Zum Inhalt springen
Gruppenfoto der 40-köpfigen Wirtschaftsdelegation aus der Steiermark in Indien
© WKO/ICS

Am Subkontinent erwacht ein neuer Wirtschaftsriese

Steirische Wirtschaftsdelegation in Indien: In Bangalore herrscht Aufbruchstimmung. Davon wollen auch heimische Unternehmen profitieren.

Lesedauer: 4 Minuten

Aktualisiert am 14.03.2024
Dieser Artikel ist älter als 90 Tage

In einem Land mit 1,4 Milliarden Menschen, 330 Millionen Göttern und fast 20.000 verschiedenen Sprachen und Dialekten sind die Herausforderungen naturgemäß groß. Herausforderungen, die in Indien aber auch der beste Nährboden für Fortschritt, Wachstum und damit mehr Wohlstand sind. Innerhalb von nur zehn Jahren hat sich der Anteil der Mittelschicht – darunter fallen hier alle Jahreseinkommen zwischen 5.000 und 30.000 Euro – von 14 auf 31 Prozent mehr als verdoppelt. Kein Wunder, verzeichnet Indien doch mit einer Wachstumsrate von 7,3 Prozent aktuell das größte Plus aller aufstrebenden Wirtschaftsmächte. „Und diese Dynamik wird in den nächsten Jahren ungebrochen bleiben, davon gehen sämtliche Prognosen aus“, weiß Hans-Jörg Hörtnagl, Österreichs Wirtschaftsdelegierter vor Ort. 

Das spüren auch die rot-weiß-roten Unternehmen: In einer Umfrage des Außenwirtschaftscenters New Delhi melden 72 Prozent der österreichischen Niederlassungen in Indien eine Verbesserung der Wirtschaftslage, knapp die Hälfte geht von weiteren Steigerungen aus. Vor diesem Hintergrund hat das Internationalisierungscenter Steiermark (ICS) den Subkontinent zum neuen Fokusmarkt erkoren. „Man spürt förmlich die Aufbruchsstimmung, die durch die Größe des Landes und die Möglichkeiten der Digitalisierung hier eine komplett neue Dimension erreichen“, zollt WKO-Steiermark-Vizepräsident Herbert Ritter den Veränderungen und Reformen Respekt. Ritter führte diese Woche – in Vertretung der kurzfristig erkrankten Wirtschaftslandesrätin Barbara Eibinger-Miedl – eine insgesamt 40-köpfige steirische Delegation nach Indien. 

Mitglieder der Plattform Automatisierungstechnik AT Styria
© WKO/ICS Stark vertreten bei der Delegation: Die Mitglieder der Plattform Automatisierungstechnik AT Styria

Station Nummer eins: Bangalore, eine Hightech- und Start-up-Metropole mit zwölf Millionen Einwohnern und Zentrum der Indian Space Research Organisation. „Wir sind seit mittlerweile zehn Jahren am indischen Markt vertreten und streben nun auch Kooperationen im Bereich der Satellitenprüfstände an“, berichtet Günther Lackner von Terma Technologies. Erfolgreich war auch der Austausch mit dem indischer Autozulieferer Sansera, der von VW bis Ferrari das Who-is-who der internationalen Mobilitätsbranche zu seinen Kunden zählt. „Es waren gute und höchst interessante Gespräche, die wir auch nach unserer Delegationsreise intensivieren werden“, so Gerald Matzer vom Gleisdorfer E-Auto-Zulieferspezialisten Dynamic Assembly Machines. 

Für ICS-Geschäftsführer Karl Hartleb sind diese ers­ten erfolgversprechenden Ansätze nur der Auftakt: „Unser Schwerpunktprogramm ist auf drei Jahre angelegt, da wird es auf jeden Fall einige Folgemissionen geben, speziell in den Bereichen Automotive und Anlagenbau, aber natürlich auch, was Greentech sowie Bildung und Fachkräfte angeht.“ Schließlich ist fast die Hälfte der indischen Bevölkerung unter 25 Jahre alt. Mehr als eine Million Ingenieure werden hier jedes Jahr ausgebildet.

der indische Autozulieferer Sansera Engineering
© WKO/ICS Zu Besuch beim indischen Autozulieferer Sansera Engineering.

Potential, auf das man hierzulande künftig stärker zurückgreifen möchte. Das begrüßt auch IV-Geschäftsführer Gernot Pagger:  „Indien steht wegen seines Wachstums und der enormen Bevölkerungszunahme vor großen Herausforderungen. Da bieten sich für unsere Betriebe riesige Chancen, nicht zuletzt auch was die aktive Mitgestaltung von Megatrends angeht. Umso wichtiger wäre ein Freihandelsabkommen – Indien hat 19, aber noch keines davon mit Europa.“ Nachsatz: Die Verhandlungen laufen.

Die Potentiale auf dem Subkontinent sind riesig, ist Hörtnagl überzeugt: „Indien hat in den vergangenen 20 Jahren einen enormen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel erlebt. Man positioniert sich jetzt immer stärker als Alternative zu China. Vielleicht wird man zwar nicht die Werkbank der Welt, aber deren Bürooffice.“ Wobei auch die pharmazeutische und die chemische Industrie zu den absoluten Stärkefeldern zählen, selbiges gilt für den Automotive-Bereich. Die steirische Wirtschaftsdelegation konnte sich davon in Bangalore bei einem Besuch von Tata Elxis eindrucksvoll überzeugen. Das zum Tata-Konzern gehörende Unternehmen zählt zu den weltweit führenden Anbietern von Design- und Technologiedienstleistungen im Automotive- sowie im Kommunikations- und Medienbereich. 

Wirtschaftsdelegierter Hans-Jörg Hörtnagl, Vizepräsident Herbert Ritter und ICS-Chef Karl Hartleb
© WKO/ICS Wirtschaftsdelegierter Hans-Jörg Hörtnagl, Vizepräsident Herbert Ritter und ICS-Chef Karl Hartleb (v.l.)

Ein Kooperationspartner ist hier auch die AVL, wie Unternehmenssprecher Markus Tomaschitz bestätigt: „Wir sind seit 1984 in Indien vertreten und beschäftigen hier aktuell rund 950 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“ Für den Markteintritt rät Tomaschitz vor allem zu Geduld: „Geschäftspartner schätzen hier Treue und Verlässlichkeit, so etwas braucht Zeit. Indien ist ein Riesenmarkt mit einem unglaublichen Bedarf nach europäischem Know-how. Der Zeitpunkt könnte so gesehen nicht besser sein angesichts der vielen Investitionsvorhaben in diesem Land“, so Tomaschitz. 

Hinweis
Die österreichischen Exporte nach Indien sind zuletzt um 15,2 Prozent auf 1,19 Milliarden Euro gestiegen – ein neuer Rekord. Der Anstieg ist in allen wichtigen Exportsektoren zu beobachten. Gute Geschäftschancen gibt es vor allem in den Bereichen Automotive, Verkehrsinfrastruktur, Greentech und Energiewirtschaft. Denn rot-weiß-rotes Know-how genießt in Indien einen hervorragenden Ruf. Im vergangenen Wirtschaftsjahr ist das BIP hier um 7,3 Prozent gewachsen, heuer wird ein Plus von 6,4 Prozent erwartet.