Zum Inhalt springen
3D-Rendering dreier Fahnenstangen nebeneinander. Ganz links ist die Flagge der USA, in der Mitte ist die Flagge Chinas und rechts ist die Flagge der EU
© issam | stock.adobe.com

WKO Analyse: Europas Position in der neuen Geoökonomie

Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und technologische Stärke

Lesedauer: 3 Minuten

21.10.2026
Die Weltwirtschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Umbruch. Geopolitische Rivalitäten, Handelskonflikte und industriepolitischer Wettbewerb verändern die internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Europas Unternehmen stehen dadurch unter wachsendem Druck. Gleichzeitig verfügt die Europäische Union über erhebliche wirtschaftliche Potenziale, die bislang nicht ausreichend genutzt werden.

Wie kann Europa in diesem Umfeld seine Wettbewerbsfähigkeit sichern, strategische Abhängigkeiten reduzieren und technologisch wieder an Stärke gewinnen?
 
Die Analyse zeigt, dass die zentralen Herausforderungen Europas nicht isoliert betrachtet werden können. Die geoökonomische Neuordnung der Weltwirtschaft, die Zukunft des europäischen Wachstumsmodells sowie die technologische Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit Europas sind eng miteinander verflochten und verstärken bzw. bedingen sich gegenseitig

1. Die EU in einer veränderten geopolitischen Ordnung

Die Weltwirtschaft wird zunehmend von geopolitischen Machtinteressen geprägt. Die US-chinesische Rivalität, neue Handelsbarrieren und Chinas staatlich gestützte Industriepolitik verschärfen den internationalen Wettbewerbsdruck. Gleichzeitig machen strategische Abhängigkeiten Europa wirtschaftlich verwundbar.
 
Die WP-Analyse zeigt, warum Europa eine aktive, aber weiterhin offene Handelspolitik benötigt: mit neuen Handelspartnerschaften, diversifizierten Lieferketten und wirksamen Instrumenten gegen Wettbewerbsverzerrungen und wirtschaftliche Zwangsausübung.

Handelsbeschränkende Maßnahmen haben in den letzten Jahren stark zugenommen

Trade Policy Activity Index, aufgeteilt nach Maßnahmen

Anzahl der Maßnahmen, März 2010–Mai 2026
Liniendiagramm zeigt die Entwicklung des TPA-Index sowie fördernder, einschränkender und sonstiger handelspolitischer Maßnahmen von 2010 bis 2026. Alle vier Werte steigen ab 2022 an. Den stärksten Anstieg verzeichnen die sonstigen und die einschränkenden Maßnahmen, während die fördernden Maßnahmen auf einem niedrigeren Niveau bleiben. Gestrichelte Linien markieren wichtige Ereignisse wie die globale Finanzkrise, die US-China-Handelsspannungen, die COVID-19-Pandemie, den Ukraine-Krieg und den Liberation Day 2025
© WKÖQuelle: Francke 2026 basierend auf Centorrino et al. 2025.

2. Die Zukunft des europäischen Wachstumsmodells 

Europa muss seine wirtschaftliche Stärke stärker aus dem eigenen Binnenmarkt entwickeln. Das bisher stark exportorientierte Wachstumsmodell gerät durch die geopolitischen Veränderungen unter Druck. Gleichzeitig verhindern regulatorische Fragmentierung, unzureichende Regeldurchsetzung und zersplitterte Kapitalmärkte, dass Unternehmen das volle Potenzial des europäischen Wirtschaftsraums ausschöpfen können.

Neue Wachstumsimpulse lassen sich durch eine konsequentere Binnenmarktintegration, bessere Finanzierungsmöglichkeiten und eine strategisch ausgerichtete europäische Nachfragepolitik schaffen.

Das EU-Wachstumsmodell setzt zu wenig auf die eigene Binnennachfrage

Exporte der EU27

Index 2020=100
Das Liniendiagramm zeigt die Entwicklung der EU27 von 1996 bis 2025 im Vergleich zum Wachstumstrend der Jahre 1996 bis 2007. Die Werte steigen langfristig an, gehen jedoch 2009 und 2020 deutlich zurück. Seit 2008 liegt die tatsächliche Entwicklung überwiegend unter dem früheren Wachstumstrend. Im Jahr 2025 erreicht die EU27 einen Wert von rund 125, während die Trendlinie bei etwa 130 liegt
© WKÖQuelle: Eurostat

Inlandsnachfrage in der EU27

Index 2020=100
Das Liniendiagramm zeigt die Entwicklung eines Indexwerts für die EU27 von 1996 bis 2025. Der Wert steigt langfristig von rund 72 auf 113, verzeichnet jedoch deutliche Rückgänge um 2009 und 2020. Seit 2008 liegt die tatsächliche Entwicklung überwiegend unter der gestrichelten Trendlinie. Im Jahr 2025 erreicht die EU27 einen Wert von rund 113, während die Trendlinie bei etwa 129 liegt
© WKÖQuelle: Eurostat

3. Innovation und Technologie für Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit 

Technologische Stärke wird zunehmend zur Voraussetzung für wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und strategische Handlungsfähigkeit. Europa verfügt über eine leistungsfähige industrielle Basis, fällt aber insbesondere bei Künstlicher Intelligenz, digitalen Schlüsseltechnologien und privaten Technologieinvestitionen gegenüber den USA und China zurück.
 
Im Fokus müssen eine koordinierte Technologieoffensive, bessere Voraussetzungen für die breite wirtschaftliche Nutzung von KI und eine leistungsfähigere europäische Verteidigungswirtschaft stehen.

Weder die privatwirtschaftliche Dynamik noch die bisherige Industriepolitik sind ausreichend auf Zukunftstechnologien ausgerichtet.

Private F&E-Ausgaben nach Technologiebereichen und Regionen, 2024

In Milliarden Euro
Säulendiagramm vergleicht die USA, die EU und China in sechs Bereichen: Software und IT-Services, Pharma und Biotechnologie, High-Tech, Automotive, Mid-Tech und Sonstige. Die USA erreichen mit einem Gesamtwert von rund 680 den höchsten Wert, während die EU und China jeweils bei rund 230 liegen. In den USA haben Software und IT-Services sowie Pharma und Biotechnologie die größten Anteile, während in der EU Automotive und in China High-Tech besonders stark vertreten sind. Die USA liegen damit deutlich vor der EU und China, deren Gesamtwerte nahezu gleich hoch sind
© WKÖQuelle: EU Industrial R&D Scoreboard 2025



Industriesubventionen als Anteil der sektoralen Wertschöpfung, 2015–2023

In %
Säulendiagramm vergleicht strategische und nicht-strategische Sektoren in der EU, den USA und China. In der EU liegen die Werte bei rund 0,25 für strategische und 0,9 für nicht-strategische Sektoren. In den USA erreichen nicht-strategische Sektoren einen Wert von rund 2,1 und strategische Sektoren etwa 0,55. China weist mit rund 3,3 den höchsten Wert bei strategischen Sektoren auf, während nicht-strategische Sektoren bei etwa 1,2 liegen
© WKÖStrategische Sektoren = OECD-ICIO-Sektoren, die mindestens ein Produkt der Advanced Technology Product (ATP)-Liste des US Census Bureau enthalten.
Quelle: Rotunno et al. 2026

Fazit: Europas wirtschaftliche Zukunft aktiv gestalten

Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und technologische Stärke müssen gemeinsam gedacht werden. Europa braucht eine Wirtschaftspolitik, die Offenheit mit wirtschaftlicher Sicherheit verbindet, den Binnenmarkt als Wachstumsmotor stärkt und die Voraussetzungen für Innovation und Investitionen verbessert.

Die neue WP-Analyse zeigt, wo Europas größte Herausforderungen liegen, welche wirtschaftspolitischen Antworten gefragt sind und wie Europa seine Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und technologische Stärke nachhaltig sichern kann.

> zur WP-Analyse