Steiermark lotet Perspektiven und Chancen für den Wiederaufbau der Ukraine aus
Steirische Unternehmen könnten zum Wiederaufbau der Ukraine beitragen. Experten tauschten sich in Graz über Chancen, Risiken und Perspektiven aus.
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Der Wiederaufbau der Ukraine beginnt nicht erst mit dem Ende des Krieges. Schon jetzt müssen Unternehmen zerstörte Anlagen ersetzen, Energieversorgung sichern und unterbrochene Lieferketten wiederherstellen. Welche Beiträge die steirische Wirtschaft dazu leisten kann, diskutierten Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft Mitte Oktober in Graz beim Symposium „Wiederaufbau Ukraine – Chancen und Beitrag der österreichischen Wirtschaft“.
Rund 1.000 österreichische Unternehmen unterhalten weiterhin Geschäftsbeziehungen mit der Ukraine. Etwa 200 sind mit eigenen Niederlassungen vertreten und beschäftigen dort insgesamt mehr als 25.000 Menschen. Diese beim Symposium genannten Zahlen zeigen: Es geht nicht um einen fernen Zukunftsmarkt, sondern um bestehende wirtschaftliche Verbindungen, Arbeitsplätze und die Existenz von Betrieben. Für steirische Unternehmen eröffnen sich insbesondere in der Energieversorgung, der Bauwirtschaft und der Infrastruktur Möglichkeiten, dringend benötigtes Know-how einzubringen.
Kriegt beschleunigt Annäherung an EU, ist aber auch Hürde
Wie schwierig die wirtschaftliche Lage bleibt, erläuterte David Bachmann, österreichischer Wirtschaftsdelegierter in Kiew. Österreichs Exporte in die Ukraine seien seit Kriegsbeginn jährlich um 20 bis 30 Prozent gestiegen, zuletzt um 25 Prozent. Dahinter stehe allerdings vor allem die Notwendigkeit, Zerstörtes zu ersetzen: „Die Exporte steigen aufgrund der zunehmenden Zerstörung, es sind vor allem Ersatzinvestitionen.“ Beschädigte Bahnstrecken, eingeschränkte Transportkapazitäten und Probleme auf den Wasserwegen erschweren zugleich den Warenverkehr

Der ukrainische Botschafter in Österreich, Vasyl Khymynets, berichtete von gezielten Angriffen auf Strom-, Wasser-, Energie- und Verkehrsinfrastruktur. Allein 500 Lokomotiven seien zerstört worden. Die europäische Perspektive ordnete Paul Gragl, Professor am Institut für Europarecht der Universität Graz, ein. Der förmliche Start der EU-Beitrittsverhandlungen im Juni 2024 sei ein wichtiger Schritt gewesen; der Krieg beschleunige die Annäherung, bleibe aber gleichzeitig eine erhebliche Hürde. Hinzu komme die notwendige Einstimmigkeit in mehreren politischen Gremien der EU.
Nicht erst auf Ausschreibungen reagieren
„Wir haben die Hoffnung, dass wir bald mit dem Wiederaufbau beginnen können“, betonte Josef Herk, Präsident der Wirtschaftskammer Steiermark, gemeinsam mit Friedrich Möstl, Honorarkonsul der Ukraine in der Steiermark. Diese Hoffnung verband die Veranstaltung mit der Frage, wie sich Unternehmen bereits heute vorbereiten können. Wolfgang Anzengruber, Koordinator der österreichischen Bundesregierung für den Ukraine-Wiederaufbau und ehemaliger Verbund-Vorstand, brachte die wirtschaftliche Dringlichkeit auf den Punkt: „Alle anderen sind schon dort – auf uns wartet dort niemand.“ Entscheidend sei, konkrete Projekte frühzeitig mitzuentwickeln und nicht erst auf Ausschreibungen zu reagieren. Seine Aufgabe beschrieb Anzengruber als die eines Impulsgebers, Brückenbauers und Möglichmachers zwischen Österreich, der Europäischen Union und der Ukraine. Gerade für mittelständische Unternehmen kommt es dabei auf belastbare Kontakte und geeignete Partner an.
Politische Einstimmigkeit als Beitrittshürde
Beim Symposium in Graz eröffneten Universitätsrektor Peter Riedler, WKO-Steiermark-Präsident Josef Herk und Honorarkonsul Friedrich Möstl den Austausch. Karl Hartleb, Geschäftsführer des Internationalisierungscenters Steiermark, moderierte die Diskussion. Wirtschaftslandesrat Willibald Ehrenhöfer betonte die Bedeutung des Wiederaufbaus für die Verteidigung europäischer Werte. Europarechtsprofessor Paul Gragl verwies auf die EU-Perspektive der Ukraine, zugleich aber auf den Krieg und die erforderliche politische Einstimmigkeit als Beitrittshürden.
Anknüpfungspunkte für steirische Unternehmen bieten die bestehenden Kontakte zu den ukrainischen Regionen Lviv und Kirovohrad. Denkbar wären konkrete Kooperationen bei Energieversorgung und Infrastruktur sowie gebündelte Informationen über Finanzierung und Absicherung. So könnten auch kleinere Betriebe Chancen und Risiken einer Beteiligung am Wiederaufbau besser einschätzen.