Zum Inhalt springen
Sparte Industrie

Handel als Stabilitätsanker in geopolitisch unruhigen Zeiten

Informationen der Bundessparte Industrie

Lesedauer: 5 Minuten

22.01.2026

Die EU hat jüngst mit dem Abkommen mit Mercosur einen Meilenstein erreicht. Doch dieser wackelt nun gehörig. Weitere Abkommen sind in der Pipeline.

Angesichts der aktuell äußerst angespannten geopolitischen Lage wird eines immer deutlicher: Für die Industrie ist eine breite Diversifizierung der Lieferketten sowie der Abschluss verlässlicher Abkommen mit unterschiedlichen internationalen Partnern wichtiger denn je. Wirtschaftliche Abhängigkeiten werden zunehmend als geopolitisches Druckmittel instrumentalisiert, mit teils gravierenden Folgen für Unternehmen, Produktionsprozesse und Investitionsentscheidungen. Vor diesem Hintergrund kommt einer aktiven und vorausschauenden Handelspolitik eine zentrale strategische Bedeutung zu.

Die Europäische Kommission bekennt sich weiterhin klar zum Freihandel, auch wenn dieses Bekenntnis in den vergangenen Jahren punktuell durch sinnvolle Einschränkungen ergänzt wurde. Überlegungen zu „Made in Europe“-Kriterien oder gezielte industriepolitische Maßnahmen müssen stets im Lichte der aktuellen weltpolitischen Entwicklungen und der wachsenden wirtschaftlichen Rivalitäten betrachtet werden. Für die Bundessparte Industrie und die Wirtschaftskammer Österreich steht dabei außer Zweifel: Der Abschluss weiterer Freihandelsabkommen ist absolut notwendig – sowohl zur Stärkung der Resilienz der europäischen Industrie als auch zur Absicherung unserer stark exportorientierten Wirtschaft.

Der handelspolitische Kontext zeigt zugleich, wie eng ökonomische und geopolitische Stabilität miteinander verflochten sind. Freihandelsabkommen dienen heute nicht mehr nur der wirtschaftlichen Öffnung, sondern zunehmend der strategischen Partnerschaftspflege, um Abhängigkeiten zu reduzieren und politische Verwundbarkeiten zu minimieren. Die EU steht dabei unter wachsendem Druck, handlungsfähig zu bleiben – denn langwierige Entscheidungsprozesse oder politisch motivierte Blockaden können die Vorteile gut verhandelter Abkommen schmälern und die Planungssicherheit für Unternehmen beeinträchtigen.

Gleichzeitig verschärft sich das internationale Wettbewerbsumfeld. Während andere Wirtschaftsräume – etwa die USA, China oder regionale Bündnisse im asiatisch‑pazifischen Raum – ihre Marktpräsenz rasch durch neue Abkommen ausbauen, riskiert die EU, den Anschluss zu verlieren. Gerade deshalb gewinnen die laufenden Verhandlungen mit Zukunftsmärkten wie Indien sowie ressourcenstarken Partnern wie Australien weiter an Bedeutung. Sie eröffnen nicht nur Chancen für österreichische Industriebereiche wie Maschinen‑ und Anlagenbau, Energie‑ und Umwelttechnik oder Bergbautechnologien, sondern stärken auch die europäische Position in globalen Lieferketten und Innovationsnetzwerken.

Mercosur: Ein zentrales handelspolitisches Schlüsselprojekt

Ein zentrales Beispiel dafür ist das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten. Nach rund 25 Jahren intensiver und oftmals zäher Verhandlungen konnte zuletzt eine politische Einigung erzielt werden. Die Mitgliedstaaten haben dem Abkommen mehrheitlich zugestimmt, nachdem insbesondere im Bereich der Landwirtschaft nochmals erhebliche Zugeständnisse gemacht wurden. Formal fehlt nun noch die Zustimmung des Europäischen Parlaments. Bedauerlicherweise bestehen parlamentarische Möglichkeiten, mit denen das Abkommen zumindest verzögert werden könnte. So fordern die Parlamentarier in einer Abstimmung am 21.Jänner mehrheitlich ein Gutachten des Europäischen Gerichtshof zur Vereinbarkeit des Abkommens mit den EU-Verträgen. So ein Gutachten, obwohl es keine unmittelbare Rechtswirkung entfaltet, hat natürlich eine große Signalwirkung und führt zu massiver Rechtsunsicherheit, da die Veröffentlichung bis zu zwei Jahre dauern kann. Im schlechtesten Fall wenden sich die Mercosur-Staaten von diesem Abkommen ab und stattdessen wieder verstärkt China zu.

Es eröffnen sich nun mehrere Szenarien, wie zumindest der Handelsteil des Abkommens – inklusive Zöllen und Quoten – vorläufig angewandt werden kann. Das könnte nämlich laut juristischer Einschätzung der Kommission bereits der Fall sein, sobald ein Mercosur-Mitgliedstaat das Abkommen ratifiziert – Gutachten hin oder her. Damit könnten wichtige wirtschaftliche Effekte bereits frühzeitig wirksam werden. Allerdings würde man sich hier auf rechtlichem Neuland bewegen, was die Rechtsunsicherheit nur noch weiter verschärft. Während das Ringen um Mercosur auf EU-Ebene also weitergeht, setzt die Europäische Kommission richtigerweise parallel auf weitere Verhandlungen mit großen internationalen Partnern. Ziel ist es laut Kommissioninsbesondere die weltweit stärksten Wachstums- und Innovationsmotoren enger an die EU zu binden.

Neue Dynamik mit Indien und Australien: Wachstumsmärkte und strategische Partner

Dabei richten sich die Blicke vor allem auf Indien und Australien – aus jeweils unterschiedlichen Gründen. Indien bietet einen riesigen und dynamisch wachsenden Absatzmarkt für österreichische und europäische Produkte. In den jüngsten Verhandlungsrunden sind messbare Fortschritte erzielt worden – u. a. bei Marktzugang, Ursprungsregeln, Digitalhandel und Anti‑Betrugsbestimmungen. Für österreichische Unternehmen – insbesondere Maschinen‑/Anlagenbau, Umwelt- und Energietechnik sowie industrielle Services – eröffnet ein Freihandelsabkommen Potenzial durch Zollsenkungen, klare Ursprungsregeln und vereinfachte Prozesse. Gleichzeitig stellen europäische Patentregelungen, insbesondere im Pharmabereich, einen zentralen Knackpunkt dar, da sie im Widerspruch zu den Interessen der starken indischen Generikaindustrie stehen. Australien wiederum wäre vor allem aufgrund seiner reichen Vorkommen an kritischen Rohstoffen ein hochinteressanter Partner, aber auch als strategischer Akteur im Pazifikraum. Die EU–Australien‑Schiene eröffnet zu kritischen und strategischen Mineralien zusätzliche Chancen für ESG‑konforme Beschaffung und Technologieexporte. So tun sich etwa Möglichkeiten für für Bergbautechnologie, Verarbeitung, Umwelttechnik und Recycling auf. Skeptisch zeigt sich hier insbesondere die europäische Landwirtschaft, die einen erleichterten Zugang für australische Viehzucht- und Getreideprodukte zum EU-Markt mit Sorge betrachtet.

Trotz dieser Herausforderungen äußert sich die Kommission hinsichtlich Indien zuversichtlich. Für den EU-Indien-Gipfel am 27. Jänner 2026 werden bereits weitere konkrete Ankündigungen erwartet.

Der langwierige und schwierige Prozess rund um Mercosur führt schmerzhaft vor Augen, dass längst nicht alle Akteure vom freien Handel überzeugt sind. Oftmals sind es kleingeistige, nationale Debatten und Partikularinteressen, die diese Diskussionen bestimmen. Die positiven Erfahrungen mit jüngsten Abkommen, etwa mit Japan und Kanada, zeigen jedoch klar: Freihandel stärkt die Industrie, belebt die Wirtschaft insgesamt und kommt auch weiten Teilen der Landwirtschaft zugute. Das konsequente Voranbringen solcher Abkommen liegt daher im Interesse aller.

Autoren:

Clemens Rosenmayr MSc, MSc
Mag. Sandra Lengauer
E-Mail: clemens.rosenmayr@wko.at | sandra.lengauer@wko.at

Weitere interessante Artikel
  • Im Vordergrund sind zwei Münzstapel, unter denen verschiedene Geldscheine liegen. In der linken Bildhälfte ist ein Taschenrechner. Dahinter hängt eine Flagge in den Farben rot-weiß-rot
    BSI-Obmann Menz: Budgetsanierung: Kraftloser Start
    Weiterlesen
  • Person in Arbeitskleidung mit orangem Helm und Gehörschutz in Seitenansicht steht in Industrieanlage vor großen Metallrohren und hält Tablet in Händen
    BSI-Obmann Menz: Industrieproduktion in Europa hat Zukunft
    Weiterlesen
  • In der linken Bildhälfte sind viele Reihen übereinander gestapelter Aktenordner. In den Ordnern sind jeweils viele Zettel und Unterlagen
    BSI-Obmann Menz: Heraus aus der Sackgasse!
    Weiterlesen