4.912 Steirerinnen und Steirer haben sich 2023 selbständig gemacht
Trotz Konjunkturflaute und hoher Inflation liegt die Zahl der Unternehmensgründungen nur knapp unter dem bisherigen Rekordwert. Als Hauptmotiv wird zunehmend ein zweites Standbein neben einembestehenden Beruf genannt
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Florian Sommer (Foto unten) hat die Marschrichtung für sein Unternehmen klar abgesteckt: Zunächst der DACH-Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz), dann Europa, dann der Weltmarkt. Gelingen soll das mit Panelen, durch die Wasser gepumpt wird und die durch photochemische Reaktionen die Sonnenenergie in Wasserstoff und Sauerstoff aufspalten. „So kann man effizient, lokal und kostengünstig grünen Wasserstoff mithilfe von erneuerbarer Energie gewinnen“, erklärt er die Geschäftsidee hinter Redeem Solar Technology. Zusammen mit Malek Ibrahim, einem ägyptisch-stämmigen Amerikaner, und einem auch sonst bewusst international zusammengestellten Team hat er das Unternehmen Anfang 2023 gegründet.
Sommer war damit einer von 4.912 Steirern, die im vergangenen Jahr den Sprung in die Selbständigkeit gewagt haben. Damit gab es lediglich um 33 Neugründungen weniger als im bisherigen Rekordjahr 2021. Rechnet man die selbständigen Personenbetreuer noch dazu, kommt man auf 5.958 Neugründungen.
Österreichweit gab es mit 36.380 Unternehmensgründungen und einem Plus von 5,2 Prozent gegenüber 2022 überhaupt ein Allzeithoch. Spannt man den Beobachtungszeitraum über ein Jahrzehnt, ist die Zahl der Neugründungen um insgesamt 29 Prozent in die Höhe geklettert. Auch in der Steiermark spiegelt sich dieser Trend wider: Waren es 1993 noch 1.855 Neugründungen, sind es dreißig Jahre später über zweieinhalb Mal so viele.
WKO-Steiermark-Präsident Josef Herk wertet diesen Zuspruch zum Unternehmertum als positives Zeichen: „Trotz eines wirtschaftlich höchst herausfordernden Umfelds beweisen im Schnitt 13 Gründungen pro Tag den ausgeprägten Willen zu Leistung und Eigenverantwortung.“ Tatsächlich sind der Wunsch, sein eigener Chef zu sein und zeitlich unabhängig und flexibel arbeiten zu können, treibende Motive. „Zudem stellen wir seit geraumer Zeit einen Trend zur nebenberuflichen Tätigkeit fest“, ergänzt Markus Reiter, Leiter des Gründerservice in der WKO Steiermark.
Geldwissen und Nudeln
Auch Elisabeth Leitner (Foto rechts) wollte nach 14 Jahren als Finanzberaterin ihr Tätigkeitsfeld erweitern und hat vergangenes Jahr „GOForIt“ gegründet. Unter diesem Markendach bietet sie niederschwellige Finanz- und Wirtschaftsbildung für Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 15 Jahren. „Ich habe bemerkt, wie wenig Ahnung diese Altersgruppe von diesem Thema hat und wie wenig Aufklärung und Information aus Scheu oder Unwissen von den Eltern kommt.“
Leitner hat dafür ein Spiel entwickelt, bei dem die einschlägigen Begriffe und Symbole verständlich erklärt werden. Zudem hat sie ein kostenloses „Taschengeld-Journal“ herausgegeben, betreibt einen Podcast (goforit), bietet Unterrichtsmaterial und – für Schulen kostenlose, weil geförderte – Workshops für Klassen. Mehr als 2.000 Kinder hat die Fladnitzerin damit allein im ersten Jahr ihres Unternehmertums schon erreicht. Leitner trägt mit ihrer Initiative zu den 45,8 Prozent Gründerinnen bei, die die Jahresbilanz 2023 ausweist.
Auch Anna Steinwidder (Foto links) hält die Fahnen der Frauen in den Führungsetagen neugegründeter Unternehmen hoch. Als Produktionsleiterin ist sie Teil einer „Junior Company“ – also einer Firma, die im Rahmen eines Schulprojekts entstanden ist. Zusammen mit 13 Kolleginnen und Kollegen aus den beiden siebten Klassen des BG/BRG Stainach hat Steinwidder die „Treberei“ gegründet. Deren Geschäftsidee: Aus Treber, jenem Abfallprodukt, das beim Bierbrauen übrig bleibt, wenn das Maischen fertig ist, wird durch Trocknen und Mahlen das Rohmaterial für Nudeln. Entwickelt wurde die entsprechende Methode zusammen mit der HBLFA Raumberg-Gumpenstein, produziert werden die Nudeln in Oberösterreich, verkauft in der Obersteiermark. Denn das Unternehmen ist zwar im Wirtschaftsunterricht entstanden, muss sich aber am „echten“ Markt bewähren. „Unsere Band- und Spiralnudeln ,Kudelnudel‘ und ,Strudelnudel‘ gibt es in Bioläden, in regionalen Spar-Filialen und ab März auch in Billa-Geschäften“, ist Steinwidder hörbar stolz.
Mit ihren im Schnitt 17 Jahren unterläuft das „Treberei“-Team das klassische Gründeralter freilich deutlich. So beträgt das Durchschnittsalter bei den steirischen Gründerinnen und Gründern aktuell 35,7 Jahre; bundesweit sind es 36,2 Jahre. Und auch das schuljahrbedingt absehbare Ende des Unternehmensprojekts entspricht nicht der tatsächlichen „Lebensdauer“ von neugegründeten Betrieben.
36.610 Kundenkontakte
So besteht österreichweit drei Jahre nach dem Start noch rund ein Viertel der Firmen. Nach einem Jahr geben rund sechs Prozent auf, nach zwei Jahren 16 Prozent. Nach fünf Jahren gibt es noch zwei Drittel der Unternehmen und auch sieben Jahre nach der Gründung liegt die „Überlebensquote“ mit 57 Prozent deutlich über der Hälfte.
Um diese Dynamik zumindest halten beziehungsweise die Quoten in die Höhe schrauben zu können, wünschen sich Untermehmensvertreter allerdings optimierte Rahmenbedingungen. Denn die im internationalen Vergleich hohen Lohnnebenkosten und Defizite bei der Digitalisierung des Gründungsprozesses stellen weiterhin Hürden am Weg in die Selbständigkeit dar.
Genauer über das bürokratische Umfeld informieren können sich Neo-Unternehmer beim Gründerservice der Wirtschaftskammer. Allein im vergangenen Jahr gab es knapp 36.681 Kundenkontakte.