CONNECT & SHARE
Fotografie zwischen Kunst, Können und Algorithmus
Lesedauer: 7 Minuten
Im Rahmen der CONNECT & SHARE-Veranstaltung der Landesinnung Wien der Berufsfotografie am 12. Mai 2026 im WUK Projektraum diskutierten Oliver Kartak (Grafikdesigner, Professur für Design und narrative Medien/dieAngewandte), Michaela Herold (Leiterin Bildredaktion Kronen Zeitung) und Ruth Horak (Kuratorin, Autorin, Lehrbeauftragte für zeitgenössische Kunst und Fotografie) über die Zukunft der Fotografie zwischen Kunst, Können und Algorithmus.
Eröffnet wurde der Abend von Innungsmeisterin Eva Kelety, die unter anderem auf die Preisverleihung der FEP Awards (Federation of European Professional Photographers) und des World Photographic Cup 2026 im isländischen Reykjavík (25.4.2026) zurückblickte. Besonders erfreulich aus österreichischer Sicht: Insgesamt 23 Auszeichnungen gingen an heimische Berufsfotograf:innen, darunter auch der FEP-Gesamtsieg. Damit ging der Titel „FEP European Professional Photographer of the Year“ bereits zum zweiten Mal nach Österreich. Für Kelety ist das exzellente Abschneiden der österreichischen Berufsfotograf:innen ein starkes Zeichen: „Die Auszeichnungen zeigen auch, dass in der heimischen Fotografie viel Qualität steckt – getragen von Erfahrung, aber auch von neuen Ideen und dem Mut, Dinge anders anzugehen.
Michaela Herold: Vertrauen entsteht durch echte Bilder
Michaela Herold gewährte einen Einblick in die Arbeitsweise der Fotoredaktion der Kronen Zeitung: Rund 500 Bilder täglich im Printbereich sowie ca. 350 Fotos für Online-Berichte sorgen dafür, dass sich für einzelne Berufsfotograf:innen eine Lebensgrundlage ergebe. KI-generierte Bilder werden in der Redaktion derzeit bewusst nicht verwendet – ein klarer Beschluss innerhalb des Hauses. Herold betonte die besondere Rolle der Fotografie als Zeugnis eines authentischen Moments – gerade im Fotojournalismus. Das Foto bleibe ein zentraler Wahrheitsbeweis, verbunden mit der Fähigkeit, den entscheidenden Augenblick festzuhalten. Gleichzeitig würden Qualitätskontrolle, Verifizierung und klare Standards angesichts KI-generierter Inhalte immer wichtiger. Die Glaubwürdigkeit professioneller Bildproduktion gewinne durch solches Qualitätsmanagement weiter an Bedeutung. Um diese Glaubwürdigkeit zusätzlich zu stärken, sei es wichtig Journalist:innen und Berufsfotograf:innen verstärkt in Teams hinaus zu schicken. Gerade dieses Zusammenspiel aus Recherche, Beobachtung und fotografischer Dokumentation sei heute wichtiger denn je.
Für den Erfolg von Berufsfotograf:innen sieht Herold vor allem Vielseitigkeit als Schlüssel: unterschiedliche Bereiche bedienen, Netzwerke pflegen und auch verstärkt in Geschichten denken. So entstehe z. B. ein gutes Portrait oft nicht allein über das Gesicht, sondern dadurch, dass man auch in Details gehe, also z. B. Hände oder scheinbar nebensächliche Gegenstände fotografiere.
Trotz aller technologischen Entwicklungen zeigte sich Herold überzeugt, dass Fotografie auch künftig nicht wegzudenken sei. Sie glaubt sogar an einen Gegentrend: Ähnlich wie bei Büchern oder Schallplatten wachse gerade bei jungen Menschen wieder das Bedürfnis nach Echtem, Analogem und Greifbarem.
Ruth Horak: Technologische ist zugleich kulturelle Veränderung
Ruth Horak richtete den Blick vor allem auf die künstlerische und kulturelle Dimension der KI. Technologische Veränderungen seien immer auch kulturelle Veränderungen, betonte sie. KI erweitere das narrative Potenzial von Bildern und werde im Kunstbetrieb derzeit mit Neugier und großem Interesse aufgenommen.
Gleichzeitig beobachtet Horak eine starke Rückkehr zur Materialität: Papier, Dunkelkammerarbeit oder der physische Akt des Fotografierens – „alles, wo man das Gefühl hatte, das ist jetzt verloren gegangen an der Fotografie“ – gewinnen in Ausstellungen wieder an Bedeutung, möglicherweise auch als Reaktion auf die zunehmende Immaterialität. Als Beispiel dafür nannte Horak die Künstlerin Sophie Thun, die bei Ausstellungen mitunter „mit riesigen Dimensionen, riesigen Fotopapieren angetreten ist“. Parallel dazu entstünden auch Werke, die über Fotografie erzählen, selbst aber gar keine Fotografien mehr seien: „Das macht ganz viel auf in einem konzeptuellen Rahmen innerhalb der künstlerischen Betrachtung und erzählt sehr viel über Fotografie.“
Zur Frage der Relevanz menschlicher Autor:innenschaft brachte Horak ein prägnantes Beispiel mit einem KI-Chatbot selbst: Danach befragt, war eine der vielen Antworten der KI, dass die menschliche Autor:innenschaft durch künstliche Intelligenz sogar wieder aufgewertet werden könnte. Der Grund: In einer Welt unbegrenzt generierbarer Bilder sei das einzelne Bild wertlos. Bedeutung und Wert entstehe nicht durch das Bild, sondern durch die Instanz, die dafürsteht – sprich z. B. Name, Haltung, Diskursfähigkeit. Es gehe nicht nur um das einzelne Bild, sondern auch das gesamte Lebenswerk dahinter.
Oliver Kartak: KI mit „radikaler Neugier“ begegnen
Für Oliver Kartak steht fest: Künstliche Intelligenz ist die industrielle Revolution des 21. Jahrhunderts. Er sprach von einem Wandel „von der Fotografie hin zur Synthografie.“ Entscheidend sei künftig weniger das bloße Produzieren von Bildern als das Sichtbarmachen der Menschen hinter den Prozessen sowie das Erzählen und Beschreiben dieser Prozesse selbst. Laut Kartak werde eine neue narrative Ebene dazu kommen müssen, die bislang nicht notwendig war. Denn: Man könne mit Sicherheit sagen, dass KI sehr bald eine Bildqualität erzeugen werde, die nicht mehr zwischen Fotografie und Synthografie unterscheiden lasse.
KI könne zwar in kürzester Zeit enorme Mengen an Bildern erzeugen, die eigentliche Arbeit liege jedoch weiterhin beim Menschen: im Denken, Reflektieren und Konzipieren. Als wichtigste Zukunftskompetenz nannte er deshalb „radikale Neugier“, eine per se grenzenlose und kategorielose Eigenschaft, die vieles möglich mache. Dieses radikal neugierige Forschen müsse jedoch mit einer eigenen Haltung gepaart werden.
Kartak beschrieb KI als „wahnsinnig ermächtigend und zugleich als unglaublich mühsam“. Entscheidend sei, sich mit dieser Technologie bewusst in ein – lernendes, reflektierendes – Verhältnis zu bringen. So ergebe sich eine große Chance den eigenen Denk- und Reflexionsraum zu erweitern. Technologie verstehe er nicht als Ersatz des Menschen, sondern als Verstärker menschlicher Fähigkeiten. Seine klare Einschätzung zum Abschluss: Fotografie werde nicht verschwinden. „Fotografie wird in zehn Jahren das sein, was Menschen in zehn Jahren mit Fotografie machen werden.“
Die Diskussion machte deutlich, dass Fotografie nicht verschwindet, sondern ihre Rolle neu definiert – zwischen technologischem Wandel, gesellschaftlicher Verantwortung und künstlerischem Anspruch. Auch wenn sich dieser Mai-Abend kühl und regnerisch präsentierte: Die Stimmung bei CONNECT & SHARE war hervorragend. Bei Musik, Drinks und Snacks gab es reichlich Gelegenheit für Austausch und Networking unter den mehr als 120 Gästen.
Über die Diskutant:innen
Michaela Herold leitet die Bildredaktion der Kronen Zeitung, der reichweitenstärksten Tageszeitung Österreichs. Vor ihrer Zeit bei der Kronen Zeitung war sie für das Wochenmagazin „Der Spiegel“, die „Bild“-Zeitung und die Verlagsgruppe „News“ aktiv. Weiters ist sie Jurymitglied bei den World Press Photo und Lead Awards.
Ruth Horak kuratiert und publiziert seit den 1990er Jahren über Fotografie, insbesondere über konzeptuelle Fotografien, die etwas über die Fotografie erzählen. Sie ist Teil des Künstlerinnenkollektivs FAM – gemeinsam mit Caroline Heider, Lisa Rastl und Claudia Rohrauer. Ihre gemeinsame Publikation „Fotografie als Motiv“ wurde 2023 mit der Goldmedaille „best bookdesign from all over the world“ ausgezeichnet.
Oliver Kartak ist seit 19 Jahren Professor für Design und narrative Medien an der Universität für angewandte Kunst Wien. In seinen fast 40 Jahren professioneller Tätigkeit hat er in den Bereichen Kommunikationsdesign, Markenidentität, Fotografie und Filmregie gearbeitet. Sein Forschungsfokus liegt in der Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI, um zu verstehen, wie KI kreative Prozesse unterstützen kann, ohne sie zu ersetzen.