Albanien: „Hidden Champion“ am Westbalkan
Die bevorstehenden Wahlen in Albanien werden zum Prüfstein für die Demokratie des Landes auf seinem Weg in die EU.
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Not macht erfinderisch. In Tirana fand dieses Sprichwort zur Jahrtausendwende seine städtebauliche Entsprechung. Die albanische Hauptstadt litt damals unter chronischer Finanznot und einer wackeligen bis überlasteten Infrastruktur. Geld für die Renovierung der desolaten Innenstadt fehlte – nicht aber für Farbkübel. Und so ließ Edi Rama, als ausgebildeter akademischer Maler einst Lektor an der Akademie der Künste, gleich zu Beginn seiner Amtszeit als Bürgermeister Tiranas im Jahr 2000 die Fassaden der renovierungsbedürftigen Häuser bunt anmalen. „Die Stadt war vorher tot und plötzlich war das heißeste Thema in Cafés, Wohnungen und auf den Straßen: Was machen die Farben mit uns?“, erinnerte er sich später an den ungewöhnlichen Aktionismus.
Rama blieb bis 2011 Bürgermeister und wurde zwei Jahre später Premierminister. Am kommenden Sonntag kandidiert er bei den Parlamentswahlen erneut als Spitzenkandidat der Sozialistischen Partei. Es wäre seine bereits vierte Amtszeit. Die Chancen stehen nicht schlecht – auch wenn Ramas Bilanz ein Gemälde aus nicht nur strahlenden Farben ist.
In eher dunklen Tönen ist die unmittelbare innenpolitische Kulisse gehalten: Mehrere Politiker, unter anderem der sozialistische Bürgermeister von Tirana wie auch der frühere Ministerpräsident und Oppositionsführer Sali Berisha, wurden wegen Korruption angeklagt beziehungsweise standen unter Hausarrest, was zu heftigen Demonstrationen gegen Rama führte. Ilir Meta, Vorsitzender der Freiheitspartei und ehemaliger Präsident, sitzt weiterhin in Haft. Die demokratischen Verhältnisse Albaniens bleiben fragil, das Bild düster.
Heller dagegen präsentieren sich die außenpolitischen Motive: Nach zähen Vorbereitungen, vielen Vertröstungen und der Entkoppelung von den Gesprächen mit Nordmazedonien wurden 2022 die EU-Beitrittsverhandlungen begonnen. Dem bis 2030 angepeilten Beitritt würde Umfragen zufolge mehr als 90 Prozent der Bevölkerung zustimmen. Auch wirtschaftlich steht das bis 1990 über vier Jahrzehnte hermetisch abgeriegelte und verarmte „Land der tausend Bunker“ heute gut da. Das Wirtschaftswachstum hat sich nach einem tiefen Absturz 2020 (-8 %) und steilen Aufstieg 2021 (+9 %) seither bei einem stabilen Plus nahe vier Prozent pro Jahr eingependelt. Albanien wächst damit weit über dem europäischen Durchschnitt.
Touristen verdoppelt
Getragen wird dieser Konjunkturboost vom Tourismus. Albanien ist zu einer Trenddestination geworden. Seit 2014 hat sich die Besucherzahl verdreifacht, seit 2019 auf heute rund zwölf Millionen Ankünfte verdoppelt. Im Süden des Landes soll bald ein zweiter internationaler Flughafen in Betrieb gehen. Dass Ramas Regierung Trump-Schwiegersohn Jared Kushner den Status eines strategischen Investors verliehen hat, um die Entwicklung eines Luxusresorts auf der Insel Sazan zu realisieren, wirkt für manche dagegen wie ein dunkler Fleck im bunten Glanz der wachsenden Wirtschaft. Auch Österreichs Exporte konnten zuletzt um über acht Prozent zulegen und einen neuen Rekordwert erzielen, berichtet Österreichs Wirtschaftsdelegierter Christoph Sturm. Damit setzt sich ein positiver, von Getränken, Maschinen, Apparaten und Zuckerwaren getriebener Trend fort. Aktuell gibt es in Albanien über 50 Unternehmen mit österreichischer Kapitalbeteiligung.
Was es seit März nicht mehr gibt, ist TikTok. Albanien hat die chinesische Social-Media-Videoplattform für ein Jahr gesperrt, nachdem bei einer via TikTok angezettelten Schlägerei von Jugendgruppen ein 14-jähriger Schüler getötet worden war.
40,6 Millionen Euro betrug zuletzt der Handelsbilanzüberschuss Österreichs mit Albanien. 2024 wurden Waren im Wert von 85,3 Millionen Euro nach Albanien exportiert.
875 Millionen Euro betrugen im vergangenen Jahr die österreichischen Direktinvestitionen in Albanien. Damit liegt Österreich am sechsten Platz.