vielen spezialisierten Nischen stark positioniert und es gelingt weiterhin, Differenzierungspotenziale zu nutzen und damit auch neue Investitionschancen zu eröffnen.

Welche Fehler sollten Unternehmen in der aktuell angespannten wirtschaftlichen Situation unbedingt vermeiden?

Unternehmen sollten vermeiden, sich in der aktuellen Situation ausschließlich auf bestehende Muster und Gewohnheiten zu verlassen. Was in der Vergangenheit gut funktioniert hat, ist nicht automatisch auch in der Zukunft tragfähig. Gleichzeitig ist ein radikaler Bruch mit Bewährtem ebenso wenig zielführend. Erfolgreich sind Unternehmen, die Bestehendes kritisch hinterfragen und gezielt weiterentwickeln.

Wenn Sie heute selbst ein Industrieunternehmen führen würden: Worauf würden Sie Ihren Fokus legen?

Ein zentraler Fokus läge für mich auf der Auswahl und Entwicklung der richtigen Personen zur Übernahme von Verantwortung. Diese Aufgabe als eine der Kernaufgaben des Managements zu verstehen, ist entscheidend. Das richtige Mindset ist dabei mindestens ebenso wichtig wie fachliche Qualifikation.

Welche Botschaft möchten Sie den Unternehmer:innen der Sparte Industrie in Kärnten aktuell mitgeben?

Als überzeugter Optimist bin ich der Ansicht, dass das sprichwörtliche Glas derzeit eher halb voll als halb leer ist. Die Kärntner Industrie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreich diversifiziert und differenziert – darauf gilt es aufzubauen. Die aktuelle, auch global spürbare Schwächephase sollte als Chance verstanden werden, durch Mut zu Investitionen und Innovationen gestärkt und im besten Fall breiter international diversifiziert daraus hervorzugehen. Verbesserte politische Rahmenbedingungen, insbesondere in den Bereichen Energie  und Personalkosten, sind wichtig – unternehmerische Risikobereitschaft sowie Innovations  und Investitionsgeist können sie jedoch nicht ersetzen.

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