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Humanoider Roboter
© Lukas Elsneg

Steiermark plant Testregion für humanoide Robotik

Die Plattform AT Styria formiert für EU-Projekt ein internationales Konsortium. An Bord sind u.a. Joanneum Research, TU Graz, Magna Steyr, DCCS und BrightFlare.

Lesedauer: 6 Minuten

Aktualisiert am 06.10.2026

Die Steiermark soll zur Testregion für KI-gestützte Robotik mit Schwerpunkt auf humanoiden Systemen werden: Einen entsprechenden Plan hat der 120 Unternehmen umfassende Cluster AT Styria bei den „European Robotics and Automation Talks“ (ERAT) vorgestellt. Auf der vom AT Styria sowie der Gesellschaft für Mess-, Automatisierungs- und Robotertechnik (GMAR) aktuell in Graz ausgerichteten Fachkonferenz treffen über 200 Produzenten, Anwender, Entwickler und Systemintegratoren aus Österreich und mehreren europäischen Ländern zusammen. 

„Unternehmen, die ihre Produktion rascher an neue Produkte, kleinere Stückzahlen und fehlende Arbeitskräfte anpassen können, sichern Aufträge, Wertschöpfung und Beschäftigung. Dafür wird KI-gestützte bzw. humanoide Robotik zu einer zentralen Standortfrage. Die Steiermark verfügt über die Betriebe, die Forschung und das industrielle Wissen, um hier eine führende Rolle einzunehmen. Diese Stärke entfaltet sich, wenn aus einzelnen Kompetenzen gemeinsame Anwendungen entstehen. Wir wollen Kooperationen erzeugen, als Enabler wirken und dafür sorgen, dass neue Technologien schneller in den Betrieben ankommen“, sagt Herbert Ritter, Vorsitzender des AT Styria und Vizepräsident der WKO Steiermark. 

Ulrike Haslauer, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Mess-, Automatisierungs- und Robotertechnik (GMAR), hebt hervor: „Mit dem demografischen Wandel wächst der Bedarf an Robotik, die Beschäftigte entlastet und Unternehmen hilft, ihre Produktion trotz fehlender Arbeitskräfte aufrechtzuerhalten. Humanoide Roboter eröffnen dabei neue Möglichkeiten, weil sie perspektivisch an Arbeitsplätzen eingesetzt werden können, die für Menschen eingerichtet sind. Die geplante Testregion soll zeigen, bei welchen Aufgaben das technisch zuverlässig und wirtschaftlich sinnvoll gelingt.“  

Millionenschwere EU-Ausschreibung 

Der AT Styria formiert dafür ein internationales Konsortium aus Industrie, Technologieanbietern und Forschungseinrichtungen. Gemeinsam bewirbt sich das Bündnis um das einzige europaweite Leitprojekt, das das EU-Forschungsprogramm Horizon Europe für die industrielle Integration KI-gestützter Robotik vorsieht. Die Ausschreibung öffnet im November 2026; für das Projekt stehen rund 18 Millionen Euro bereit. Der Antrag wird im Frühjahr 2027 eingereicht, die Förderentscheidung fällt im Sommer. Bei einer Zusage kann das Projekt mit 2028 starten. 

Für die Steiermark eröffnet sich damit die Chance, ein bestehendes wirtschaftliches Stärkefeld weiter auszubauen. Seit 2008 ist die Zahl der Beschäftigten in der Automatisierungstechnik um fast 60 Prozent gestiegen. Mehr als 44.000 Menschen arbeiten mittlerweile in der Branche, die jährlich rund 6,3 Milliarden Euro Wertschöpfung erwirtschaftet. Damit entfällt etwa jeder zehnte in der Steiermark erwirtschaftete Euro auf dieses Feld. Eine Studie des Instituts für Wirtschafts- und Standortentwicklung der WKO Steiermark beziffert das weitere Potenzial bis 2030 auf bis zu 10.000 zusätzliche Arbeitsplätze. 

Drei Pilotprojekte

Drei industrielle Pilotprojekte bilden das Rückgrat der geplanten Testregion. Jedes der Vorhaben behandelt einen Anwendungsfall mit besonderer Bedeutung für die steirische Wirtschaft und wird unter realen Produktionsbedingungen umgesetzt. Im ersten Pilotprojekt arbeiten humanoide Roboter an mehreren Arbeitsplätzen innerhalb einer Fertigung. Sie bedienen Maschinen, wechseln Werkstücke und übernehmen körperlich belastende Handgriffe. 

Der zweite Pilot widmet sich der innerbetrieblichen Logistik: Autonome mobile Roboter transportieren Material zwischen Lager, Fertigung und Montage und reagieren dabei selbstständig auf geänderte Routen oder Produktionsabläufe. Im dritten Pilotprojekt übernehmen KI-gestützte Systeme Aufgaben in Qualitätskontrolle, Inspektion und Instandhaltung. Sie prüfen Bauteile, erkennen Abweichungen und liefern Hinweise auf mögliche Fehler oder Wartungsbedarf.

„Jeder Pilot setzt bei einem konkreten Engpass im Betrieb an. Am Ende steht eine klare wirtschaftliche und technische Bilanz: Welche Taktzeit erreicht das System, wie zuverlässig arbeitet es, welchen Integrationsaufwand verursacht es und wann rechnet sich die Investition? Genau diese Antworten brauchen Unternehmen, bevor sie eine neue Technologie in größerem Maßstab einsetzen“, erklärt Heinz Mayer, Geschäftsführer von Konsortialpartner Joanneum Research. Für einen beteiligten Produktionsbetrieb bedeutet das: Eine konkrete Robotikanwendung wird für den eigenen Prozess entwickelt und unter realen Bedingungen erprobt, während ein erheblicher Teil des Entwicklungsrisikos über das Projekt getragen wird.  

Internationales Konsortium mit steirischer Handschrift

Der Kooperationsraum reicht aber weit über die Steiermark hinaus: Über die „Area Süd“ werden Kärntner Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen in das Vorhaben eingebunden. Die Achse Graz-Klagenfurt-Villach bringt zusätzliche Kompetenzen aus Elektronik, Sensorik, Software und industrieller Produktion ein. In Slowenien arbeitet der AT Styria bereits mit dem Netzwerk SRIP Factories of the Future zusammen. Es verbindet Unternehmen und Forschungseinrichtungen rund um intelligente Fabriken, Robotik und Automatisierung. Slowenische Partner erweitern den Kreis möglicher Pilotbetriebe und bringen Erfahrung aus einer stark automatisierten Industrie mit. Auch Italien wird eingebunden: Der AT Styria und DITEDI haben im Juli 2026 in Udine ein Memorandum of Understanding unterzeichnet. DITEDI öffnet den Zugang zu Unternehmen und Forschungseinrichtungen in Friaul-Julisch Venetien und im Raum Triest. Mit „Bayern Innovativ“ gibt es auch einen deutschen Konsortialpartner. 

„Wir sehen die Chance, die Steiermark und Österreich gemeinsam mit unseren Partnern in Slowenien und Friaul sowie mit dem Kernraum AREA SÜD als starken europäischen Erprobungsraum für Robotik zu positionieren. Die Verbindungen bestehen, die Kompetenzen sind vorhanden. Jetzt führen wir sie in konkreten industriellen Projekten zusammen“, betont AT Styria-Geschäftsführer Helmut Röck. 

Die präzise Ausarbeitung übernehmen die bereits eingerichteten Strategiegruppen „Applied AI“,  „Flexible Robotics“ und „Safety & Security“ des heimischen Automatisierungsclusters: TU Graz und FH Campus 02 übernehmen dabei feste Rollen in der Vorbereitung des Konsortiums. Joanneum Research ergänzt das Netzwerk mit Kompetenzen in Robotik, flexibler Produktion, Sensorik und digitalen Technologien. Auch steirische Unternehmen aus Automatisierungstechnik, Maschinen- und Anlagenbau sowie industrieller Software sind Teil des Konsortiums – darunter auch Magna Steyr, KI-Software-Pionier DCCS sowie Security-Spezialist BrightFlare. 

BrightFlare-Gründer Markus Seme (30 Mitarbeiter in Graz) betont: „Wenn KI Roboter steuert, können digitale Angriffe unmittelbare physische Folgen haben – für die Produktion ebenso wie für die Menschen, die dort arbeiten. Deshalb müssen wir Sicherheit von Anfang an mitentwickeln. Wir bringen dafür langjährige Erfahrung in der Absicherung industrieller Anlagen und Know-how im Bereich KI-Sicherheit ein. Die geplante Testregion bietet uns die Möglichkeit, gemeinsam mit Forschung und Industrie Schutzkonzepte unter realen Bedingungen zu entwickeln und zu erproben. Mit dieser Initiative des AT Styria können wir in der Steiermark ein europäisches Kompetenzzentrum für die Sicherheit KI-gestützter und humanoider Robotik aufbauen.“ 

„Die geplante Testregion bietet die Chance, gemeinsam mit Betrieben konkrete Einsatzfälle zu entwickeln und unter realen Bedingungen zu prüfen, wo KI-gestützte Robotik Arbeit erleichtert und die Produktivität erhöht. Damit wird aus einer technologischen Möglichkeit eine Lösung, die Unternehmen tatsächlich einsetzen können“, sagt Thomas Edlinger, Geschäftsführer von DCCS. Das 180-köpfige Unternehmen implementiert aktuell 14 Projekte mit humanoiden Robotern. 

ERAT als Plattform

Der AT Styria nutzt die fünfte Ausgabe der European Robotics and Automation Talks, um das Konsortium gezielt zu erweitern und industrielle Anwendungsfälle für die geplante Testregion zu konkretisieren. Mehr als 200 Hersteller, Integratoren, Anwender und Forschungspartner aus mehreren europäischen Ländern treffen dafür in Graz zusammen. In Fachgesprächen und B2B-Terminen werden Aufgaben, Beiträge und mögliche Pilotstandorte abgestimmt.


Seme, Mayer, Haslauer, Ritter, Röck und Edlinger
© Lukas Elsneg Seme, Mayer, Haslauer, Ritter, Röck und Edlinger (v.l.)