Schweden: Dekarbonisierung der Stahlindustrie in drei Großprojekten
Auch in Schweden stocken manche Vorhaben
Lesedauer: 4 Minuten
Die Stahlindustrie gilt aufgrund des hohen Kohlebedarfs als einer der größten CO2-Verursacher. Entsprechend kommt der Industrie eine Schlüsselrolle bei der Dekarbonisierung der Wirtschaft zu. Im deutschsprachigen Raum gab es 2025 jedoch eine Reihe von Negativschlagzeilen rund um die grüne Transformation der Branche. Der luxemburgischen Stahlkonzern ArcelorMittal lägt beispielsweise Pläne auf Eis, seine Werke in Bremen und Eisenhüttenstadt auf nachhaltig gewonnenen Wasserstoff umzustellen.
Auch in Nordschweden beschäftigt sich die die Stahlindustrie seit längerem mit der Dekarbonisierung. Reichlich vorhandener Ökostrom sowie Zugang zu Eisenerz und zu Export-Häfen sind die Standortvorteile am schwedischen Polarkreis. Wir werfen einen Blick auf den Umsetzungsstand von drei bereits lancierten Großprojekten.
Hybrit: erfolgreiche Testanlage, Zögern beim Skalieren
HYBRIT (Hydrogen Breakthrough Ironmaking Technology) ist ein schwedisches Projekt der Konzerne SSAB, LKAB und Vattenfall, das seit 2016 die fossilfreie Stahlproduktion aus Eisenerz entwickelt. Kern der Technologie ist die Ersetzung von Koks und Kohle im Reduktionsprozess durch Wasserstoff, der mit erneuerbarem Strom (z. B. Wasserkraft) aus Elektrolyse gewonnen wird – als Nebenprodukt entsteht Wasser statt CO₂.
In Lulea wurde eine Demonstrationsanlage in semi-industrieller Skala gebaut. Die Tests zeigen, dass die Technologie bez. Wasserstoffspeicherung und Produktion von Eisenschwämmen funktioniert und bereit für die Industrialisierung ist.
Der nächste Schritt ist eine Fabrik in Gällivare, die die technologische Skalierbarkeit validiert. Eisenerz aus Kiruna soll dort in Eisenschwamm (jährliche Kapazität von 1.3 Mio. Tonnen) umgewandelt werden, der dann in Luleå zu Stahl weiterverarbeitet wird.
Eigentlich hätte 2025 ein Investitionsentscheid fallen sollen. Doch das für den Bau verantwortliche LKAB zögert: eine unklare Entwicklung von Markt, Rahmenbedingungen (CO2-Bepreisung) und Stromnetz sowie ausstehende Umweltgenehmigungen erschweren die Entscheidung. Nun werden frühstens im Sommer 2026 nächste Schritte erwartet. In der Zwischenzeit erhielt Hybrit die Bewilligung für den Weiterbetrieb der Testanlage in Luleå bis 2031.
Stegra: Finanzierungsprobleme und Geschäftsmodell unter Druck
Das Start-up Stegra baut in Boden eine Fabrik für die Produktion von CO2-neutralem Stahl. Bis 2030 will Stegra jährlich 5 Mio. Tonnen grünen Stahl produzieren.
Die Technologie ist dieselbe wie diejenige von Hybrit. Der Unterschied liegt im Prozess: Stegra integriert alle Schritte (Wasserstofferzeugung, Direktreduktion, Schmelzen und Walzen) in einer einzigen Fabrik, während Hybrit eine getrennte Wertschöpfungskette verfolgt. Außerdem baut Stegra direkt eine Anlage im industriellen Maßstab, während HYBRIT schrittweise vorgeht. Zu den Geldgebern gehören unter anderem Industriellenfamilien wie Agnelli, Maersk und Wallenberg sowie deutsche Konzerne wie Mercedes-Benz und Siemens. Geschäftsführer ist Henrik Henriksson, der ehemalige Geschäftsführer von Scania.
Das Fabrikgelände von Stegra befindet sich in der Bauphase und ist zu 60 % fertiggestellt. Die Firma kämpft aber mit deutlich gestiegenen Projektkosten und muss rasch zusätzliches Kapital auftreiben. Einen Teil des Hafenzugangs in Luleå muss Stegra nun selbst ausbauen, weil sich die Gemeinde zurückgezogen hat.
Verzögerte oder nicht gewährte staatliche Zuschüsse verschärfen den Druck. Zudem sind Zweifel aufgekommen, wie CO2-frei der zukünftige Stahl von Stegra am Anfang sein wird, denn es ist unklar, ob die Firma ab 2030 genügend Ökostrom gesichert hat. Es kam zu Änderungen im Vorstand. Unter diesen Vorzeichen erscheint die Inbetriebnahme heuer unrealistisch.
SSAB Elektrostahlwerk: auf Kurs und strategisch unabhängig
Neben der Hybrit-Joint-Venture investiert SSAB investiert 4.5 Milliarden Euro in ein elektrifiziertes CO2-neutrales Stahlwerk in Luleå, das bis 2028 gebaut werden soll. Die Finanzierung ist gesichert und der Spatenstich erfolgte 2025. Die Fabrik wurde von der EU als strategisches Netto-Null-Projekt gemäß dem Netto-Null-Industriegesetz anerkannt.
In diesem hochmodernen Werk mit Elektrolichtbogenöfen, Sekundärmetallurgie und integriertem Walzwerk soll in Zukunft unter anderem der grüne Eisenschwamm vom Hybrit-Projekt zu Stahl verarbeitet werden.
Sollte das Hybrit-Projekt nicht so wie geplant industriell umgesetzt werden, lohnt sich der Neubau für SSAB trotzdem, weil er auch mit recyceltem Stahlschrott ausgelastet werden kann. Die neue Fabrik ermöglicht SSAB die Stilllegung der bestehenden Hochöfen und eine Produktion mit niedrigeren Kosten und mehr Flexibilität für Spezialstähle.
Der abtretende CEO von LKAB Jan Moström ist aber davon überzeugt, dass das Hybrit-Modell mit Eisenschwämmen und Elektrolichtöfen die Zukunft ist: „Die Zeit der Hochöfen ist vorbei. 70 Prozent unseres Marktes liegen in Europa, und dort wird niemand mehr in Hochöfen investieren. Um hochwertigen Stahl in einem Elektrolichtbogenofen herzustellen, benötigt man sauberen Schrott und Eisenschwamm.“