Die Fortsetzung der globalen Polykrise
Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg, massive Inflation – und jetzt auch noch der Konflikt im Nahen Osten. Welche Folgen hat die Vielzahl der Krisen auf die Weltwirtschaft?
Lesedauer: 6 Minuten
Ist es die Ruhe vor dem Sturm? Noch beruhigen Analysten. „Der Krieg in Nahost führt zu Sorgen, aber keiner Panik an den Finanzmärkten“, heißt es in einer Einschätzung der Deutschen Bank. „Die Weltwirtschaft humpelt“, fasste zuletzt Pierre-Olivier Gourinchas, Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), die aktuelle Lage zusammen.
Fest steht aber: Der Überraschungsangriff der Hamas auf Israel hält auch die Finanzmärke in Atem. Die Nervosität steigt, denn der Nahe Osten ist eine der ölreichsten Regionen weltweit. „Solange die großen Ölproduzenten aber nicht reagieren oder von dem Konflikt betroffen sind, werden die unmittelbaren konjunkturellen Auswirkungen gering sein“, schätzt Moritz Schularick, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Dafür sehe er aktuell keine Anzeichen. Ebenso seien Hinweise auf Störungen wichtiger Handelsrouten bisher nicht erkennbar. Im Fokus liegt dabei der Iran. Das ölreiche Land gilt als Feind Israels und liegt zudem direkt an der Schifffahrtsstraße von Hormus, über die etwa ein Fünftel der globalen Ölversorgung transportiert wird. Wird sie blockiert, können Asien, Westeuropa und die USA nicht mehr mit Öl aus dem Nahen Osten beliefert werden.
Droht Ölpreisschock?
Mit diesem Eskalationsszenario werden Erinnerungen an den Jom-Kippur-Krieg 1973 wach, der den ersten Ölpreisschock zur Folge hatte. Clemens Fuest, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München, beruhigte zuletzt in einem Interview zwar: „Damals reagierten die OPEC-Staaten auf die Unterstützung Israels durch die USA mit einem Ölembargo, das die Weltwirtschaft in eine Rezession stürzte.“
Heute sei das nicht zu erwarten, weil die OPEC-Staaten politisch uneiniger sind und ihre Bedeutung für die Weltenergiemärkte geringer sei, so Fuest. Aber stiege der Ölpreis auch um nur zehn Prozent, würde das laut dem Rechenmodell von IWF-Chefökonom Gourinchas die weltweite Inflation um 0,4 Prozentpunkte erhöhen und das Wirtschaftswachstum um 0,15 Prozentpunkte verringern.
Weitet sich der jetzige Konflikt also zu einer größeren Auseinandersetzung aus, könnte das nicht nur den Ölpreis weiter nach oben treiben – es hätte gravierende Folgen für die ohnehin fragile Weltwirtschaft. So könnte der aktuelle Rückgang der Inflation in Europa ausgebremst oder gar gestoppt werden, warnen Experten.
Neue Schattenseiten der Globalisierung werden sichtbar, wo die alten noch nicht verschwunden sind. Denn noch immer wirken die Folgen der Pandemie nach, noch immer sind nicht alle Lieferketten wieder intakt. Und noch immer ist das Preisniveau bei manchen Rohstoffen oder Basiskomponenten für industrielle Produktionsprozesse hoch. Dazu kam vor eineinhalb Jahren der Ukraine-Krieg, der die Teuerungskurve auf den Energiemärkten steil ansteigen ließ. Und jetzt – in einer aktuell ohnehin angeheizten Inflationskulisse – auch noch das Wiederaufflammen des Nahost-Krisenherds. Die Folgen? Ungewiss.
Ein solcher Konflikt kann auch Auslöser sein für Erwartungsveränderungen an den Finanzmärkten. Vor diesem fragilen Hintergrund steigen im Moment die wirtschaftlichen Risiken.
Clemens Fuest
Ifo-Institut
Delle im Tourismus
Noch sind zumindest die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Österreich und Israel nur von punktuellen Einschränkungen betroffen, berichtet der österreichische Wirtschaftsdelegierte in Tel Aviv, Markus Haas (siehe auch Interview rechts): „Der bilaterale Handel läuft weiter, Projekte werden fortgesetzt, Baustellen stehen nicht still.“ Einen Dämpfer erwarte er aber für den Wintertourismus. In Bezug auf die Gesamtnächtigungszahlen spielen israelische Gäste mit zuletzt knapp über 950.000 Nächtigungen zwar nur eine untergeordnete Rolle, sie stiegen zuletzt aber stark an. Halten die Kämpfe an, würden die Reiseaktivitäten aber eingeschränkt werden.
Generell hat der österreichische Außenhandel mit Israel in den vergangenen Jahren stetig zugelegt. Allein von 2021 auf 2022 kletterte der Wert der heimischen Warenexporte um 21,5 Prozent auf 557 Millionen Euro. Um diese Entwicklung zu forcieren, besuchte zu Jahresbeginn eine hochrangige österreichische Wirtschaftsdelegation Israel. Vor allem in den Bereichen Umwelttechnik, Abfallwirtschaft und Energiewirtschaft seien heimische Betriebe stark nachgefragt, so Haas. Je nach Konfliktverlauf müsse diesbezüglich aber mit einem Dämpfer zu rechnen sein. Er zeichnet damit einen Schatten in ein sich ohnehin eindunkelndes Zukunftsbild einer Gegenwart, die von einer geopolitischen Polykrise geprägt ist.
1,5-Billionen-Euro-Krieg
So hat allein das erste Jahr des Ukraine-Kriegs die Weltwirtschaft laut Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft rund 1,5 Billionen Euro gekostet. Auch heuer ist mit durch den Krieg induzierten Krisenkosten von einer Billion Euro zu rechnen.
Dazu kommen regionale Kleinkonflikte im Kosovo und zuletzt in Aserbaidschan und gewaltsame Umstürze in einigen afrikanischen Ländern. 15 Brandherde zählte Human Rights Watch aktuell in Subsaharaländern. Regelmäßig steigt auch die globale Nervosität, was den „Hunger“ Chinas auf Taiwan betrifft. Es herrscht eine multiple Unordnung an vielen Ecken der Welt. Der Konflikt im Nahen Osten drückt additiv auf die global vernetzte Wirtschaft.
Es bestätigt sich jene Jahresbilanz, die Wifo-Direktor Gabriel Felbermayr wenige Tage vor dem jüngsten Ausbruch der Nahost-Gewalt zog: „Konjunkturell ist 2023 zum Vergessen.“ Sein damals angeschlossener Trost: „Die gute Nachricht ist, dass die Rezession in ihren letzten Zügen liegt.“ Die Frühindikatoren würden „zaghaft auf eine Trendumkehr“ hinweisen, so Felbermayr am 6. Oktober. Einen Tag später überfiel die Hamas Israel.
ALLTAG IN TEL AVIV
Markus Haas ist Wirtschaftsdelegierter in Israel. Sein Büro hat er in Tel Aviv, wo es in den vergangenen Tagen immer wieder zu Raketeneinschlägen gekommen ist.
Die Einwohner Israels haben eine App auf ihren Handys, die sie vor Bombenangriffen warnt, dazu gibt es den konventionellen Sirenenalarm. Wie lange hat man Zeit, sich in Sicherheit zu bringen?
Haas: Das variiert, wo man sich in Israel aufhält. Lebt man in Sderot im Süden des Landes an der Grenze zu Gaza, sind es 15 Sekunden, hier in Tel Aviv hat man 90 Sekunden Zeit.
Wie oft müssen Sie im Schnitt pro Tag eine Schutzeinrichtung aufsuchen?
Hier in Tel Aviv ist es zwischen gar nicht und rund drei Mal pro Tag. In den südlicheren Regionen öfter.
Ist derzeit überhaupt an ein „normales“ Arbeiten zu denken oder herrscht Ausnahmezustand?
Es gibt derzeit kein „Business as usal“. Die Anfragen österreichischer Firmen sind mit der Evakuierung der bei österreichischen Niederlassungen beziehungsweise bei Projekten österreichischer Firmen arbeitenden Personen zum Erliegen gekommen. Sie werden demnächst aber wiederkommen, wenn es zur Beeinträchtigung der Projekte kommt.
Können Sie angesichts der latenten Bedrohungslage überhaupt noch ruhig schlafen?
Nachdem man relativ viel Zeit hat und die Vorwarnsysteme relativ laut sind, ja. Erholsamer wäre der Schlaf aber jedenfalls in österreichischer Bergluft.
- 557 Millionen Euro betrug das Warenexportvolumen Österreichs nach Israel im vergangenen Jahr. Vor fünf Jahren waren es noch 372 Millionen Euro.
- 35 Prozent der Importe nach Israel kamen 2022 aus der EU. Umgekehrt ist die EU mit 26 Prozent Israels wichtigster Exportmarkt.
- 289 Millionen Euro groß war das Exportvolumen Österreichs im ersten Halbjahr 2023. Ein Plus von knapp vier Prozent gegenüber 2021.