Fuckup Nights: Wenn Fehler uns wachsen lassen
200 Gäste bei den Fuckup Nights Imst #2 in der AREA 47.
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Wo normalerweise Adrenalin und sportliche Höchstleistungen im Fokus stehen, ging es am Donnerstagabend um die Schattenseiten des Erfolgs und den Mut zur Ehrlichkeit. Die AREA 47 im Ötztal bot die Kulisse für die zweite Ausgabe der Fuckup Nights Imst. Rund 200 Besucher:innen kamen, um Geschichten zu hören, die sonst oft hinter verschlossenen Türen bleiben.
Veranstaltet von den Fuckup Nights Tirol in Kooperation mit den Raiffeisenbanken des Bezirks Imst sowie der WK Bezirksstelle Imst, wurde der Abend zu einem Plädoyer für eine offene Fehler- und Lernkultur im Oberland.
„Seit 11 Jahren setze ich mich dafür ein, dass in geschützten Räumen offen über Fehler gesprochen wird. Erfolg hat wenig mit Perfektion zu tun, sondern mit der Bereitschaft, Risiko einzugehen, Rückschläge in Kauf zu nehmen und Wege zu finden, mit dem Unausweichlichen umzugehen“, erklärt Bettina Wenko, Initiatorin der Fuckup Nights. Wer diesen Prozess gemeinsam durchlebe, schaffe Vertrauen und wichtige Voraussetzungen für persönliche und unternehmerische Entwicklung.
Drei Leben, drei Wendepunkte
Die drei Speaker:innen des Abends hätten unterschiedlicher kaum sein können. Eines einte sie jedoch: der Moment, in dem die ursprüngliche Planung nicht mehr aufging.
Nina Gigele, Weltenbummlerin und Harvard-Studentin, nahm das Publikum mit zurück zu jenem Moment, als sie als 16-Jährige vor den Trümmern ihres Traums von Olympiagold stand. Eine schwere Verletzung und die Ungewissheit, ob sie ihr Bein behalten würde, bedeuteten einen existenziellen Einschnitt. Gigele erzählte, wie sie aus dem „Let’s fuck this up“ eine neue Lebensphilosophie formte. Ihr Fazit: Der geplatzte Traum öffnete die Tür zu einem Leben, das heute vielfältiger ist, als es eine Medaille allein hätte sein können.
Jennifer Giovanelli komplettierte das Trio mit einer Geschichte aus der Welt des Network Marketings. Sie beschrieb das Gefühl, wenn mühsam aufgebaute Teamstrukturen von heute auf morgen in sich zusammenbrechen. Ihre zentrale Erkenntnis: „Wachstum fühlt sich verdammt oft nach Scheitern an.“ Giovanelli machte deutlich, dass gerade schwierige Phasen Raum schaffen können, um sich weiterzuentwickeln und neu zu erkennen, was möglich ist.
Philipp Huber, Gründer von Huber Web Media, brachte die unternehmerische Perspektive aus 20 Jahren an der Spitze seines Unternehmens ein. Sein „Fuckup“ war kein einzelner Moment, sondern ein Lernprozess. „Ich hab mich selbst befördert und damit überfordert“, gestand er offen. Der Weg vom Techniker zum Leiter eines Unternehmens mit sechsstelligem Umsatz und 18 Mitarbeiter war auch von der Erkenntnis geprägt, dass Führung keine Nebenaufgabe ist. Ein ehrlicher Einblick in die Herausforderungen des Wachstums, der viele im Publikum sichtbar beschäftigte.
Rückschläge als Teil unternehmerischer Entwicklung
Dass schwierige Phasen zum Unternehmertum gehören, betonte auch Josef Huber, Bezirksobmann der Wirtschaftskammer Bezirksstelle Imst: „Unternehmer:innen sind tagtäglich mit Entscheidungen konfrontiert, die nicht immer zum Erfolg führen, aber dennoch der Ursprung für einen Neustart sein können. Mit der Fuckup Night setzen wir ein Zeichen, dass Scheitern nicht das Ende, sondern der Beginn einer Lernkurve ist. Gleichzeitig lernen wir von jenen, die ihre Misserfolge in erfolgreiche Geschäftsmodelle verwandelt haben.“
Auch aus Sicht der Raiffeisenbanken des Bezirks Imst ist gerade in herausfordernden Zeiten ein offener Umgang mit Rückschlägen entscheidend. „Wenn es wirtschaftlich schwierig wird, zeigt sich, wie wichtig Verlässlichkeit und Partnerschaft für Unternehmen sind. Raiffeisen steht auch in herausfordernden Zeiten an der Seite der heimischen Wirtschaft und nicht nur dann, wenn alles nach Plan läuft“, sagt Christian Jais, Bezirkssprecher der Raiffeisenbanken im Bezirk Imst. Die Fuckup Nights würden genau diesen Gedanken aufgreifen: offen über Rückschläge zu sprechen, daraus zu lernen und gemeinsam nach vorne zu schauen. „Fehler und schwierige Phasen gehören zur unternehmerischen Entwicklung dazu. Entscheidend ist, wie damit umgegangen wird und welche Chancen daraus entstehen.“
Mehr als nur Anekdoten
Was den Abend in der AREA 47 besonders machte, war der bewusste Verzicht auf Hochglanzgeschichten. Statt eines klassischen Motivationsevents standen persönliche Erfahrungen, Fehlentscheidungen und deren Konsequenzen im Mittelpunkt. Das Publikum reagierte mit konzentriertem Zuhören, offenem Austausch und immer wieder auch mit befreiendem Lachen.
In der anschließenden Fragerunde wurde deutlich, wie sehr das Thema den Nerv trifft. Die Fragen waren direkt, die Antworten ebenso. Die Fuckup Nights Imst zeigten damit, dass Fehler kein Makel sein müssen, sondern Ausgangspunkt für persönliche und berufliche Entwicklung sein können.
Wer in der AREA 47 dabei war, nahm daher mehr mit als gute Unterhaltung: die Erkenntnis, dass Umwege, Rückschläge und Neustarts oft ein wesentlicher Teil des Weges zum Erfolg sind.
Über die Fuckup Nights
Die Fuckup Nights sind eine globale Bewegung, die 2012 in Mexiko ihren Ursprung nahm. In mehr als 200 Städten weltweit erzählen Menschen seither von Fehlern und Rückschlägen, um das Stigma des Scheiterns aufzubrechen und die daraus entstehenden Lern- und Entwicklungschancen in den Mittelpunkt zu stellen.
Bettina Wenko griff das Thema 2015 in Tirol auf und hat seither in allen neun Bezirken Communities rund um eine positive Fehler- und Lernkultur aufgebaut.