Zum Inhalt springen
Helmenstein
© Foto Fischer

Wo die Wirtschaft weiter wächst

Die Wachstumszonen der Weltwirtschaft haben sich Richtung Äquator verlagert. Indien und Indonesien holen gegenüber den USA und China rasant auf, während Europa – und Österreich – nur langsam die Konjunkturkriechspur verlassen.

Lesedauer: 4 Minuten

Aktualisiert am 10.05.2024
Dieser Artikel ist älter als 90 Tage

Ein Wirtschaftswachstum von über drei Prozent? Davon kann man in Europa aktuell nur träumen. „Die Prosperitätsdynamik ist derzeit anderswo daheim“, verweist Ökonom Christian Helmenstein vor allem auf florierende Regionen nördlich und südlich des Äquators – ein Band, das sich wie ein „Wachstumsgürtel“ um den Globus spannt. So prognostiziert die OECD für Indien für heuer und kommendes Jahr ein Plus von 6,6 Prozent, für Indonesien jeweils mehr als fünf Prozent. Korea, Mexiko und Brasilien sollen demnach um zwei Prozent zulegen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) listet zudem noch Saudi Arabien – plus 2,6 Prozent (2024) bzw. plus sechs Prozent (2025) – und Nigeria (plus drei Prozent) auf. Dank Energie- und Kriegswirtschaft und trotz Sanktionen weiterhin im vorderen Feld liegt Russland mit – je nach Quelle – knapp unter zwei bis knapp über drei Prozent.

Im Schatten bleibt dagegen Afrika. Der gesamte Kontinent trägt nur zwei Prozent zum Welt-Bruttoinlandsprodukt bei, auch wenn seitens des IWF und der Weltbank den Ländern südlich der Sahara ein Wachstum von 3,3 auf  3,8 Prozent (2024) beziehungsweise 4,2 Prozent (2025) vorhergesagt wird. Das Ausgangsniveau ist aber zu niedrig, um globale Effekte spürbar werden zu lassen.

Indien? Ja, aber...  

Ein ähnliches Phänomen gilt für Indien. „Mit einem Anteil am Welt-BIP von 3,4 Prozent und enormem Wachstum ist das mittlerweile bevölkerungsreichste Land der Erde weit davon entfernt, als globale Konjunkturlokomotive zu funktionieren“, relativiert Helmenstein. Umgekehrt ist der Subkontinent zusammen mit China mit einem prognostizierten Wachstum von 4,9 Prozent (2024)  bzw. 4,5 Prozent (2025) und den USA (2,7 Prozent / 1,8 Prozent) aber eine tragende Säulen des internationalen Wirtschaftswachstums, das in den kommenden beiden Jahren damit auf knapp über drei Prozent getrieben wird. Angesichts der Vielzahl an Krisenherden beachtlich, im historischen Vergleich jedoch nicht viel – der Durchschnitt der letzten Jahre liegt bei 3,8 Prozent. 

Und Europa? Mit prognostizierten Zuwächsen von 0,8 (2024) beziehungsweise optimistischen 1,5 Prozent (2025) hinkt man deutlich hinten nach. Österreich ist da keine Ausnahme: Das WIFO sagt für heuer 0,2 und für kommendes Jahr 1,5 Prozent Wachstum voraus, das IHS 0,5 beziehungsweise 1,5 Prozent. Der IWF liegt mit seinen Erwartungen für Österreich für das laufende und kommende Jahr dazwischen.

Langsame Erholung  

„Europa ist jetzt gefordert sich neu zu positionieren“, mahnt Helmenstein. Während das weltwirtschaftliche Gewicht der USA schon in den letzten drei Jahrzehnten sukzessive abgenommen, sich mittlerweile durch eine Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik aber stabilisiert habe, mache Europa aktuell die Erfahrung schwindender Relevanz. Dazu kommt, dass die Konsumbereitschaft und Unternehmensinvestitionen auf den eigenen Märkten unter den anhaltenden Auswirkungen der hohen Energiepreise und erhöhten Zinsen leiden. 

Als Gesicht dieser Entwicklung gilt ausgerechnet Österreichs wichtigster Exportmarkt Deutschland, das auch 2024 unter den weltweit bedeutendsten Volkswirtschaften am schlechtesten abschneiden dürfte: Für heuer wurden die Prognosen bereits im ersten Quartal um 0,3 Prozentpunkte auf 0,2 Prozent nach unten revidiert, für kommendes Jahr rechnet man mit maximal 1,3 Prozent Wachstum. Durch die engen Verflechtungen des heimischen Außenhandels strahlt diese Entwicklung auch auf den österreichischen Markt und seine Unternehmen aus.  

Entspannung? Soll kommen – aber nur langsam. So erwartet die OECD einen sanften Aufschwung, der – nach dem Energiepreisschock und dank sinkender Inflation und gestiegener Realeinkommen – vom anziehenden Konsum der privaten Haushalte getragen werden soll. Für die Euro-Zone rechnet man so 2025 mit einem 1,5-Prozent-Plus.

Forschungssupermacht 

Der wachsende Druck auf den nordamerikanischen und europäischen Wirtschaftsraum spiegelt sich auch auf einer anderen wachstumsrelevanten Ebene wider: der Forschung. So hat im sogenannten „Nature“-Index, für den relevante wissenschaftliche Publikationen als Messgröße dienen, China erstmals die USA als produktivstes Wissenschaftsland an der Spitze abgelöst. „Unter den ersten zehn gelisteten Universitäten beziehungsweise Forschungsorganisationen sind bereits sieben aus China“, mahnte Patrick Cramer, Präsidenten der renommierten deutschen Max-Planck-Gesellschaft, kürzlich in Graz.