IM FOKUS mit Jérôme Gence: Wenn Fotografie Geschichten erzählt
Erfahrungen und Perspektiven aus der professionellen Fotografie
Lesedauer: 6 Minuten
Ein inspirierender Abend über die Kraft des Storytellings und die Menschen hinter den Bildern: Im Rahmen der Vortragsreihe IM FOKUS war der international renommierte Fotograf Jérôme Gence am 21. Juli 2026 im Leica Store Wien zu Gast. Die Reihe ist eine Kooperation der Landesinnung Wien der Berufsfotografie mit dem Leica Store Wien (Seilergasse) und dem Festival La Gacilly-Baden Photo. Vor rund 50 Zuhörer:innen gab der französische Fotograf spannende Einblicke in seine fotografischen Projekte und seinen persönlichen Zugang zur Fotografie. Schon in den ersten Minuten wurde deutlich, wie sehr die bescheidene und authentische Art von Jérôme Gence das Publikum fesselte: Nicht spektakuläre Einzelbilder standen im Mittelpunkt, sondern Geschichten und die Menschen dahinter – ein Gedanke, der den gesamten Abend prägte.
Jérôme Gence, geboren 1984 auf La Réunion, arbeitet als Dokumentarfotograf und Fotojournalist. Parallel zu seiner fotografischen Tätigkeit ist er weiterhin als Data Analyst in Paris tätig – eine Verbindung, die ihm nach eigener Aussage eine wertvolle, zeitweise Distanz von seiner fotografischen Arbeit ermöglicht. Seine Reportagen beschäftigen sich mit gesellschaftlichen Entwicklungen, den Auswirkungen neuer Technologien und den Geschichten von Menschen, denen er mit großer Geduld und Empathie begegnet. Veröffentlicht werden seine Arbeiten unter anderem in internationalen Medien wie National Geographic, Paris Match, Le Figaro Magazine, Le Monde, Der Spiegel und Stern. Gences fotografischer Weg wurde besonders durch seinen Mentor Eric Valli geprägt – ein französischer Fotograf und Filmregisseur, dessen Zugang zur Reportage-Fotografie und zum authentischen Erzählen ihn bis heute inspiriert.
Besonders beeindruckend war Jérôme Gences bescheidene und achtsame Haltung, die sich wie ein roter Faden durch den gesamten Abend zog: Sie zeigte sich nicht nur in der Art, wie er über seine eigene Arbeit sprach, sondern auch in seinem Umgang mit den Menschen, die er fotografiert. Statt spektakuläre Bilder oder sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, sprach Gence darüber, wie wichtig es sei, Vertrauen aufzubauen, zuzuhören und sich Zeit für die Menschen und eine Geschichte zu nehmen. Diese Haltung wurde auch in den unterschiedlichen Foto-Serien sichtbar, die Gence an diesem Abend präsentierte: z. B. von seinen frühen Arbeiten über seine Reise durch den Himalaya („The Himalayas“) über „Virtual Weddings“ in Japan und „Livestreamers, Geishas of the Internet“ bis hin zu „Mukbangs“ aus Südkorea. So unterschiedlich die Themen und Lebenswelten auch sind, sie alle verbindet sein respektvoller Zugang zu den Menschen und der Versuch, gesellschaftliche Entwicklungen über persönliche Geschichten sichtbar zu machen. Dabei wurde deutlich, dass für Gence nicht das einzelne perfekte Bild im Mittelpunkt steht, sondern die Geschichte dahinter. Starke Fotografie entsteht für ihn durch authentisches Erzählen und ein tiefes Verständnis für das jeweilige Thema. Sein Rat an Berufsfotograf:innen war dabei ebenso klar wie ermutigend: Wer seinen eigenen fotografischen Weg finden wolle, müsse wissen, wofür er oder sie steht, eine persönliche Handschrift entwickeln und den Mut haben, sich von der Masse abzuheben.
Portfolio Reviews für Wiener Berufsfotograf:innen
Bereits vor dem Vortrag nahm sich Jérôme Gence Zeit für sechs ausführliche Portfolio Reviews mit Wiener Berufsfotograf:innen. Die Teilnehmenden kamen aus den unterschiedlichsten fotografischen Bereichen – von Architektur-, Event- und Werbefotografie über Fashion-, Hochzeits- und Street Photography bis hin zu Landschafts- und Peoplefotografie. Um sich optimal vorzubereiten, hatte er sich bereits im Vorfeld mit den Webseiten der Teilnehmer:innen beschäftigt. Sein Fazit nach den Reviews war sehr positiv: Gence zeigte sich beeindruckt von der kreativen Vielfalt der Wiener Berufsfotografie und ermutigte alle Teilnehmenden, ihren eigenen fotografischen Weg konsequent weiterzuverfolgen – und dabei vor allem das, wofür man stehe, in den Fokus zu stellen.
Welche Gedanken und Impulse haben Berufsfotograf:innen aus dem Vortrag mitgenommen? Wir haben nachgefragt:
Maria Gaspar
„Der Vortrag hat mich sehr bewegt – vor allem die Bescheidenheit, mit der Jérôme Gence seiner Arbeit begegnet. Er stellt sich selbst nie in den Mittelpunkt, sondern hört zu, beobachtet aufmerksam und lässt die Menschen und ihre Geschichten für sich sprechen. Besonders inspirierend finde ich seinen respektvollen, urteilsfreien Blick. Für mich war das eine wertvolle Erinnerung daran, genauer hinzusehen, mehr zuzuhören und der Fotografie mit noch mehr Offenheit zu begegnen. Seine Bilder – z. B. die Bilder über Menschen in Asien, die Puppen oder virtuelle Personen heiraten – haben gezeigt, wie kraftvoll Fotografie sein kann, ohne zu bewerten oder zu skandalisieren. Mich fasziniert außerdem, dass er ganz ohne Präsenz in den sozialen Medien arbeitet. Das macht ihn auch ein bisschen freier.“
Franz Pflügl
„Mich hat vor allem die Leidenschaft berührt, die man während des gesamten Vortrags gespürt hat. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir seine Aussage, dass man Menschen lieben und mit ihnen in Kommunikation gehen muss, wenn man z. B. Street Photography machen will. Generell hebt sich Jérôme ziemlich ab von vielen anderen klassischen Top-Fotograf:innen, die Magazin-Fotografie machen, Preise gewinnen und die man bei ähnlichen Events präsentiert bekommt – eine neue Sichtweise, ein ganz anderer Stil. Beeindruckt hat mich auch, wie gut er sich selbst zurücknehmen kann und den Menschen den Raum gibt, einfach sie selbst zu sein – gut zu sehen z. B. bei den Fotos aus Asien, wo Menschen virtuelle Personen heiraten. Das so gut herüberzubringen, ist schon eine Kunst. Eine spannende Geschichte – und ich gehe sehr motiviert aus diesem Abend.“
Andrea Schmidt
„Jérôme war für mich ein sehr inspirierender und charismatischer Vortragender. Besonders spannend fand ich seinen Werdegang und wie er erzählt hat, auf welche Weise er Zugang zu den Menschen findet, die er dann begleitet und fotografiert – mit dem Ziel, zuerst Vertrauen und eine Beziehung aufzubauen. Wie tief er in das Leben dieser Menschen eintaucht, das ist schon berührend. Ich nehme aus diesem Abend auch mit, welch wichtige Rolle Storytelling – das ja an sich nichts Neues ist – spielt und dass man sich immer wieder fragen sollte, welche Emotion eine Geschichte transportiert und wie man sie fotografisch am besten einfängt.“
Nathan Murrell
„Mich hat besonders fasziniert, wie bodenständig der Fotograf trotz seiner Arbeit auf National-Geographic-Niveau geblieben ist. Ebenso inspirierend war seine idealistische Art, sich einem Thema zu nähern und einer Geschichte mit großer Konsequenz zu folgen. Er hat eindrucksvoll vermittelt, dass eine starke Geschichte oft wichtiger ist als einzelne spektakuläre Bilder – manchmal muss man sogar ein Lieblingsfoto zugunsten des Gesamtnarrativs weglassen. Gerade diese Einblicke in seine Arbeitsweise waren für mich als Fotograf besonders wertvoll und ermutigend. Ohne die IM FOKUS-Reihe wäre ich wahrscheinlich nie auf ihn aufmerksam geworden – umso schöner ist es, dass hier solche Fotograf:innen vorgestellt werden.“
Charlotte Wösner
„Ich bin ursprünglich wegen der Portfolio Review mit Jérôme zum Event gekommen und hätte nicht erwartet, wie viel ich an diesem Abend mitnehmen würde. Sein Feedback hat mir gezeigt, dass meine Bilder technisch zwar funktionieren, ihnen aber oft die erzählerische Ebene fehlt. Genau dieses Thema Storytelling hat Jérôme auch in seinem Vortrag für mich greifbar gemacht und bei mir ein Umdenken ausgelöst. Ich gehe mit vielen neuen Ideen nach Hause und möchte mein Portfolio künftig viel stärker darauf ausrichten, Geschichten zu erzählen und Emotionen zu wecken. Besonders wertvoll war für mich die Erkenntnis, dass man oft schon die richtigen Momente vor sich hat – man muss nur lernen, sie als Geschichte zu erkennen.“