Türkei: Suche nach der verlorenen Stabilität
Die Türkei liefert auch nach den Kommunalwahlen Superlative in Serie, was Inflation und Zinsniveau betrifft.
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Inflationsraten von 4,2 Prozent, ein Leitzinssatz von 4,5 Prozent: In der Türkei sorgen die österreichischen Werte wohl nicht einmal für ein müdes Lächeln. Zwischen Istanbul und Ankara ist man mit wirtschaftlichen Kennzahlen ganz anderer Dimension konfrontiert. Nachdem sich die Teuerungsrate zum Jahreswechsel noch knapp unter 65 Prozent gehalten hatte, stieg die Inflation im Jahresvergleich im März wieder auf knapp über 68 Prozent. Für Sommer wird ein Anstieg auf bis zu 80 Prozent nicht ausgeschlossen. Ein Rückfall in die ersten 2000er-Jahre, als vom Bosporus auch Raten um die 100 Prozent gemeldet wurden. Damals gelang eine Stabilisierung, die Wohlstandslücke schloss sich, ein Wachstumskurs führte bis 2013 zu einer Annäherung an den Westen. Das war einmal.
Die Lebenshaltungskosten sind zuletzt dramatisch gestiegen. Die türkische Lira ist auf rasanter Talfahrt, die Arbeitslosenrate liegt stabil bei über neun Prozent. Der vor der Präsidentschaftswahl im Mai vergangenen Jahres niedrig gehaltene Leitzinssatz ist binnen neun Monaten von 8,5 auf 50 Prozent geklettert. Im Wahlkampf wurden Gehälter und Pensionen drastisch erhöht.
Geholfen hat es der Regierung rund um Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nicht: Die größte Oppositionspartei CHP feierte bei den Kommunalwahlen Ende März prestigeträchtige Achtungserfolge und konnte sich in den fünf größten Städten gegen Erdogans AKP durchsetzen – noch dazu besonders deutlich in der Hauptstadt Ankara und in der politisch wichtigen 16-Millionen-Einwohner-Metropole Istanbul. Landesweit lag die AKP allerdings fast gleichauf mit der CHP. Die Pattsituation macht die Sanierung des bislang autokratisch geführten Staats nicht einfacher. Dazu kommen hohe Ausgaben für den Wiederaufbau nach dem verheerenden Erdbeben im Februar 2023 mit rund 520.000 zerstörten Haushalten und mehr als 50.000 Toten, die die Staatsverschuldung auf 33 Prozent trieben. „Wir befinden uns mitten in einer Kurskorrektur“, beruhigte zuletzt der türkische Finanzminister. Man ist um Schadenswiedergutmachung bemüht.
Plus bei Exporten
Entsprechende Signale Richtung Westen sind unübersehbar. Immerhin ist die EU wichtigste Exportdestination des „ewigen Beitrittskandidaten“ Türkei. Der Rückgang des Exportvolumens konnte zuletzt eingebremst werden. Zu den wichtigsten Exportwarengruppen gehören Kraftfahrzeuge, Maschinen sowie deren Bestandteile, Mineralöl-Erzeugnisse, Eisen und Stahl, Kunststoffprodukte und Bekleidung. Nach Österreich wurden zuletzt Waren im Wert von 2,8 Milliarden Euro exportiert – was einen leichten Rückgang bedeutet. Umgekehrt lieferte Österreich Waren um zwei Milliarden Euro in die Türkei – ein Plus von 12,3 Prozent.
Potential sieht der österreichischer Wirtschaftsdelegierte in Istanbul, Gerhard Lackner, insbesondere in den Bereichen grüne Technologien (erneuerbare Energie, Umwelt, Abfallwirtschaft) und Smart Cities, Verpackungsindustrie, Automobilindustrie, Energie, IT, chemische Industrie und beim Ausbau der Wintersportinfrastruktur. Chancen gebe es auch bei der anstehenden Modernisierung der türkischen Industrie und (Bio-)Landwirtschaft.
516 Euro beträgt seit Jahresbeginn der Mindestlohn: Er wurde um
49 Prozent angehoben.
68,5 Prozent Inflationsrate im März: Die Teuerungsrate nähert sich wieder dem Höchststand von über 80 Prozent Ende 2022.