Lernapps für Jung und Alt
Das neue Schul- und Lehrjahr steht vor der Tür. Gelernt wird immer öfter mit Apps und Plattformen. Doch wie sinnvoll ist das?
Lesedauer: 6 Minuten
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – das gilt auch für den Schulbeginn. Statt mit Heft und Stift wird immer öfter mit digitalen Plattformen gelernt. Laut einer Befragung des Österreichischen Bundesverlags und der Johannes Kepler Universität Linz verwenden mittlerweile 87 Prozent der Lehrkräfte digitale Geräte im Unterricht. Doch der Einsatz sorgt immer wieder für Diskussionen – auch in ehemaligen Vorzeigeländern wie Schweden und Dänemark. Beide vollziehen seit 2024 eine radikale politische Kehrtwende hin zu analogen Lehrmitteln. Geht man in Österreich also den falschen Weg? Keineswegs, meint Kathrin Otrel-Cass. Die Universitätsprofessorin am Institut für Bildungsforschung und Pädagoginnenbildung der Universität Graz beschäftigt sich mit technologisch gestütztem Lernen. Ihr Fazit: Es braucht einen Mittelweg. „In Schweden und Dänemark gab es Schulen, in denen komplett papierlos unterrichtet wurde. Das ist ein extremer Zugang. Wenn die Präsenz von digitalen Inhalten in Bildungseinrichtungen so stark ist, können sich Kinder auch in ihrer Freizeit nur schwer aus der Online-Welt ausklinken. Die Schule ist wichtig, um junge Menschen auf das Leben vorzubereiten. Auf digitale Medien sollte man keinesfalls verzichten.“
An österreichischen Schulen gibt es zudem klare Regeln. Bundesweit gilt bis zur achten Schulstufe ein Handyverbot, doch Lehrpersonen sind dazu angehalten, digitale Geräte gezielt einzusetzen. Die höchste Nutzung verzeichnet man in Berufsschulen, gefolgt von den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen.
Gleichermaßen beliebt sind bei Schülern und Lehrern Lernapps und -plattformen. Spezielle Applikationen werden auch von Firmen für die Lehrlingsausbildung oder fürs Onboarding und die Weiterbildung bestehender Mitarbeiter genutzt. Steirische Anbieter sind da vorne mit dabei (siehe weiter unten).
Doch wie erkennt man eine gute Lernapp? „Egal ob in der Schule oder im Unternehmen: Wer eine Lernapp nutzt, sollte zum Nachdenken angeregt werden. Das gelingt am besten, wenn die Aufgaben in kleinere Blöcke aufgeteilt werden, die zehn bis 15 Minuten dauern und in lebensnahe Situationen eingebettet sind. Gut ist auch, wenn die Inhalte nicht nur als Text transportiert werden, sondern auch visuell anregend gestaltet sind oder auch in Form eines Videos präsentiert werden.“
Diesen Ansatz verfolgen auch die Grazer Start-ups „Learning Suite“ und „Smart Study“. Beide haben sich auf die betriebliche Aus- und Weiterbildung spezialisiert. Neben vorgefertigten Inhalten können Betriebe bei beiden Anbietern auch firmenspezifische Lehr- und Lerninhalte samt Videos, Animationen oder Testfragen erstellen und den Lern- oder Ausbildungsfortschritt dokumentieren (mehr dazu weiter unten). Letzteres ermöglicht auch die App „Dualify“, die spezifisch für Lehrlinge und Ausbildner entwickelt wurde (siehe weiter unten).
Generell eignen sich Apps laut der Bildungsexpertin immer dann, wenn Grundinformationen weitergegeben werden sollen. „Diese sollten für die Nutzer auch stets abrufbar sein. Es macht Sinn, wenn in der Plattform eine Bibliothek hinterlegt wird, auf die die Nutzer zugreifen und sich Inhalte in Erinnerung rufen können“, meint Otrel-Cass. Detailwissen lässt sich hingegen besser analog erarbeiten. „Es gibt Problemstellungen, wo es mehr Sinn macht, an einer Lösung im Team zu arbeiten. Praxiserfahrung ist unheimlich wichtig. Diese lässt sich nicht einfach in eine Anleitung einer App packen.“
Bleibt noch die Frage, wie spielerisch Lernplattformen sein sollten. Für die Expertin eine klare Sache: Egal ob Kind oder Erwachsener, spielerisches Lernen ist nie ein Fehler. „Die Inhalte wirken nicht so trocken, man bringt einen neuen Modus rein und den Lernenden macht es in der Regel Spaß.“
Lernfortschritt sichtbar machen
Unzählige Excel-Tabellen, ausgedruckte Listen und keine Übersicht: Lehrerin Jessica Rittstieg suchte nach einer übersichtlichen und zeitsparenden Plattform, mit welcher sie den Lernfortschritt ihrer Schüler einfach und schnell dokumentieren kann. Doch eine Lösung fehlte – bis sie mit Gründer Gunther Marktl ins Gespräch kam. Marktl fackelte nicht lange und entwickelte gemeinsam mit Wolfgang Bartelme, Moritz Hiebl und Niklas Lorber die Plattform „Digidoo“. 2025 ging das Grazer Unternehmen an den Start. Mittlerweile sind bereits über 5.000 Lehrkräfte und knapp 1.000 Schulen auf „Digidoo“ registriert. Nach dem Markteintritt in Österreich und Deutschland ist man seit heuer auch in der Schweiz vertreten.
Lehrausbildung attraktivieren
Firmen brauchen Fachkräfte, doch vielen Ausbildenden fehlt die Zeit und Jugendlichen oft die Orientierung: Maximilian Kottnig und Kenan Morić kennen das Problem. Kottnig stammt aus dem steirischen Familienunternehmen „Kapo“, das seit 1927 Lehrlinge ausbildet, Morić war selbst Lehrling und bildet heute in seiner Agentur junge Menschen aus. Gemeinsam gründeten sie die App „Dualify“, auf die sowohl Lehrlinge als auch Ausbildner zugreifen können. Die Plattform bündelt Ausbildungspläne, Stimmungsbarometer, Reports und Kalender an einem Ort. „Lehrlinge wollen wissen, was sie erreicht haben, und möchten Feedback. Betriebe wünschen sich Übersicht ohne zusätzlichen administrativen Aufwand“, erklärt Kottnig. Die App geht diesen September in Vollbetrieb. Ende des Jahres wird skaliert.
Ausgezeichnete Handyspiele
Pflanzen- oder Tierkunde, Vokabeln oder Mathematik: Klemens Strasser hat schon für so manchen Unterrichtsstoff eine eigene Lernapp entwickelt und dafür schon mehrere Preise erhalten. Zuletzt wurde er 2025 gleich zweifach von Apple ausgezeichnet. Für sein Lernspiel „Art of Fauna“ erhielt er den Inclusivity Apple Design Award und den Cultural Impact App Store Award. Strasser zerlegt in seiner App historische Tierillustrationen aus aller Welt. Spieler können sie wie ein Puzzle zusammensetzen und Texte zum jeweiligen Tier rekonstruieren, um so mehr über die Tierwelt zu erfahren. Heuer erschien das Nachfolgespiel „Art of Flora“. Dieses kann auch im Universalmuseum Joanneum gespielt werden.
Lernplattform für Mitarbeiter
Viel Wissen, aber kaum Struktur: Firmen, die neue Mitarbeiter einstellen, stehen vor der Herausforderung der richtigen Einschulung. Die Grazer Firma „Learning Suite“ setzt hier an. Auf ihrer gleichnamigen Plattform bieten die Gründer Alexander Knechtl, Fabio Moretti und Florian Gerstner einen Drag-and-Drop-Editor, über den sich Lerninhalte für unterschiedlichste Lernbedürfnisse modular zusammenstellen lassen. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Erklärvideos können direkt auf der Plattform aufgenommen und geschnitten werden, Wissenstests lassen sich einfach einfügen und einzelne Lernbausteine können in mehrere Kurse übertragen werden. Die 2021 gegründete Plattform wird bereits von über 1.500 Firmen und Coaches weltweit genutzt.
Deutsch pauken leicht gemacht
Über mangelnde Deutschkenntnisse in heimischen Klassenzimmern wird oft geklagt – auch der Grazer Musa Müller machte die Erfahrung. „Ich war bei einem Freund in Wien zu Besuch. Er unterrichtet an einer Mittelschule Physik und Mathematik und erzählte mir, dass die Schüler nicht mehr mitkommen würden. Nicht, weil der Stoff zu schwer ist, sondern weil ihnen die Sprache fehlt.“ Müller wollte helfen. Gemeinsam mit Mohamed Moussa, einer Pädagogin und einem Software- sowie Spieleentwickler erstellte er „Lernly“ – eine Übungsapp, mit der Kinder spielerisch Deutsch lernen können und dabei in ihrer Erstsprache begleitet werden. Pädagogen erhalten zudem Daten zum Lernverlauf. Aktuell wird ein Prototyp getestet. Bis zum Schulstart 2027 soll die App verfügbar sein.
Weiterbildung mit E-Learning
Was hat das Hessische Ministerium für Finanzen mit dem Grazer Start-up „Smart Study“ zu tun? Sehr viel. Die Finanzverwaltung setzt neben über 60 weiteren Unternehmen und Organisationen in Österreich und Deutschland auf die von Michael Rieger gegründete Weiterbildungsplattform. Entstanden ist die Idee noch zu Studienzeiten: „Bei der Vorbereitung auf Lehrveranstaltungen dachte ich mir, dass digitale Lernangebote besser und gezielter gestaltet werden könnten.“ Das war der Anstoß zu „Smart Study“ – bald darauf erkannte Rieger, dass sein Ansatz auch auf die betriebliche Aus- und Weiterbildung angewendet werden kann. Kurse lassen sich auf der Plattform individuell gestalten. Zusätzlich bietet man eine Bibliothek mit fertigen E-Learning-Kursen an.