Vollzeit muss sich auszahlen
Mehr als 30 Prozent der Wiener Erwerbstätigen arbeiten Teilzeit. Vor allem Männer zwischen 25 Jahren und 44 Jahren entscheiden sich in Wien überdurchschnittlich oft dafür - freiwillig. Volkswirtschaftlich bringt das einen Riesenverlust.
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In Österreich arbeiten immer mehr Menschen - doch sie arbeiten immer weniger. Das zeigen neue Zahlen der Statistik Austria, die dem Langzeittrend nachgegangen ist. Demnach ist die Zahl der Erwerbstätigen in Österreich seit 2005 um 752.600 Personen auf 4,5 Millionen gestiegen, das tatsächlich geleistete Arbeitsvolumen im gleichen Zeitraum jedoch nur um 2,1 Prozent auf rund 6,9 Milliarden Stunden. Pro Woche wird hierzulande im Schnitt nur mehr 29,4 Stunden gearbeitet - Männer arbeiten im Schnitt um sieben Stunden pro Woche mehr als Frauen. Die Teilzeitquote ist in den vergangenen 20 Jahren um fast zehn Prozentpunkte auf 31 Prozent gestiegen - mittlerweile arbeitet jede zweite Frau in Teilzeit, bei Männern hat sich die Quote von 6,2 Prozent auf 14 Prozent mehr als verdoppelt. Dazu hat vor allem die rasante Entwicklung in Wien beigetragen, wo bereits fast 20 Prozent der Männer in Teilzeit arbeiten - der mit Abstand höchste Wert aller Bundesländer.
Wenn in Österreich immer mehr Menschen leben und öffentliche Leistungen wie Schulen, Gesundheitseinrichtungen, Infrastruktur und soziale Absicherung nutzen, aber immer weniger gearbeitet wird, fehlt am Ende des Tages dem Staat und den Sozialversicherungen die notwendige Finanzierung.

Walter Ruck
Präsident der Wirtschaftskammer Wien
„Volkswirtschaftlich erwächst uns daraus ein Riesenproblem”, kommentiert Wirtschaftskammer Wien-Präsident Walter Ruck die Zahlen. „Wenn in Österreich immer mehr Menschen leben und öffentliche Leistungen wie Schulen, Gesundheitseinrichtungen, Infrastruktur und soziale Absicherung nutzen, aber immer weniger gearbeitet wird, fehlt am Ende des Tages dem Staat und den Sozialversicherungen die notwendige Finanzierung”, sagt Ruck. Er fordert daher Maßnahmen, um Vollzeitarbeit wieder attraktiver zu machen und dem langfristigen Trend zu Teilzeit entgegenzuwirken. „Österreich hat heute die zweithöchste Teilzeitquote in der EU - wir sind ein Teilzeit-Land geworden”, attestiert Ruck. Konkret schlägt er einen steuerlichen Absetzbetrag von 1000 Euro pro Jahr für Vollzeit-Beschäftigte vor. „Dadurch bleibt jenen, die mehr Stunden arbeiten und daher im Vergleich zu Teilzeitkräften mehr ins System einzahlen, etwas mehr Netto vom Brutto.” Zudem sollten einkommensabhängige Beihilfen, etwa für Energie und Wohnen, so reformiert werden, dass sie bei einer Erhöhung des Einkommens stufenweise sinken, anstatt gleich gänzlich zu entfallen.
Vollzeit wieder schmackhaft machen
Neuen Anreizen für Vollzeitarbeit kann der Wiener Unternehmer Fatih Selman Çelebi einiges abgewinnen: „Ich denke, es werden mehr Menschen mehr arbeiten, wenn Vollzeit wieder schmackhaft gemacht wird”, sagt Çelebi, der gemeinsam mit seiner Frau, Ebru Çelebi, das 2015 gegründete Reinigungsunternehmen Celebi Facility Management mit aktuell 27 Mitarbeitenden im 2. Bezirk führt. Spezialisiert sind sie auf Unterhaltsreinigung mit Pauschalbeträgen in Büros, Autohäusern, Ordinationen, Gastronomie sowie bei Ausstellungen. Von Frühjahr bis Herbst kommen Sonderreinigungen bei Fenstern, Fassaden und Terrassen dazu. Gefragt ist das Unternehmen auch bei Hausverwaltungen für die Reinigung nach einem Mieterwechsel sowie für Kaugummi-Entfernung, für die sie ein seltenes Spezialgerät besitzen.
Aktuell haben die Çelebis zehn Mitarbeitende in Teilzeit, zwei davon sind Männer. „Kommen zusätzliche Aufträge herein, bieten wir zuerst unserer Belegschaft eine Stundenaufstockung an. Manche nehmen das an, andere nicht. Und manche kehren später von sich aus wieder zur Teilzeit zurück”, schildert Çelebi. Er hielte viel davon, wenn der Einkommensunterschied zwischen Nicht-Arbeiten, Teilzeit und Vollzeit größer werde. „Manche kommen mit einer geringfügigen Beschäftigung und Sozialleistungen auf mehr Einkommen als Angestellte. So motiviert man Menschen nicht, arbeiten zu gehen. Vollzeit-Tätigkeit gehört auf jeden Fall belohnt”, sagt der Unternehmer. Es müsse sich auszahlen, in der Früh aufzustehen und für sein Leben Verantwortung zu übernehmen. In ihrem Unternehmen legen die Çelebis Wert auf einen familiären Umgang mit den Mitarbeitenden und eine ganzjährig gute Grundauslastung. „Man kann glücklich sein, wenn man arbeiten und sein eigenes Geld verdienen kann, das bringt auch eine andere Lebensqualität”, ist Çelebi überzeugt. Aktuell überlegen sie eine Unternehmenserweiterung mit einem zusätzlichen Standort in Niederösterreich, um mit der Reinigung von Photovoltaikanlagen ein weiteres Geschäftsfeld zu eröffnen.
Anreize können helfen
Durch Leistung weit gebracht hat es auch die 35-jährige Wiener Unternehmerin Constanze Astecker, die vor zehn Jahren direkt nach der Uni ihre Werbeagentur Astecker als „One-Woman-Show” gegründet und heute bereits acht Beschäftigte hat - fünf davon in Teilzeit. Das Unternehmen führt sie mittlerweile gemeinsam mit ihrer älteren Schwester, Fanny Astecker. Spezialisiert ist das junge Team auf Out-of-home-Kampagnen, Logo-Rebrandings, Social Media, Messeauftritte, Packaging- und Corporate Design. Viele ihrer Kunden sind Lebensmittelproduzenten, sie betreuen aber auch Zahnärzte, Rechtsanwälte, Hausbetreuer und Museen. Für sich selbst werben muss das Werbeunternehmen nicht: „Kunden gewinnen wir fast immer durch Weiterempfehlung”, sagt Astecker. Dadurch bekomme man Zugang zu neuen Pitches, also Präsentationen. „Dort müssen wir uns beweisen. Ein neues Kundenverhältnis beginnt meist mit einem einzelnen Projekt, später folgen weitere Jobs.” Heute kann sie durch Supermärkte gehen und entdeckt dort Verpackungsdesigns, die sie mit ihrem Team entworfen hat. „Das sind auch nach zehn Jahren noch ganz besondere Momente”, sagt die kreative Unternehmerin.
Vor Corona, erinnert sich Astecker, wollten in ihrem Betrieb fast alle Vollzeit arbeiten, mit der Pandemie habe sich das aber geändert. „Ich denke, vor allem Junge haben damals gesehen, dass sich das Leben rasch ändern kann und man es auskosten solle - auch Social Media suggerieren das”, so Astecker. Doch langsam spüre sie wieder eine leichte Tendenz zu mehr Vollzeit - wegen der stark gestiegenen Preise, vermutet sie. Ihre aktuellen Teilzeitkräfte seien dies aus eigenem Wunsch heraus. „Früher hätte ich am liebsten nur Vollzeitkräfte gehabt, wir mussten aber flexibler werden, denn die Generation Z möchte mal mehr arbeiten, mal weniger. Darauf gehen wir ein, auch wenn es für uns administrativ aufwändiger ist. Das Team dankt es uns”, sagt Astecker. Anreize für Vollzeit hielte sie für sinnvoll, vor allen in Branchen mit Fachkräftemangel. „Vollzeitkräfte halten das System am Laufen”, sagt die Unternehmerin, die überzeugt ist, dass man mit Spaß, Gewissenhaftigkeit und den richtigen Leuten an der Seite alles schaffen kann. Zugleich versteht sie, dass in manchen Lebensphasen Teilzeit sinnvoll sein kann. „Es muss aber auch Jahre geben, die man voll dem Beruf widmet”, sagt Astecker.
Vor- und Nachteile sieht auch Wifo-Ökonomin Silvia Rocha-Akis in Teil- und Vollzeit (siehe Interview unten). Ihr zufolge stünden der volkswirtschaftlich wichtigen höheren Erwerbsbeteiligung geringere Einkommen und schlechtere Karrierechancen gegenüber.
„Teilzeit hat Vor- und Nachteile.” Interview mit Silvia Rocha-Akis, Arbeitsmarktexpertin am Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo
Das lässt sich vor allem durch das Zusammenspiel von Rahmenbedingungen wie Kinderbetreuung, Arbeitsmarktstruktur und geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung erklären. Ohne Kinder liegt die Teilzeitquote bei Frauen bei 36 Prozent, während sie mit Kindern unter 15 Jahren auf 72 Prozent ansteigt. Häufig kommt es zudem zu einer langfristigen Verfestigung von Teilzeit im Erwerbsverlauf. Ergänzend trägt bei, dass Österreich über einen hohen Anteil an Beschäftigung in teilzeitintensiven Dienstleistungssektoren verfügt.
Welche Vor- und Nachteile hat Teilzeit Volkswirtschaftlich?
Teilzeit erhöht die Erwerbsbeteiligung, ermöglicht insbesondere Eltern den (Wieder-)Einstieg in den Arbeitsmarkt und wirkt damit als Alternative zu vollständiger Nichterwerbstätigkeit. Dadurch wird das Arbeitskräfteangebot stabilisiert. Teilzeit kann zudem kurzfristig die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern und die Arbeitszufriedenheit erhöhen. Langfristig wird durch strukturell geringere Einkommen und reduzierte Karrierechancen die tatsächliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf eher untergraben als gestärkt.
Warum ging die Teilzeitquote zuletzt leicht zurück?
Ein zentraler Faktor ist die sektorale Verschiebung am Arbeitsmarkt zu Bereichen mit höherem Vollzeitanteil. Teilzeitdämpfend wirken zudem die steigende Erwerbsbeteiligung und Qualifikation von Frauen, der Ausbau der Kinderbetreuung sowie die schrittweise Anhebung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters von Frauen. Insgesamt sprechen die aktuellen Entwicklungen eher für eine kurzfristige Abschwächung als für einen klaren Trendbruch.
Warum arbeiten in Wien so viele Männer in Teilzeit?
Wien weist aufgrund seiner Universitäten und Ausbildungseinrichtungen einen überdurchschnittlich hohen Anteil junger Männer in Ausbildung auf - das erhöht die Teilzeitquote deutlich. Teilzeit ist bei Männern vor allem am Beginn der Erwerbskarriere verbreitet. Betreuungspflichten spielen eine deutlich geringere Rolle.