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Auf einem Papier wird mit einem Kugelschreiber ein Kreuz gesetzt, um bei einer Wahl die Stimme abzugeben
© Philip | stock.adobe.com

Rückblick: Europe Calling – Ungarn hat gewählt!

Webinar am 14. April 2026

Lesedauer: 3 Minuten

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17.04.2026

Am 12. April 2026 hat Ungarn gewählt und einen historischen Machtwechsel herbeigeführt. Was bedeutet das für die EU, für die geopolitische Landschaft und für österreichische Unternehmen? Diesen Fragen ist WKÖ Global Insights nachgegangen — beim Webinar am 14. April, zu dem sich rund 140 Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazugeschaltet haben. 

Péter Magyar und seine Partei TISZA haben mit 138 von 199 Parlamentssitzen eine Zwei-Drittel-Mehrheit errungen. Im Webinar wurde deutlich, dass dies nicht nur einen Regierungswechsel bedeutet, sondern erstmals die reale Möglichkeit eines Systemwechsels schafft. Eine Zwei-Drittel-Mehrheit erlaubt Verfassungsänderungen, den Austausch von Amtsträgern und die Reform von Strukturen, die in den vergangenen 16 Jahren errichtet wurden. Der Fokus der neuen Regierung wird voraussichtlich dort liegen, wo der Hebel für die EU-Konditionalität am größten ist: bei der Unabhängigkeit der Justiz und der Korruptionsbekämpfung. Die Diskussion machte aber auch deutlich, dass dieser Umbau Jahre brauchen wird — Justiz, Verwaltung und Medienlandschaft tragen tief den Stempel der vergangenen Ära. Magyar hofft, bereits am 5. Mai sein Amt anzutreten, das neue Parlament tritt voraussichtlich am 11. Mai zusammen.

Aus Brüsseler Perspektive wurde im Webinar die unmittelbare Erleichterung über das Wahlergebnis betont. Die Blockadepolitik der vergangenen Jahre — beim 90-Milliarden-Euro-Kredit für die Ukraine, bei Russland-Sanktionen und bei gemeinsamen Verteidigungsinitiativen — könnte nun ein Ende finden. Besonders im Fokus stehen die rund 17 Milliarden Euro eingefrorener EU-Strukturfonds, die Magyar in seiner Siegesrede bereits zur Priorität erklärt hat. Das entspricht rund 10% des jährlichen ungarischen BIP — ein Betrag, der dem Land jahrelang für Investitionen fehlte. Der Vergleich mit Polen nach dem Wahlsieg von Donald Tusk wurde im Webinar explizit gezogen: Die EU-Kommission könnte bereits bei erkennbarem Reformwillen schrittweise Mittel freigeben, noch vor Jahresende. Gleichzeitig wurde in der Diskussion festgehalten, dass Magyar in einigen Bereichen andere Positionen vertritt als Brüssel — darunter die Frage eines beschleunigten EU-Beitritts der Ukraine und die Energieversorgung aus Russland. Die Erwartungshaltung an die neue Regierung ist hoch, die Geduld in Brüssel aber vorhanden.

Für österreichische Unternehmen ergab die Diskussion ein differenziertes Bild. Österreich ist der viertwichtigste Handelspartner Ungarns und zweitgrößter Investor nach Deutschland, mit rund 1.400 österreichischen Unternehmen vor Ort und einem jährlichen Exportvolumen von rund 7 Milliarden Euro. Die neue Regierung hat signalisiert, faire Wettbewerbsregeln wiederherstellen und Markteingriffe zurückführen zu wollen — österreichische und deutsche Unternehmen wurden dabei ausdrücklich erwähnt. Kurzfristig bleibt die wirtschaftliche Lage herausfordernd: Das Wachstum lag 2025 nahe Null, und der Haushalt gilt als erste ernsthafte Bewährungsprobe für die neue Regierung. Die Freigabe der EU-Strukturfonds würde mittelfristig erhebliche Investitionsimpulse setzen, ein unmittelbarer Konjunktureffekt 2026 ist aber nicht zu erwarten.

Die geopolitische Dimension des Wahlergebnisses wurde im Webinar ebenfalls eingehend diskutiert. Der Machtwechsel verändert Ungarns Positionierung innerhalb der EU und gegenüber wichtigen externen Akteuren. Die neue Regierung hat eine stärkere Westbindung und eine Annäherung an den europäischen Mainstream signalisiert, will aber bestehende internationale Beziehungen zunächst überprüfen. Wie schnell und in welchem Ausmaß sich diese Neuausrichtung in konkreter Politik niederschlägt, bleibt eine zentrale offene Frage.

Die Diskussion zeigte insgesamt: Der institutionelle und wirtschaftliche Umbau Ungarns ist eine Aufgabe, die Jahre in Anspruch nehmen wird. Für Unternehmen mit Ungarn-Engagement empfiehlt sich eine aufmerksame Beobachtung der Entwicklungen — insbesondere bei den EU-Strukturfonds, der Rechtssicherheit und der Haushaltsstabilität. Diese drei Bereiche werden zeigen, wie substanziell der angekündigte Kurswechsel tatsächlich ist.

Weiterführende Infos

Wie eng Österreich und Ungarn wirtschaftlich verflochten sind, zeigt dieser Beitrag:

Beim Webinar zu Gast

  • Júlia Pőcze –Policy-Analystin, Center for European Policy Studies, Brüssel
  • Philipp Schramel –WKÖ Wirtschaftsdelegierter AußenwirtschaftsCenter Budapest
  • Sebastian Köberl – Teamleiter Strategic Resilience, WKÖ EU Representation, Brüssel

Moderation: Larena Eibl – Head of Global Insights, AUSSENWIRTSCHAFT AUSTRIA, WKÖ

Die Inhalte basieren auf dem Webinar-Gespräch vom 14. April 2026. Es gelten Chatham House Rules.