Arbeit und Soziales
September 2026
Lesedauer: 7 Minuten
Familienzeitbonus: Bezahlte Freistellung schadet dem Anspruch
In einer sozialversicherungsrechtlichen Entscheidung (10 ObS 44/26g) zum Familienzeitbonus hatte der OGH zu beurteilen, ob ein während des „Papamonats“ gewährter bezahlter Sonderurlaub als Unterbrechung der Erwerbstätigkeit gilt.
Ein Vertragsbediensteter nahm nach der Geburt seines Kindes zunächst bezahlten Sonderurlaub und anschließend eine unbezahlte Dienstfreistellung in Anspruch. Der OGH bestätigte, dass während eines Sonderurlaubs unter Fortzahlung der Bezüge keine Unterbrechung der Erwerbstätigkeit im Sinn des Familienzeitbonusgesetzes vorliegt. Der Arbeitnehmer gilt trotz tatsächlicher Betreuung seines Kindes weiterhin als erwerbstätig. Zwar kann nach der neueren Rechtsprechung grundsätzlich auch ein anteiliger Familienzeitbonus zustehen. Dies setzt jedoch voraus, dass sich die Familienzeit aufgrund eines nachträglichen Ereignisses ungeplant verkürzt. Da die Kombination aus bezahlter und unbezahlter Freistellung im konkreten Fall von Anfang an so geplant war, bestand auch kein anteiliger Anspruch.
Voraussichtliche Werte 2027
Die ÖGK hat die voraussichtlichen Sozialversicherungswerte für 2027 bekanntgegeben. Details finden Sie hier.
Quelle: ÖGK
Studie bestätigt: Österreichs Standort gerät bei Arbeitskosten unter Druck
WKÖ fordert rasche Entlastung der Betriebe und Umsetzung der angekündigten Lohnnebenkostensenkung
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Quelle: WKO
WKÖ-Fachkräfteradar: Trotz schwacher Konjunktur hoher Fachkräftebedarf
Trotz steigender Arbeitslosigkeit sind drei Viertel der Betriebe vom Arbeitskräftemangel betroffen. Das bestätigt der WKÖ-Fachkräfteradar, die größte Unternehmensbefragung zu dem Thema. Eine Bremse für das ohnehin schwache Wachstum.
Der Fachkräfteradar, den das Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) im Auftrag der WKÖ durchführt, ist die größte österreichweite Befragung zum Thema Arbeits- und Fachkräfte mit diesmal 2.132 teilnehmenden Unternehmen. Die zentralen Ergebnisse: Trotz anhaltend schwieriger Konjunktur sind rund 78 % der Unternehmen vom Mangel an Fachkräften betroffen. 56 % spüren ihn sogar stark oder sehr stark. Das ist zwar ein Rückgang im Vergleich zu den Vorjahren. Allerdings weist Statistik Austria mit 140.000 offenen Stellen immer noch weit mehr Stellen aus als vor der Pandemie.
Verkehrswirtschaft, Tourismus und Gewerbe besonders betroffen
Vor allem die Betriebe der Sparten Transport und Verkehr (66 %), Tourismus und Freizeitwirtschaft (63 %), Gewerbe und Handwerk (62 %) sowie Industrie (58 %) sind stark vom Arbeitskräftemangel betroffen. Schlusslicht ist die Sparte Information und Consulting mit 36 %. Regional berichten Unternehmen aus Kärnten die stärkste Betroffenheit vor Oberösterreich, Steiermark und Tirol.
Diese Zahlen werden übrigens auch von Betriebsräten bestätigt, von denen 63 % in einer AK- und ÖGB-Umfrage von Schwierigkeiten ihrer Betriebe berichten, benötigte Arbeitskräfte zu finden. Hauptgrund ist den Betriebsräten zufolge, dass es schlicht zu wenige Fachkräfte gibt.
Besonders schwer zu besetzen sind nach Angabe der Unternehmen klassische Fachkräftestellen, konkret Handel/Verkauf, Koch/Köchin, Elektronik/Elektrotechnik und technische Berufe, die meist auch auf der Mangelberufsliste stehen. Lehrabsolventen sind besonders gefragt – mehr als 60 % der Betriebe geben hier Schwierigkeiten bei der Suche an.
Rund die Hälfte der Lehrbetriebe würde mehr Lehrlinge ausbilden, wenn sie dafür geeignete Interessenten finden könnte. Dem entspricht, dass das AMS Ende Juni 2026 13.607 Lehrstellensuchende, aber 16.208 offene Lehrstellen zählte. Im Vergleich dazu geben nur 5,1 % der Betriebe Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von AHS-Maturanten an und nur 6,5 % bei Studienabsolventen.
Engpässe belasten Betriebe massiv
Der Arbeits- und Fachkräftemangel stellt viele Betriebe vor große Herausforderungen. 81 % der Unternehmen geben an, dass die Arbeitsauslastung mit den vorhandenen Mitarbeitern nur schwer zu bewältigen ist. 80 % berichten zudem von einer erheblichen Zusatzbelastung für Unternehmer und ihre Familien. Die Folgen zeigen sich auch in der wirtschaftlichen Entwicklung: 56 % der Betriebe verzeichnen Umsatzeinbußen, während bei 48 % die Möglichkeiten für Innovationen und Weiterentwicklung eingeschränkt sind.
Im EU-Vergleich ist Österreich besonders betroffen. Im ersten Quartal 2026 lagen wir bei der Vakanzrate (Anteil unbesetzter Stellen an der Gesamtzahl der Arbeitsplätze) mit 3,1 % an vierter Stelle und damit deutlich über dem EU-Schnitt von 2,1 %.
Für die Zukunft erwarten die Betriebe keine Entspannung: 61 % gehen davon aus, dass sich der Fachkräftemangel verschärfen wird, insbesondere durch die Vielzahl an Pensionierungen. Die KI hilft: Mehr als jedes zweite Unternehmen sieht künftig durch den Einsatz von KI einen geringeren Personalbedarf, dies v.a. in Büro, Verwaltung und IT.
Fazit: Der Arbeitskräftemangel bremst das ohnehin schwache Wirtschaftswachstum zusätzlich aus. Die Demografie wird den Trend noch verschärfen und Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit unter Druck setzen. Österreich muss daher mehr für eine hohe Beschäftigung tun, konkret die Lehrausbildung attraktivieren, die Kinderbetreuung weiter ausbauen und Anreize für ein längeres Arbeiten sowie qualifizierte Zuwanderung schaffen.
Quelle: Abteilung für Sozial- und Gesundheitspolitik, WKO
KI: Keine Jobs mehr für Jüngere, dafür für Ältere?
Bei keiner Neuerung gab es so viel Sorge und Studien um Jobverluste wie bei der KI. Tatsächlich wird es für Einsteiger in manche Berufe schwerer, Massenarbeitslosigkeit steht aber nicht bevor, im Gegenteil: In Zeiten des Fachkräftemangels brauchen wir die KI.
Der aktuelle OECD-Employment Outlook befasst sich mit der Frage, wie sich KI auf den Arbeitsmarkt auswirkt. Klar ist: Bis 2030 wird jeder Job Berührungspunkte zu KI haben. Denn KI ersetzt nicht nur Routinetätigkeiten, sondern macht auch höherqualifizierte, kreative Tätigkeiten automatisierbar, die Nutzungsmöglichkeiten sind bei weitem nicht ausgeschöpft.
Richtig eingesetzt, steigert KI die Produktivität. Unternehmen und Volkswirtschaften, die mehr KI-affine Beschäftigte haben, sind erfolgreicher. Allerdings vollzieht sich technologischer Fortschritt nicht über Nacht (außer als die Pandemie über Nacht alle ins Homeoffice zwang). Betriebe müssen zunächst investieren, Beschäftigte in KI-Techniken und den Schutz von Daten schulen, Tätigkeiten und Organisation umstellen, etc. - eine Herausforderung vor allem für KMU.
EU-Länder weit hinter USA, Kanada & Co
Umso wichtiger ist, dass bereits Schulen und Universitäten KI-Techniken vermitteln. Die Länder profitieren, in denen Absolventen mehr KI-Kenntnisse aufweisen. Die EU-Mitglieder haben hier einen klaren Rückstand gegenüber englischsprachigen Ländern, deren Beschäftigte KI weit häufiger nützen. Sichtbar wird das auch an den Stellenausschreibungen mit KI-Bezug, die sich in großen EU-Ländern laut OECD weit schwächer entwickeln als etwa in Irland und seit kurzem in Kanada.
Grund dafür ist, dass Kanada im Rahmen einer nationalen Strategie KI-Forschungszentren von Weltklasse in Montreal, Vancouver, etc. etablierte und durch regionale Entwicklungsagenturen Unternehmen bei der Einführung von KI unterstützte, etwa mit Innovationsgutscheinen.
KI: Keine Jobs mehr für Jüngere, dafür für Ältere?
Die zentrale Frage ist aber, wie stark der Mensch am Arbeitsmarkt durch KI ersetzt wird. Viele Studien belegen negative Beschäftigungseffekte für Einsteiger in KI-exponierten Berufen, in denen menschliche Arbeit durch KI ersetzt werden kann. Das sind etwa Tätigkeiten im Büro, Verwaltung, Buchhaltung, Journalismus, Kundenservice, zT IT und Recht. Das ist auch die Quintessenz der ILO-Studie Global Employment Trends für Youth. Allerdings profitieren Junge mit KI-Kompetenz auch, wenn Produktivität und damit Wirtschaft infolge KI-Nutzung wachsen.
Hingegen profitieren ältere Beschäftigte tendenziell: Denn Senior Experts haben den Erfahrungsschatz, die Ergebnisse der KI zu überwachen und zu bewerten - ähnlich dem Piloten, der das Flugzeug nicht selbst steuert, aber den Autopilot überwacht.
Was Spinn- und Dampfmaschine nicht schafften, nämlich menschliche Arbeit überflüssig zu machen, wird auch die KI nicht bewirken. Die meisten Experten erwarten, dass sich die Beschäftigung in schwerer automatisierbare Tätigkeiten verlagert, z.B. in Handwerk und physische Dienstleistungen: So steigen etwa in Deutschland die Lehrlingszahlen in den Handwerksberufen, auch weil diese als sicher gelten. Umgekehrt ergeben sich die geringsten Chancen beim Beruf Bürokaufmann/frau, wo in Österreich auf 5,6 Suchende nur eine offene Lehrstelle kommt.
Neue Technologien bringen stets auch neue Berufe mit sich. Allerdings sind diese (noch) nicht so sichtbar wie die Jobs, die wir heute kennen. Die menschliche Angst vor Neuerungen lag ja stets auch daran, dass die Jobs, die sie verdrängen. Dieser Fokusfehler begründet die menschliche Angst vor Neuerungen. Letztlich werden auch die Produktivitätsgewinne aus der KI an ihre Grenzen stoßen. Denn selbst wenn es die Tätigkeit des Buchhalters in der Form nicht mehr geben sollte, wird es stets menschliche Kontrolle von Finanzen und Controlling brauchen.
Fazit
Die KI reduziert bereits Jobs in exponierten Berufen, insbesondere für Einsteiger. Es gibt aber kein Anzeichen dafür, dass sie Massenarbeitslosigkeit schafft, im Gegenteil. In Zeiten des Fachkräftemangels kann Wachstum nur durch höhere Produktivität erreicht werden, und hier hilft die KI massiv. Wir sehen, welche Arbeiten wegfallen, weniger sichtbar, aber viel wichtiger ist, welche Tätigkeiten und Kompetenzen künftig benötigt werden. Entscheidend für Österreich, das zuletzt an Wettbewerbsfähigkeit verloren hat, ist es, die Chancen aus der KI zu nützen. Kanada scheint hier ein gutes Vorbild zu sein.
OECD Employment Outlook 2026 | OECD
Quelle: Abteilung für Sozial- und Gesundheitspolitik, WKO