Ringen der Weltmächte auf Belgrader Bühne Weltmächte
Im Blickpunkt: Serbien pendelt zwischen EU-Beitrittsperspektive und an-haltenden Annäherungsversuchen an Russland, China und die USA.
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Das System wankt. Gestürzt ist es aber – noch – nicht. Rund 300.000 Menschen versammelten sich zum Höhepunkt der jüngsten Proteste Mitte März auf den Straßen der serbischen Hauptstadt Belgrad, um gegen die Regierung des als kremlnah geltenden Präsidenten Aleksandar Vučić zu demonstrieren. Die Proteste dauern bereits seit dem 1. November an – dem Tag, als ein rekonstruierter Teil des Bahnhofsgebäudes in der Provinzhauptstadt Novi Sad kollabierte.
Die Tragödie kostete insgesamt 15 Menschenleben. Schnell aufgetauchte Korruptionsvorwürfe nährten die schwelende Unzufriedenheit der Bevölkerung mit ihrer politischen Führung. Zusammen mit den latenten regionalen Spannungen mit dem Kosovo unterspülen die von Studierenden getragenen Massenproteste die seit Jahren stockenden Beitrittsbestrebungen zur Europäischen Union. So waren bis Ende des Jahres 2024 von 34 Beitrittskapiteln zwar 22 eröffnet, aber erst zwei abgeschlossen.
Das „Ewigprojekt“ EU-Beitritt – der Antrag wurde Ende 2009 nach Brüssel geschickt – scheiterte bisher nicht zuletzt aufgrund eines klaren Bekenntnisses zum europäischen Einigungsprojekt von Serbien selbst. Stattdessen mäandert Langzeit-Regent Vučić zwischen den Schaltzentralen in Brüssel und Peking, Washington und Moskau und bleibt damit die große Variable im geopolitischen Kontext Südosteuropas.
Zum einen ist die EU der mit Abstand wichtigste Investor und Handelspartner Serbiens. So profitierte das Land lange von der engen Einbindung in die Lieferketten der europäischen Wirtschaft. Mittler-weile bekommt die
lokale Zulieferindustrie aber auch die Nachfrageflaute vor allem deutscher Autohersteller zu spüren. Zum anderen unterhält das Balkanland trotz des Ukraine-Kriegs gute Beziehungen zu Moskau. Seine Ölindustrie ist weiterhin eng mit der russischen verbunden. Zum Missfallen der USA, die Serbien dazu drängen, die Beteiligung eines russischen Miteigentümers an dem serbischen Mineralölkonzerns NIS zu beenden. China nutzt Serbien indes als Sprungbrett in die EU, investiert in die Kfz-Zuliefer- und Metallindustrie und betreibt in Zrenjanin das größte Reifenwerk Europas (Linglong Tyre).
Österreich ist drittgrößter Auslandsinvestor in Serbien und genießt hohe Reputation.
Wirtschaftsdelegierter
Neuroth fertigt vor Ort
Auch für Österreichs Exportwirtschaft ist Serbien ein lukrativer Markt mit positiver Handelsbilanz. Mit dabei ist der steirische Hörakustikspezialist Neuroth. Bis Ende heurigen Jahres wird in Belgrad eine eigene Produktionsstätte – die erste außerhalb Österreichs – fertiggestellt sein, um von dort aus die Nicht-EU-Märkte Serbien und Bosnien & Herzegowina zu beliefern. Bis zu 10.000 Ohrpassstücke pro Jahr will man in einer ersten Phase produzieren.