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Wasserstoff in China

Zwischen ambitionierten Zielen und industrieller Realität

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China Energiewirtschaft Erneuerbare Energien
10.07.2026

China hat in den vergangenen Jahren einen umfassenden politischen und regulatorischen Rahmen zur Förderung der Wasserstoffwirtschaft geschaffen. Nun liegt es an Forschungseinrichtungen, Energieunternehmen und der Industrie, die darin formulierten – ambitionierten, jedoch überwiegend nicht verbindlichen – Ziele umzusetzen. Sofern der politische Wille und die finanziellen Mittel aus Peking langfristig erhalten bleiben, könnte China nach Solarenergie und Windkraft auch im Wasserstoffsektor zu den weltweit führenden Akteuren aufsteigen.

Eine Bestandaufnahme

China verfügt heute über die weltweit größte Produktionskapazität für erneuerbaren Wasserstoff. Mit rund 250.000 Tonnen Jahreskapazität entfällt mehr als die Hälfte der globalen Kapazität auf China. Einschließlich der sich derzeit im Bau befindlichen Projekte übersteigt die installierte und geplante Produktionskapazität bereits eine Million Tonnen pro Jahr.Darüber hinaus hat das Land ein zunehmend diversifiziertes Anwendungsökosystem aufgebaut, das die Bereiche Chemie und Metallurgie sowie den Schwerlastverkehr umfasst.

Auf der Nachfrageseite spielt derzeit vor allem die chemische Industrie eine zentrale Rolle. Wasserstoff wird insbesondere für die Herstellung von Ammoniak und Methanol sowie in Raffinerien eingesetzt. Die Produktion basiert dabei weiterhin überwiegend auf Kohlevergasung und damit auf dem CO₂-intensivsten Herstellungsverfahren. Die Elektrolyse trägt bislang nur einen vergleichsweise geringen Anteil zur Wasserstoffproduktion bei, Importe von Wasserstoff spielen derzeit praktisch keine Rolle.

Der Verkehrssektor steht zwar häufig im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung und genießt seit Jahren umfangreiche politische Unterstützung. Gemessen am Gesamtverbrauch bleibt seine Bedeutung jedoch begrenzt. Ende 2025 waren in China knapp 40.000 Brennstoffzellenfahrzeuge (Fuel Cell Electric Vehicles, FCEV) zugelassen, gleichzeitig standen 574 Wasserstofftankstellen zur Verfügung.

Im Bereich der Ausrüstungsfertigung hat das Land eine starke Marktposition: Die Produktionskapazitäten für Elektrolyseure und Brennstoffzellensysteme machen jeweils mehr als die Hälfte der weltweiten Kapazitäten aus. Chinesische Kernkomponenten und Anlagen werden mittlerweile in über 30 Länder exportiert. Insbesondere bei der Fertigung von Elektrolyseuren verfügt China über erhebliche Kostenvorteile gegenüber vielen internationalen Wettbewerbern. Da es in China bislang keine verbindlichen Quoten für grünen Wasserstoff gibt, zeigen viele chinesische Unternehmen großes Interesse an internationalen Projekten, insbesondere in Regionen mit konkreten Dekarbonisierungszielen und Fördermechanismen.

Vom Demonstrationsprojekt zur Wirtschaftlichkeit

Beim Aufbau der Wasserstoffwirtschaft kann China auf umfangreiche Erfahrungen aus anderen Zukunftsbranchen zurückgreifen. Die erfolgreiche Entwicklung leistungsfähiger Industriecluster in den Bereichen Photovoltaik und Elektromobilität dient dabei als wichtige Vorlage. Gleichzeitig profitiert das Land von seiner weltweit führenden Ausbaugeschwindigkeit bei erneuerbaren Energien. Dennoch bestehen weiterhin Herausforderungen. Insbesondere bei hochwertigen Grundmaterialien, bestimmten Schlüsselkomponenten, Speicher- und Transporttechnologien sowie bei der aktiven Mitgestaltung internationaler Normen und Standards sieht China selbst noch Aufholbedarf.

Ein zentrales Ziel der aktuellen Politik besteht deshalb darin, den Übergang von staatlich geförderten Demonstrationsprojekten hin zu wirtschaftlich tragfähigen Anwendungen zu schaffen. Dabei soll die Nutzung von Wasserstoff nicht mehr auf den Verkehrsbereich beschränkt bleiben, sondern verstärkt auch in Industrieprozessen und Energiesystemen erfolgen. Bis 2030 sollen die durchschnittlichen Kosten für die Erzeugung von grünem Wasserstoff landesweit auf unter 15 RMB/kg (rund 1,94 EUR/kg) sinken. Gleichzeitig sollen die Kosten für Transport und Speicherung gegenüber 2025 um 50 Prozent reduziert werden. Für Anwendungen im Verkehrssektor wird ein Endverbrauchspreis von weniger als 25 RMB/kg angestrebt.

Parallel dazu verfolgt China das Ziel, die gesamte Wertschöpfungskette schrittweise von „grauem“ Wasserstoff aus fossilen Energieträgern auf erneuerbar erzeugten „grünen“ Wasserstoff umzustellen. Die größten Potenziale für die Produktion von grünem Wasserstoff liegen dabei in den nord- und nordwestchinesischen Provinzen und autonomen Regionen, insbesondere in der Inneren Mongolei, Xinjiang und Gansu. Dort stehen umfangreiche Wind- und Solarressourcen sowie große freie Flächen zur Verfügung. Die wichtigsten industriellen Verbraucher befinden sich jedoch überwiegend in den wirtschaftsstarken Küstenregionen und im Süden des Landes. Bislang gibt es noch keinen konkreten Plan für ein landesweites Wasserstoff-Pipelinenetz, sodass Transport und Speicherung eine der größten Herausforderungen für den weiteren Markthochlauf darstellen.

Mittel- und langfristige Planung

Die Grundlage der chinesischen Wasserstoffpolitik bildet der im März 2022 von der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC) sowie der Nationalen Energiebehörde veröffentlichte „Medium and Long-Term Plan for Hydrogen Energy Industry Development (2021–2035)“. Es handelt sich um den ersten nationalen Masterplan für die Wasserstoffwirtschaft und damit um das zentrale strategische Dokument des Sektors. Der Plan definiert Wasserstoff in einer dreifachen strategischen Rolle:

  • als wichtigen Bestandteil des zukünftigen nationalen Energiesystems,
  • als zentralen Energieträger für die grüne und kohlenstoffarme Transformation von Endverbrauchssektoren,
  • sowie als strategische Zukunftsindustrie mit hoher wirtschaftlicher Priorität.

Der Masterplan ist in drei Entwicklungsphasen gegliedert.

Phase 1: Bis 2025

In der ersten Phase standen der Aufbau grundlegender Industriekapazitäten sowie die Schaffung erster Marktanwendungen im Fokus. Zu den Zielen gehörten unter anderem 50.000 Brennstoffzellenfahrzeuge. Mit rund 40.000 Fahrzeugen wurde dieses Ziel zwar nicht vollständig erreicht, dennoch entstand damit die weltweit größte FCEV-Flotte.

Phase 2: Bis 2030

Bis 2030 soll ein vollständiges Technologie- und Innovationssystem entlang der gesamten Wasserstoffwertschöpfungskette etabliert werden. Dies umfasst Produktion, Speicherung, Transport, Brennstoffzellen, Elektrolysetechnologien sowie industrielle Anwendungen.

Phase 3: Bis 2035

Für das Jahr 2035 sieht die Strategie schließlich die Schaffung eines vollständig entwickelten industriellen Ökosystems entlang der gesamten Wasserstoffwertschöpfungskette vor – von der Energieerzeugung bis zur Endanwendung.

Neben den quantitativen Zielen definiert der Masterplan fünf zentrale Handlungsfelder:

  • technologische Innovation,
  • Infrastrukturaufbau,
  • Diversifizierung der Anwendungsbereiche,
  • Standardisierung und Normung,
  • institutionelle und regulatorische Rahmenbedingungen.

Damit liefert der Plan eine umfassende Umsetzungsstrategie für die Entwicklung der chinesischen Wasserstoffwirtschaft.

Weitere politische Impulse

Zu den wichtigsten jüngeren Meilensteinen zählt das chinesische Energiegesetz von 2025, das Wasserstoff erstmals offiziell als eigenständige Energieform anerkennt. Gleichzeitig wurde Wasserstoff im 15. Fünfjahresplan (2026–2030) zu einer „Zukunftsindustrie“ und einem neuen Wachstumstreiber der chinesischen Wirtschaft erklärt.

In den Jahren 2024 und 2025 verabschiedete die Zentralregierung zudem mehrere ergänzende Politikmaßnahmen zu den Themen Systemintegration, industrielle Anwendungen, Verkehrsinfrastruktur und Ausrüstungsförderung.

Aktuell arbeiten das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie (MIIT) sowie die NDRC an einem neuen Pilotprogramm. Dabei sollen fünf Stadtcluster ausgewählt werden, um Wasserstoffanwendungen über den bisherigen Schwerpunkt Brennstoffzellenfahrzeuge hinaus auf weitere Bereiche wie Industrie, Logistik und Energiesysteme auszuweiten, die Stadt Shijiazhuang wurde schon für die Mitwirkung bestimmt.

Wertung

China hat die institutionellen, technologischen und industriellen Grundlagen für den Aufbau einer leistungsfähigen Wasserstoffwirtschaft geschaffen. Die eigentliche Bewährungsprobe steht jedoch noch bevor: Der Übergang von staatlich geförderten Pilotprojekten zu wirtschaftlich tragfähigen Geschäftsmodellen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die Kosten für grünen Wasserstoff deutlich zu senken, eine leistungsfähige Transportinfrastruktur aufzubauen und industrielle Großverbraucher zur Umstellung zu bewegen. Gelingt dies, könnte China im Wasserstoffsektor eine ähnliche globale Führungsrolle einnehmen wie heute bereits bei Solarenergie, Batterien und Elektromobilität.

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