Zum Inhalt springen

SPIK - Sozialpolitik informativ & kurz

Newsletter Abteilung Sozialpolitik und Gesundheit 28.8.2026

Lesedauer: 10 Minuten

Aktualisiert am 27.08.2026

Inhaltsübersicht

  • Ständig im Stress, aber nicht (immer) produktiv
  • KI: Keine Jobs mehr für Jüngere, dafür für Ältere?
  • Insolvenz-Entgeltsicherung: Österreich Europameister
  • ZAS-Tag am 7.10.2026: Schwerpunkt Einkommenstransparenz


Liebe Leserinnen, liebe Leser,

42 ist die Antwort auf alle Fragen im Science-Fiction-Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“, jedenfalls aber die Antwort auf die Frage, wie viele Minuten Arbeitnehmer während eines Arbeitstags für Privates auf Smartphone & PC aufwenden. Diese Zeit ist laut einer aktuellen Umfrage massiv gestiegen, wohl ein Grund für den Rückgang der Produktivität. Hingegen beklagen AK & ÖGB den Druck in der heimischen Arbeitswelt, kürzlich sogar mit dem Titel „Arbeiten am Limit“. Stress oder nicht Stress, das ist hier die Frage. 

Unzählige Studien befassen sich mit Jobverlusten durch KI. Für Einsteiger in manche Berufe wird es schwerer, Massenarbeitslosigkeit steht aber nicht bevor, im Gegenteil: In Zeiten des Fachkräftemangels brauchen wir die KI. 

Österreich ist Europaspitze bei der Sicherung von Ansprüchen im Insolvenzfall. Der Insolvenz-Entgelt-Fonds darf nicht einfach durch höhere Lohnnebenkosten saniert werden. 

Am 7.10. ist wieder ZAS-Tag mit dem Schwerpunkt Einkommenstransparenz.

Alles Gute! 

Rolf Gleißner 



Ständig im Stress, aber nicht (immer) produktiv

„Arbeiten am Limit“ titelten AK und ÖGB neulich zu einer Umfrage unter Betriebsräten zur Arbeitswelt. Gleichzeitig gaben Arbeitnehmer in einer anderen Umfrage an, pro Arbeitstag 42 Minuten für Privates auf Smartphone und PC zu verwenden. Stress oder nicht Stress, das ist hier die Frage. 

Mit der Negativ-Botschaft „Arbeiten am Limit – höhere Produktivität auf Kosten der Beschäftigten“ präsentierten AK und ÖGB die Umfrage unter Betriebsräten. Allerdings passt die Botschaft nicht zur Realität. Schon die Betriebsräte sind differenzierter: Fast die Hälfte berichtet von sinkender oder stagnierender Produktivität in ihrem Betrieb. Die Kommunikation im Betrieb sei demnach durchwegs gut, aber die Arbeitsdichte steige. 

Fragt man Arbeitnehmer selbst, wandelt sich das Bild noch einmal: Nach einer aktuellen Umfrage von Market sind 87% der Arbeitnehmer sowohl mit Ausmaß als auch Lage ihrer Arbeitszeit zufrieden. 79% der Befragten geben an, dass die Unternehmen ihre Wünsche bezüglich Arbeitszeiteinteilung immer oder meistens berücksichtigen.

Arbeitszeit und Freizeit vermischen sich - zugunsten der Mitarbeiter

Arbeitszeit und Freizeit vermischen sich - zugunsten der Mitarbeiter
© WKÖ

Die Umfrage bestätigt allerdings eine zunehmende Vermischung von Freizeit und Arbeitszeit: Ein Viertel der Arbeitnehmer gibt an, öfter berufliche Anrufe außerhalb der Dienstzeit zu erhalten, und empfindet solche Anrufe als belastend. Man ist demnach täglich rund 15 Minuten seiner Freizeit mit Beruflichem befasst, ein Zuwachs von 4 Minuten seit 2022.

ABER: Die befragten Arbeitnehmer geben selbst an, 42 Minuten pro Arbeitstag privat am Smartphone oder Firmen-PC zu verbringen, um 14 Minuten (!) mehr als in derselben Umfrage 2022. Ein Zuwachs von 14 Minuten bedeutet, dass von einem Achtstunden-Arbeitstag zusätzlich fast 3 Prozent verloren gingen. Eine europaweite Befragung kommt auf ähnliche Zeiten. Tatsächlich dürfte die Privatnutzung noch höher liegen, neigt man in Umfragen doch zu sozial erwünschten Antworten. Die meisten Firmen tolerieren das übrigens, solange die Leistung stimmt. Klingt eigentlich entspannt.

Die Makrozahlen des WIFO passen zur zweiten Umfrage: Demnach ist die Produktivität je Erwerbstätige seit 2019 um 3 Prozent gefallen. Ein Grund dafür ist, dass Erwerbstätige heute kürzer arbeiten als früher. Aber auch die Produktivität je Arbeitsstunde hat seit 2022 um 1,9 Prozent abgenommen!

Produktivität und Arbeitszeit fallen 

Dazu kommt, dass das Erwerbsleben heute kürzer dauert als vor 50 Jahren, obwohl wir länger leben: Durch längere Ausbildung steigen wir heute drei bis fünf Jahre später ein als damals, gehen exakt im selben Alter von 61,8 Jahren in Pension, beziehen diese aber um acht Jahre länger.

Warum entsteht angesichts der objektiven Zahlen der Eindruck von permanentem Stress? Viele Menschen sind zwar mehrfach belastet, aber das gilt nicht generell: Die Zeit für Hausarbeit ist rückläufig, ebenso die Zahl der Kinder, während sich die Kinderbetreuung massiv verbessert hat (obwohl hier noch Luft nach oben besteht!).

Die Wahrheit ist wohl nicht schwarz-weiß, sondern differenziert: Arbeitsdichte und psychische Anforderungen haben zweifelsohne zugenommen. Aber die Erleichterungen überwiegen: Weniger physische Belastungen, kürzere Arbeitszeit, Zeitersparnis durch Online-Erledigungen und Automatisierung, im Ergebnis längere Lebenserwartung bei guter Gesundheit.

Sind wir ehrlich: Wir erwecken gern den Eindruck von Stress. Wie oft sagen wir in der Arbeit „ich bin im Stress“, wie oft „mir ist langweilig“? Und zum Teil erzeugen wir ihn selbst: So verbringen sogar Erwerbstätige im Laufe eines Jahrs mehr Zeit am Smartphone und am Fernseher als am Arbeitsplatz. Stressig, aber nicht unbedingt produktiv.

 

von Mag. Dr. Rolf Gleißner



KI: Keine Jobs mehr für Jüngere, dafür für Ältere?

Bei keiner Neuerung gab es so viel Sorge und Studien um Jobverluste wie bei der KI. Tatsächlich wird es für Einsteiger in manche Berufe schwerer, Massenarbeitslosigkeit steht aber nicht bevor, im Gegenteil: In Zeiten des Fachkräftemangels brauchen wir die KI. 

Der aktuelle OECD-Employment Outlook befasst sich mit der Frage, wie sich KI auf den Arbeitsmarkt auswirkt. Klar ist: Bis 2030 wird jeder Job Berührungspunkte zu KI haben. Denn KI ersetzt nicht nur Routinetätigkeiten, sondern macht auch höherqualifizierte, kreative Tätigkeiten automatisierbar, die Nutzungsmöglichkeiten sind bei weitem nicht ausgeschöpft.

Richtig eingesetzt, steigert KI die Produktivität. Unternehmen und Volkswirtschaften, die mehr KI-affine Beschäftigte haben, sind erfolgreicher. Allerdings vollzieht sich technologischer Fortschritt nicht über Nacht (außer als die Pandemie über Nacht alle ins Homeoffice zwang). Betriebe müssen zunächst investieren, Beschäftigte in KI-Techniken und den Schutz von Daten schulen, Tätigkeiten und Organisation umstellen, etc. - eine Herausforderung vor allem für KMU.

EU-Länder weit hinter USA, Kanada & Co 

Umso wichtiger ist, dass bereits Schulen und Universitäten KI-Techniken vermitteln. Die Länder profitieren, in denen Absolventen mehr KI-Kenntnisse aufweisen. Die EU-Mitglieder haben hier einen klaren Rückstand gegenüber englischsprachigen Ländern, deren Beschäftigte KI weit häufiger nützen. Sichtbar wird das auch an den Stellenausschreibungen mit KI-Bezug, die sich in  großen EU-Ländern laut OECD weit schwächer entwickeln als etwa in Irland und seit kurzem in Kanada.

Stellenausschreibungen mit KI-Bezug
© OECD-Employment-Outlook 2026

Grund dafür ist, dass Kanada im Rahmen einer nationalen Strategie KI-Forschungszentren von Weltklasse in Montreal, Vancouver, etc. etablierte und durch regionale Entwicklungsagenturen Unternehmen bei der Einführung von KI unterstützte, etwa mit Innovationsgutscheinen.

KI: Keine Jobs mehr für Jüngere, dafür für Ältere? 

Die zentrale Frage ist aber, wie stark der Mensch am Arbeitsmarkt durch KI ersetzt wird. Viele Studien belegen negative Beschäftigungseffekte für Einsteiger in KI-exponierten Berufen, in denen menschliche Arbeit durch KI ersetzt werden kann. Das sind etwa Tätigkeiten im Büro, Verwaltung, Buchhaltung, Journalismus, Kundenservice, zT IT und Recht. Das ist auch die Quintessenz der ILO-Studie Global Employment Trends für Youth. Allerdings profitieren Junge mit KI-Kompetenz auch, wenn Produktivität und damit Wirtschaft infolge KI-Nutzung wachsen.

Hingegen profitieren ältere Beschäftigte tendenziell: Denn Senior Experts haben den Erfahrungsschatz, die Ergebnisse der KI zu überwachen und zu bewerten - ähnlich dem Piloten, der das Flugzeug nicht selbst steuert, aber den Autopilot überwacht.

Was Spinn- und Dampfmaschine nicht schafften, nämlich menschliche Arbeit überflüssig zu machen, wird auch die KI nicht bewirken. Die meisten Experten erwarten, dass sich die Beschäftigung in schwerer automatisierbare Tätigkeiten verlagert, z.B. in Handwerk und physische Dienstleistungen: So steigen etwa in Deutschland die Lehrlingszahlen in den Handwerksberufen, auch weil diese als sicher gelten. Umgekehrt ergeben sich die geringsten Chancen beim Beruf Bürokaufmann/frau, wo in Österreich auf 5,6 Suchende nur eine offene Lehrstelle kommt.

Neue Technologien bringen stets auch neue Berufe mit sich. Allerdings sind diese (noch) nicht so sichtbar wie die Jobs, die wir heute kennen. Die menschliche Angst vor Neuerungen lag ja stets auch daran, dass die Jobs, die sie verdrängen. Dieser Fokusfehler begründet die menschliche Angst vor Neuerungen. Letztlich werden auch die Produktivitätsgewinne aus der KI an ihre Grenzen stoßen. Denn selbst wenn es die Tätigkeit des Buchhalters in der Form nicht mehr geben sollte, wird es stets menschliche Kontrolle von Finanzen und Controlling brauchen.

Fazit 

Die KI reduziert bereits Jobs in exponierten Berufen, insbesondere für Einsteiger. Es gibt aber kein Anzeichen dafür, dass sie Massenarbeitslosigkeit schafft, im Gegenteil. In Zeiten des Fachkräftemangels kann Wachstum nur durch höhere Produktivität erreicht werden, und hier hilft die KI massiv. Wir sehen, welche Arbeiten wegfallen, weniger sichtbar, aber viel wichtiger ist, welche Tätigkeiten und Kompetenzen künftig benötigt werden. Entscheidend für Österreich, das zuletzt an Wettbewerbsfähigkeit verloren hat, ist es, die Chancen aus der KI zu nützen. Kanada scheint hier ein gutes Vorbild zu sein.

AMS info

OECD Employment Outlook 2026 | OECD


von Mag. Gabriele Straßegger



Insolvenz-Entgeltsicherung: Österreich Europameister

Österreich sichert Löhne im Insolvenzfall länger, höher und umfassender als Deutschland und andere EU-Staaten. Der Insolvenzentgeltfonds darf nicht einfach durch höhere Lohnnebenkosten saniert werden. 

Der Insolvenzentgeltfonds zahlt die offenen Ansprüche von Arbeitnehmern insolventer Unternehmen aus. Er wird finanziert durch einen Arbeitgeberbeitrag in Höhe von 0,1% des Bruttolohns. Die lange Rezession erhöht die Insolvenzen und verringert die Einnahmen, weshalb die Rücklagen bald aufgebracht sind und etwa 160 Mio Euro pro Jahr fehlen. „Pleitefonds pleite“ schrieben Zeitungen und prompt wurde die Erhöhung des Beitrags gefordert. Der internationale Vergleich zeigt, dass es auch andere Lösungen gibt. 

Die EU-Richtlinie 2008/94/EG verpflichtet die Mitgliedstaaten, offene Löhne aus den letzten drei Monaten des Arbeitsverhältnisses vor Insolvenz zu sichern. Für die Lohnhöhe kann eine Obergrenze festgelegt werden. Beendigungsansprüche - Kündigungsentschädigung, Urlaubsersatzleistung, Abfertigung – muss nur sichern, wer sie im nationalen Recht überhaupt vorsieht. Drei Monate, ein möglicher Deckel, keine zwingenden Beendigungsansprüche: Das ist der europäische Standard.

Einkommen bis 13.860 Euro pro Monat abgesichert 

Österreich geht in allen drei Punkten darüber hinaus. Gesichert sind sechs Monate vor Eintritt der Insolvenz. Die Höchstgrenze liegt 2026 bei 13.860 Euro brutto im Monat, der doppelten ASVG-Höchstbeitragsgrundlage. Die Beendigungsansprüche sind vollständig erfasst, die volle Kündigungsentschädigung [= Lohn bis zum Ende der fiktiven Kündigungsfrist, wenn das Dienstverhältnis wegen des Dienstgebers vorzeitig endet] erhält man in den ersten drei Monaten sogar ohne Anrechnung eines allfälligen Zuverdiensts.

Deutschland ist viel „sparsamer“, bleibt bei drei Monaten und ersetzt nur bis zu 8.450 Euro pro Monat. Beendigungsansprüche wie Abfindungen sind dort schlichte Insolvenzforderungen und werden nur mit der Insolvenzquote bedient. Italien sichert nur drei Monate, gedeckelt mit 4.021,68 Euro netto, dafür sind Abfertigung und Urlaubsersatzleistung erfasst. Die Niederlande deckeln bei rund 9.360 Euro pro Monat, Schweden begrenzt die gesamte Auszahlung mit 21.000 Euro. Selbst die reiche Schweiz leistet nur vier Monate lang bis zu 12.350 Franken pro Monat. Nur Frankreich ist ähnlich großzügig wie Österreich.

Finanziert werden die Auszahlungen in den meisten Ländern mit einem Beitrag der Arbeitgeber, in Skandinavien aus den staatlichen Budgets.

Was die Administration betrifft, empfahl der Rechnungshof die Reduktion des Insolvenzentgeltfonds auf vier Standorte, derzeit sind es sechs. 

Fazit: Österreich verzeichnet im OECD-Vergleich die vierthöchsten Lohnnebenkosten und ist u.a. deshalb bei Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum stark zurückgefallen. Wer zur Sanierung des Insolvenzentgeltfonds nun einfach den Arbeitgeberbeitrag anheben will, macht es sich zu einfach und schadet dem Standort. Auch die Arbeitnehmeransprüche, bei denen Österreich Europameister ist, die Kosten der Verwaltung und alternative Finanzierungen müssen auf den Prüfstand.


von Mag. Vincenzo-Roberto Stella



ZAS-Tag am 7.10.2026: Schwerpunkt Einkommenstransparenz

Traditionell bietet der Manz-Verlag in Kooperation mit der Wirtschaftskammer Österreich ein Update zum Arbeits- und Sozialrecht des Jahres in einem Tag.

  • Neues aus der Gesetzgebung
  • Einkommenstransparenz – Vorstellung des Gesetzes (bzw. Gesetzesentwurfs):
    • Objektives Vergütungsschema
    • Auskunftsrecht
    • Berichtspflichten
  • Praktische Umsetzung: Entgelttransparenzrichtlinie
    • Gruppenbildung, Berechnung und Offenlegung
  • Umgang mit Entgeltunterschieden – Vermeidung von Diskriminierungen
  • Judikatur-Update 

Ort: Wirtschaftskammer Österreich, Wiedner Hauptstraße 63, 1045 Wien
Zeit: Mittwoch, 7. Oktober 2026, 9:00 (Eintreffen) – 16:00 Uhr  

Programm und Anmeldung: https://shop.manz.at/shop/events/641743




Impressum
Wirtschaftskammer Österreich
Wiedner Hauptstraße 63, 1045 Wien
Abteilung für Sozial- und Gesundheitspolitik
Leiter: Mag. Dr. Rolf Gleißner
Telefon: +43 (0)5 90 900 4286
sp@wko.at
https://wko.info/sp