Nach Dürre Starkregen: Wirtschaft fordert besseren Schutz vor Naturkatastrophen
Eine Milliarde Euro Dürreschäden und ein steigendes Risiko durch Extremwetter: Gerade für Unternehmen können Naturkatastrophen existenzbedrohend sein.
Lesedauer: 4 Minuten
Ausgetrocknete Böden, massive Ernteausfälle und Schäden in Milliardenhöhe: Die aktuelle Dürre führt einmal mehr vor Augen, welche wirtschaftlichen Dimensionen Naturereignisse mittlerweile erreichen können. Laut Österreichischer Hagelversicherung beläuft sich der durch die Trockenheit verursachte Schaden in der heimischen Landwirtschaft bereits auf rund eine Milliarde Euro. Betroffen seien ganz Österreich und sämtliche Kulturen, insbesondere Grünland, Mais, Kartoffeln, Zuckerrüben, Kürbisse und Soja, regional auch Getreide.
Doch die Dürre ist nur eine Seite zunehmender Wetterextreme. Die nächste Herausforderung kann bereits das andere Extrem sein: Starkregen und Hochwasser. Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Wasserdampf aufnehmen – bei entsprechenden Wetterlagen steht damit mehr Feuchtigkeit für intensive Niederschläge zur Verfügung. In Österreich haben extreme Regenmengen innerhalb einer Stunde in den vergangenen 40 Jahren bereits deutlich zugenommen. Gerade für Kärnten ist diese Entwicklung relevant. Tiefdruckgebiete und feuchte Luftmassen aus dem Mittelmeerraum können im Süden Österreichs große Niederschlagsmengen bringen. Und Kärnten zählt zu jenen Regionen, in denen Hochwasser längst kein theoretisches Risiko ist.
Kärnten besonders von Hochwasserrisiko betroffen
Das bestätigt auch der Bericht des Rechnungshofes zu Extremwetterschäden in Österreich. Von österreichweit 416 ausgewiesenen Hochwasserrisikogebieten mit jeweils mehr als 500 potenziell Betroffenen liegen 56 in Kärnten. Die Hochwasser-Fachdatenbank weist für Kärnten und Tirol zudem seit 2014 eine steigende Anzahl von Hochwasserereignissen aus. „Die aktuelle Dürre zeigt, wie schnell Wetterextreme zu enormen wirtschaftlichen Schäden führen können. Gleichzeitig wissen wir aus den vergangenen Jahren, welche Folgen Starkregen und Hochwasser gerade in Kärnten haben können“, betont Franz Ahm, Obmann der Sparte Information und Consulting der Wirtschaftskammer Kärnten. „Für unsere Unternehmer:innen geht es dabei nicht nur um beschädigte Gebäude. Produktionsanlagen, Maschinen, Warenlager oder die gesamte betriebliche Infrastruktur können innerhalb kürzester Zeit betroffen sein. Ein einziges Extremereignis kann damit die wirtschaftliche Existenz eines Betriebs gefährden.“
Der Rechnungshof beziffert die Schäden durch Extremwetterereignisse in Kärnten allein für den Zeitraum von 2019 bis 2023 mit 194,46 Millionen Euro. Betroffen waren unter anderem Gemeinden und Land, Schutzbauwerke, Landwirtschaft und Bahninfrastruktur sowie privates Vermögen. Wenn das Wasser kommt, darf die finanzielle Absicherung nicht fehlen. Gerade bei Hochwasser besteht jedoch eine erhebliche Versicherungslücke. Laut Rechnungshof waren nach einer Schätzung aus dem Jahr 2022 lediglich rund fünf Prozent der Werte von privaten Haushalten und Unternehmen in Österreich gegen Hochwasserschäden versichert.
Für die Sparte Information und Consulting und die Fachgruppe Versicherungsmakler und Berater in Versicherungsangelegenheiten der Wirtschaftskammer Kärnten ist das ein deutliches Signal, dass Österreich bei der Absicherung gegen Naturkatastrophen dringend eine langfristige Lösung braucht. „Für einen Betrieb kann ein Hochwasser weit mehr bedeuten als einen Sachschaden. Wenn Maschinen ausfallen, Waren zerstört werden oder der Betrieb für Wochen stillsteht, geht es sehr schnell um die wirtschaftliche Existenz“, erklärt Peter Tschernutter, Obmann der Fachgruppe Versicherungsmakler und Berater in Versicherungsangelegenheiten der Wirtschaftskammer Kärnten. „Unternehmer:innen müssen darauf vertrauen können, dass existenzbedrohende Naturgefahren sinnvoll und leistbar abgesichert werden können. Genau diese Sicherheit fehlt derzeit.“
Staatliche Hilfe allein reicht nicht aus
Die Folgen zeigen sich nach einem Katastrophenereignis häufig erst in vollem Ausmaß. Haushalte und Unternehmen können bei Extremwetterschäden zwar Beihilfen der Länder erhalten. In Kärnten deckten diese Beihilfen zwischen 2015 und 2023 jedoch durchschnittlich lediglich 31 Prozent der Schäden am Vermögen Privater ab. Technische Schutzmaßnahmen allein können das Problem ebenfalls nicht lösen. Zwar wurden in Kärnten zwischen 2010 und 2023 rund 237 Millionen Euro in Hochwasserschutzanlagen investiert. Der Rechnungshof hält jedoch ausdrücklich fest, dass ein absoluter Schutz vor Hochwasser nicht möglich ist. „Prävention ist unverzichtbar, aber wir können nicht jeden Betrieb und jedes Gebäude vollständig vor Naturgewalten schützen“, so Ahm. „Deshalb müssen Prävention und Versicherungsschutz gemeinsam gedacht werden. Unternehmer:innen brauchen Planbarkeit – auch für den Fall, dass trotz aller Schutzmaßnahmen eine Katastrophe eintritt.“
Forderung nach bundesweit einheitlicher Lösung
Die Kärntner Versicherungsmakler fordern deshalb bereits seit Jahren eine bundesweit einheitliche Versicherungslösung für Naturkatastrophenschäden. Auch der Rechnungshof sieht Handlungsbedarf und empfiehlt Bund, Ländern und weiteren Akteuren ausdrücklich, ein geeignetes Versicherungsmodell zur besseren Abdeckung von Schäden aus Extremwetterereignissen zu entwickeln. Ziel seien eine angemessene Entschädigung und zumutbare Selbstbehalte.
Die Wirtschaftskammer Kärnten fordert konkret, eine verpflichtende Naturkatastrophendeckung im Versicherungsvertragsgesetz zu verankern. Vorgesehen werden sollen risikodifferenzierte Prämien und zumutbare Selbstbehalte. Als mögliches Vorbild gilt das belgische Modell. Zusätzlich soll eine nationale Schaden- und Ereignisdatenbank eine fundierte Risikobewertung ermöglichen. „Wir diskutieren diese Frage seit Jahren. Gleichzeitig werden die Schäden real und die Risiken für unsere Unternehmen größer“, sagt Tschernutter. „Heute sprechen wir über eine Milliarde Euro Dürreschäden. Beim nächsten Ereignis sprechen wir vielleicht wieder über überflutete Häuser und Betriebe. Wir sollten nicht jedes Mal aufs Neue überrascht sein, sondern endlich ein System schaffen, das im Ernstfall trägt.“ Ahm ergänzt: „Naturkatastrophen können wir nicht verhindern. Aber wir können verhindern, dass aus einem Extremwetterereignis zusätzlich eine wirtschaftliche Katastrophe für Kärntens Unternehmen wird. Dafür braucht es jetzt eine verlässliche und österreichweit einheitliche Lösung.“