Zum Inhalt springen
Hafenstadt Kaohsiung
© Tom Wang/stock.adobe.com

Eine „Weltmacht“, ohne ein Staat zu sein

Taiwan spielt eine Schlüsselrolle in der globalen Mikrochip-Industrie. Das macht die Insel zu einem geopolitischen Spielball.

Lesedauer: 3 Minuten

Aktualisiert am 29.01.2024
Dieser Artikel ist älter als 90 Tage

Ohne taiwanesische Wirtschaft würde die Welt nicht funktionieren – zumindest nicht jene Teile der Erde, auf der Autos und Flugzeuge unterwegs sind, computergesteuerte Maschinen, elektronische Anlagen oder Computer in Fabriken, Krankenhäusern und Büros zum Einsatz kommen und zur Wertschöpfung beitragen oder Smartphones zur Alltagsbewältigung gebraucht werden. In all diesen Geräten stecken nämlich winzige Mikrochips – und die meisten davon kommen aus Taiwan. Insgesamt zwei Drittel aller Halbleiter weltweit  werden in Taiwan gefertigt. Bei der leistungsstärkeren neuen Chip-Generation sind es sogar 90 Prozent.

Eine kleine Insel im südchinesischen Meer, unwesentlich größer als die Steiermark und Niederösterreich zusammen, hat sich damit eine zentrale Sonderstellung in der globalen Wertschöpfungskette erarbeitet. Dieses Monopol wirkt auch als Schutzschild gegenüber China. Denn die wirtschaftliche Supermacht am Festland betrachtet Taiwan als Teil seines eigenen Territoriums. Aussagen und Anzeichen aus Peking in Richtung „Wiedervereinigung“  sorgen daher regelmäßig für Nervosität.   Nach den Wahlen Mitte Jänner hat sich das bilaterale Verhältnis zwischen den beiden ungleichen Nachbarn weiter verhärtet. Auch der Beziehungsstatus zwischen China, Taiwan und dem Rest der Welt ist somit mit „schwierig“ recht treffend beschrieben.

Nur weil ein Land eine eigene Fahne, eine eigene Währung, eine eigene, demokratisch gewählte Regierung und einen eigenen Namen hat, muss es nämlich kein eigener Staat sein – zumindest keiner, der völkerrechtlich von einer Mehrheit der internationalen Staatengemeinschaft anerkannt wird. Auch Österreich hält sich diesbezüglich an die „Ein-China-Politik“ aller EU-Staaten und der Vereinten Nationen. Da bleibt für die „Republik China“ (wie Taiwan offiziell heißt) neben der kommunistischen Volksrepublik China kein Platz. Damit gibt es keine Anerkennung als unabhängiger Staat und folgerichtig auch keine diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und Taiwan. Wirtschaftlich ist man jedoch sehr wohl im regen Austausch.

Taiwan zählt – neben China, Japan und Südkorea – zu den wichtigsten österreichischen Handelspartnern in Fernost.


„Taiwan zählt – neben China, Japan und Südkorea – zu den wichtigsten österreichischen Handelspartnern in Fernost“, erklärt Österreichs Wirtschaftsdelegierter in Taipei, Hermann Ortner. Der bilaterale Außenhandel erreichte 2022 sogar ein Rekordniveau von mehr als 2,3 Milliarden Euro. Österreich partizipiert dabei  von der florierenden Mikrochipindustrie. So waren die größten Positionen im österreichischen Export Komponenten für die Halbleiterindustrie beziehungsweise Mess-, Prüf- und Kontrollgeräte. In diesen Bereichen ortet Ortner auch weiterhin gute Geschäftsmöglichkeiten aufgrund der anhaltend großen Nachfrage nach Maschinen und Ausrüstungen, beispielsweise durch die Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC), den weltgrößten Auftragsfertiger von Halbleitern. Potenzial gibt es auch im Rahmen von Infrastrukturinves­titionen (Eisenbahn, Wasserversorgung) sowie im Segment erneuerbare Energien. Taiwan plant diesbezüglich einen massiven Ausbau von Wind-, Solar- und Wasserkraftanlagen.

Taiwans Tranformation

Vor dem Hintergrund der politischen Muskelspiele und trotz florierender Konjunktur – es gibt ein geringes, aber stabiles Wachstum (plus 1,2 Prozent) und eine niedrige Inflation (2,5 Prozent) – ist aber auch die taiwanesische Wirtschaft einem Transformationsprozess unterworfen. Zum einen verlagern viele Unternehmen ihre Produktion nach Festlandchina und Europa, zum anderen pumpt der Westen massiv Geld in den Aufbau eigener Produktionskapazitäten, um die Abhängigkeit zu minimieren. Umgekehrt setzt Taiwan auf eine Diversifizierung der Beschaffungs- und Absatzmärkte durch eine handelspolitische Öffnung, speziell in Richtung ASEAN und Indien. Dazu kommt eine substantielle Abwanderung von jungen Talenten und Universitätsabgängern in Richtung China und den USA. Das führt zu einem Problem, unter dem man auch hierzulande leidet: Fachkräftemangel.