„Wir brauchen mehr Anreize für Leistung“
Der Fachkräftemangel ist auch in Zeiten der Konjunkturflaute spürbar. WKO-Steiermark-Präsident Josef Herk über die Gründe dafür und warum es Leistungsanreize braucht.
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Trotz steigender Arbeitslosenzahlen klagen viele Branchen nach wie vor über einen eklatanten Fachkräftemangel (siehe S. IV–V). Ist das nicht ein Widerspruch?
Herk: Nur auf den ersten Blick. Was wir jetzt sehen, ist einerseits die Folge einer konjunkturellen Schieflage, die aber andererseits nichts am strukturellen Grundproblem ändert: der demographischen Entwicklung. Durch diese ist die Zahl der über 50-jährigen unselbständig Beschäftigten in der Steiermark innerhalb von nur 20 Jahren von 69.000 auf 155.000 gestiegen. Folge davon ist eine enorme Pensionierungswelle, die allen wirtschaftlichen Herausforderungen zum Trotz in vielen Bereichen zu einer Verknappung am Arbeitsmarkt führt. Ein Strukturproblem, das für jeden künftigen Aufschwung mehr und mehr zum Flaschenhals wird. Umso entschiedener müssen wir dagegen vorgehen.
Wie sollen wir uns dieser Herausforderung stellen?
Herk: Wir müssen das Thema Teilzeit der „Work-Life-Balance“-Generation in diesem Zusammenhang diskutieren. Da stehen wir nämlich vor der paradoxen Situation, dass es in den letzten Jahren zwar – trotz demographischer Hürden – gelungen ist, die Zahl der Beschäftigten zu steigern, nicht aber das Arbeitsvolumen. Im Gegenteil: Die Zahl der geleisteten Stunden ist rückläufig. Denn immer mehr Junge wollen nur mehr 30 Stunden arbeiten, aber voll verdienen. Das kann so nicht funktionieren! Aus diesem Grund machen wir uns für zusätzliche Leistungsanreize in Form eines Steuerbonus für Vollzeitbeschäftigung und einer Ausweitung von steuerbegünstigten Überstunden stark. Darüber hinaus müssen wir aber auch das Arbeiten im Alter attraktiver machen. Aktuell befinden sich in Österreich gerade einmal 33,6 Prozent der 60- bis 64-Jährigen im Erwerbsleben, in Deutschland sind es fast doppelt so viele.
Wie wollen Sie längeres Arbeiten schmackhaft machen?
Herk: Ebenfalls durch Anreize, es muss sich für die Menschen auszahlen. Wer in seiner Pension ein gewisses Stundenausmaß freiwillig weiterarbeitet, sollte zumindest von erneuten Pensionsversicherungsbeiträgen befreit sein. Darüber hinaus fordern wir einen Steuerfreibetrag in der Höhe von mindestens 1.000 Euro. Das wäre ein lohnendes Angebot, um länger im Erwerbsleben zu bleiben.
Welche weiteren Maßnahmen sehen Sie am Arbeitsmarkt als notwendig an?
Herk: Im Bereich der Arbeitslosen darf es nicht mehr so einfach sein, mit Sozialleistungen und Zuverdiensten gut über die Runden zu kommen. Darum machen wir uns auch hier für Leistungsanreize in Form eines degressiven Arbeitslosengeldes stark. Wollen wir die Vollzeitbeschäftigung ausbauen, braucht es aber auch bessere Rahmenbedingungen, etwa was die Kinderbetreuung betrifft. Diese muss sowohl quantitativ als auch qualitativ flächendeckend für alle Altersstufen ausgebaut werden. Denn wir brauchen zusätzliches Arbeitskräftepotential, sowohl innerhalb als auch außerhalb unserer Grenzen. Seitens der Politik orte ich hier leider immer noch eine gewisse Form der Realitätsverweigerung, wenn es um die Notwendigkeit einer qualifizierten Zuwanderung geht. Ohne eine solche wird es unseren Arbeitsmarktexperten zufolge in Zukunft aber nicht gehen. Umso wichtiger ist es, alle Potentiale im Land zu heben. Als WKO haben wir bereits zahlreiche Initiativen gestartet.
Mit der SkillsWeek startet kommende Woche eine solche weitere Initiative (siehe auch S. XXII–XIII). Was erwarten Sie von dieser?
Herk: Für mich ist das Thema Bildung und Qualifizierung unserer Jugend ein echtes Herzensanliegen. Umso mehr freut es mich, dass es gelungen ist, die Marke „Skills“, die man vor allem von internationalen Berufswettkämpfen kennt, von der Steiermark aus um ein weiteres Format zu erweitern. Denn von 4. bis 10. März findet heuer die zweite bundesweite „SkillsWeek“ statt. Damit wollen wir den vielen Berufsinformationsinitiativen und Talenteförderungen ein neues Dach geben. Wir haben ein wirklich tolles Programm zusammengestellt, um die Jugend für berufliche Karrieremöglichkeiten zu begeistern. Denn darin liegt auch ein wichtiger Schlüssel für den Erfolg: Arbeit ist nicht nur reiner Broterwerb, Arbeit ist sinnstiftend – das müssen wir noch stärker vermitteln.