„Stehen vor Zeitalter des Unendlichen“
Zukunftsforscher Mario Herger über das Verschmelzen von Mensch und Maschine, Europas Mutlosigkeit und seinen Rückstand bei Künstlicher Intelligenz.
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Sie beschreiben in Ihrem neuen Buch „Homo Syntheticus“ eine Zukunft, in der Maschinen nicht mehr nur denken, sondern fühlen, handeln und lernen, und sprechen von einer Ära, in der Mensch und Maschine verschmelzen. War es das mit unserer Sonderstellung?
Mario Herger: Denken und Fühlen ist für die Maschinen sicherlich anders. Die Intelligenz ist ja eine andere. Zwar hat sie zum Teil Inspiration vom menschlichen Denken genommen, aber sie ist komplementär. So wie ein Flugzeug auch nicht mit den Flügeln schlägt wie Vögel, aber Inspiration wurde von den Vögeln genommen. Menschen werden von humanoiden Robotern sicher nicht nur als Helferlein profitieren, sondern auch beispielsweise von viel besseren Prothesen, die billiger, vielfältiger und viel leistungsfähiger sein werden als diejenigen, die uns heute zur Verfügung stehen, weil Humanoide sehr rasch weiterentwickelt und massenproduziert werden.
Verstehen Sie die Skepsis und Ängste, die diese Entwicklung begleiten?
Wir haben autonomen Systemen bereits heute in vielen Bereichen unseres Alltags die Kontrolle übergeben. Die Angst, dass sich KI oder humanoide Roboter verselbständigen, ist in Zeiten, wo Flugzeuge seit Jahrzehnten auf Autopilot fliegen, Kraftwerke von Maschinen gesteuert werden oder Ampelanlagen an jeder Kreuzung unabhängig vom Menschen den Verkehrsfluss regeln, daher übertrieben.
Eine Möglichkeit zur Gefahrenminimierung sind strenge regulatorische und legistische Vorgaben.
Regulatorische und legistische Vorgaben sind wichtig, allerdings befinden sich die Gesetzgeber in einer Zwickmühle: Greifen sie zu früh ein, zertrampeln sie den aufkeimende Trieb der Innovation in einem Bereich; machen sie es zu spät, kommen Menschen zu Schaden.
Wie löst man das?
Es werden zwar Gesetze verabschiedet, aber die entsprechenden Richtlinien für die praktische Umsetzung hinken oft hinterher. Ich würde mir viel mehr Menschen mit MINT-Ausbildungen in den Nationalrat und die Regierung wünschen. Dass wir dort vor allem Rechts-, Politik-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften vertreten haben, diejenigen, die von Technik und Wissenschaft Ahnung haben, aber mit der Lupe suchen müssen, finde ich bedenklich.
ZUR PERSON
Autonomes Fahren gehört an der US-Westküste zum Verkehrsalltag, bei uns starten erst Tests – verstehen Sie diese Vorsicht?
Nein, verstehe ich nicht. Warum muss man einen Monat vor einer Testfahrt den Landeshauptmann davon informieren? Ich bringe da gerne das Beispiel vom Bau der Semmeringbahn. Als der Bau 1848 in Angriff genommen wurde, gab es keine Lokomotiven, die die geplante Steigung mit einer entsprechenden Last an Waggons und Ladung bewältigen konnten. Trotzdem begann man damit und schrieb Ingenieurwettbewerbe aus, um die Lokomotivfabriken anzuspornen, diese zu entwickeln. Nur drei Jahre später konnten dann bereits erste Lokomotivprototypen auf einem Teilstück der Semmeringbahn getestet werden. Am Ende gab es vier Lokomotivtypen, die die Strecke bewältigen konnten.
Wie viele Jahre sind wir in der Entwicklung von KI-Anwendungen im Rückstand?
Bei autonomen Autos ist Europa mindestens sieben Jahre hinten nach. US-Hersteller fahren seit 2018 fahrerlos, die Chinesen seit vier bis fünf Jahren. Und alle betreiben seit einigen Jahren kommerzielle Robotaxiflotten. Von europäischen Herstellern gibt es keine einzige. Bei KI, also den großen Sprachmodellen, hat Europa bis auf das französische Mistral nichts. Und Mistral ist sicherlich auch weit hinter allen US- und chinesischen Modellen. Bei humanoiden Robotern kann Europa aktuell mehr als 40 Hersteller vorweisen, das ist ein Sechstel aller weitweit bekannten Hersteller. Auch Österreich hat mit Iono.tech einen Vertreter. Humanoid aus England und Neura Robotics aus Deutschland sind da vorne mit dabei, aber eher im Verfolgerfeld.
Ihre Zukunftsvision?
Mit KI werden wir zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte eine Ressource in unendlichem Ausmaße zur Verfügung haben. Intelligenz wird unbeschränkt da sein und nicht mehr durch die Anzahl an Menschen limitiert werden. Mit humanoiden Robotern sehen wir unendliche Arbeitskraft. Hunderte Millionen oder sogar Milliarden an Humanoiden, die physische Arbeit für uns 24 Stunden, sieben Tage die Woche verrichten und so die Arbeitsleistung skalieren lassen. Dieses Zeitalter des Unendlichen wird ergänzt durch unendliche Energie in Form von Kernfusion, durch unendliche Rechenleistung in Form von Quantencomputern. Das mag im ersten Moment durchgeknallt klingen, aber genauso kommt Menschen aus 1850 unser Leben vor, das wir im Jahr 2026 führen – mit Technologien, die damals als reine Zauberei gegolten haben. Allerdings stehen Politik und Gesellschaft vor der Herausforderung, sich solch eine Welt vorzustellen und zu überlegen, was gemacht werden müsste. Wie stellen wir sicher, dass nicht die zehn Milliardäre, sondern die zehn Milliarden Menschen davon profitieren?