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FAQs zum Ingenieurgesetz (IngG) 2017

Ingenieur-Zertifizierungsverfahren für technische und gewerbliche Fachrichtungen

Lesedauer: 8 Minuten

26.06.2026
Antworten auf häufig gestellte Fragen zur Ingenieur-Zertifizierung nach dem Ingenieurgesetz 2017: Erfahren Sie alles über die Voraussetzungen, erforderliche Ausbildungsabschlüsse und Berufspraxis, die Antragstellung, das Fachgespräch sowie die Berechtigungen und Vorteile der Ingenieur-Qualifikation.

Formale Voraussetzungen

Voraussetzungen sind eine erfolgreich abgelegte Reife- und Diplomprüfung an einer HTL sowie eine anschließende, mindestens dreijährige, zur Ausbildung passende Berufspraxis. In dieser Zeit müssen die in der Ausbildung erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten angewandt, vertieft und erweitert worden sein.

Ja. Der ausländische Schulabschluss muss hinsichtlich Inhalt und Niveau mit dem Abschluss einer österreichischen HTL vergleichbar sein. Bei Abschlüssen vierjähriger ausländischer technischer Schulen sind zusätzlich zwei Externistenprüfungen erforderlich. Außerdem müssen mindestens drei Jahre fachbezogene Berufspraxis nach dem Abschluss nachgewiesen werden. Grundlage für die Beurteilung des ausländischen Schulabschlusses ist eine Bewertung des Bildungsministeriums. Weitere Informationen dazu gibt es unter www.asbb.at.

Ja. Voraussetzung ist, dass diese Abschlüsse in einer technischen Fachrichtung erworben wurden und diese einer HTL-Fachrichtung zugeordnet werden kann. Zusätzlich muss eine höhere Allgemeinbildung (z. B. Berufsreifeprüfung oder eine andere Matura) nachgewiesen werden. Ist der Abschluss in der betreffenden Fachrichtung dem NQR auf Niveau 5 oder höher zugeordnet, sind mindestens drei Jahre fachbezogene Berufspraxis erforderlich. Bei Abschlüssen ohne NQR-Zuordnung sind es mindestens sechs Jahre.

Auch mit einem technischen Lehrabschluss oder dem Abschluss einer technischen Fachschule ist eine Ingenieur-Zertifizierung möglich. Voraussetzung ist, dass die Ausbildung einer HTL-Fachrichtung zugeordnet werden kann. Zusätzlich sind eine höhere Allgemeinbildung (z. B. Berufsreifeprüfung oder eine andere Matura), zwei Externistenprüfungen an einer HTL und mindestens sechs Jahre fachbezogene Berufspraxis erforderlich. Welche Externistenprüfungen abzulegen sind, hängt von der Fachrichtung ab, in der die Ingenieur-Qualifikation angestrebt wird.

Ja. Voraussetzung ist, dass die Studienrichtung einer HTL-Fachrichtung zugeordnet werden kann sowie eine nach dem Studienabschluss erworbene, mindestens dreijährige fachbezogene Berufspraxis nachgewiesen wird.

Die Berufspraxis muss zum technischen Bildungsabschluss passen, nach dessen Erwerb absolviert worden sein und je nach Niveau des Abschlusses mindestens drei oder sechs Jahre umfassen. Das Beschäftigungsausmaß muss durchschnittlich mindestens 20 Wochenstunden betragen. Anrechenbar sind technische Aufgaben, die den Schwerpunkt der beruflichen Tätigkeit bilden, ebenso wie die Leitung eines technischen Unternehmens, Führungsaufgaben in einem technischen Bereich oder die hauptberufliche Vermittlung technischer Kompetenzen. Die Tätigkeit muss zudem anspruchsvolle technische Anforderungen und einen entsprechenden Handlungs- und Entscheidungsspielraum umfassen.

Ja. Für die Ingenieur-Zertifizierung zählt nur die Berufspraxis, die nach dem maßgeblichen technischen Bildungsabschluss erworben wurde. Sind Externistenprüfungen an einer HTL erforderlich, wird die Praxis erst ab deren erfolgreichem Abschluss gerechnet. Die höhere Allgemeinbildung (z. B. Berufsreifeprüfung) muss hingegen erst bei der Antragstellung vorliegen.

Bei unselbstständiger Beschäftigung sind die Dauer, das Wochenstundenausmaß und die Art der Berufspraxis durch eine Bestätigung des Arbeitgebers nachzuweisen. Ein Sozialversicherungsdatenauszug kann ebenfalls als Nachweis der Beschäftigungszeiten dienen. Bei selbstständiger Tätigkeit ist ein GISA-Auszug vorzulegen. Die fachbezogene Praxis ist darüber hinaus durch aussagekräftige Tätigkeitsbeschreibungen und Referenzprojekte zu dokumentieren. Bei Bedarf können weitere Unterlagen erforderlich sein.

Nein. Die erforderlichen Kompetenzen müssen erst im Laufe der Berufspraxis erworben werden. Entscheidend ist, dass sie zum Zeitpunkt des Fachgesprächs vorliegen und nachgewiesen werden können.

Antrag

Der Antrag ist bei einer vom Wirtschaftsministerium bestellten Zertifizierungsstelle einzureichen. Die Wirtschaftskammern haben in jedem Bundesland eine solche Stelle eingerichtet. Der Antrag muss grundsätzlich bei der Zertifizierungsstelle jenes Bundeslandes gestellt werden, in dem die antragstellende Person ihren Wohnsitz hat. Personen ohne Wohnsitz in Österreich können ihren Antrag bei jeder Zertifizierungsstelle in Österreich einreichen.

Bei den Ingenieur-Zertifizierungsstellen der WKO ist der Antrag online einzureichen. Eine Registrierung ist dafür nicht erforderlich.

Mit dem Antrag sind Nachweise über den Bildungsabschluss (z. B. HTL-Reife- und Diplomprüfungszeugnis) und die Berufspraxis (z. B. Arbeitgeberbestätigung, Sozialversicherungsdatenauszug) einzureichen. Außerdem ist eine Tätigkeitsbeschreibung erforderlich. In der Regel reichen eingescannte Unterlagen aus.Die Zertifizierungsstelle kann jedoch die Originaldokumente verlangen. Fremdsprachigen Dokumenten ist eine beglaubigte Übersetzung beizulegen.

Die Tätigkeitsbeschreibung ist ein selbst verfasster Bericht über die eigenen beruflichen Aufgaben und Projekte. Darin sollen die im Antrag angegebenen ingenieurmäßigen Tätigkeiten anhand konkreter Beispiele näher beschrieben werden. Wichtig ist, dass die eigenen Aufgaben und Verantwortlichkeiten erkennbar sind. Die Tätigkeitsbeschreibung ist kein Lebenslauf und auch kein Dienstzeugnis des Arbeitgebers bzw. der Arbeitgeberin. Sie muss in deutscher Sprache verfasst werden. Die Fachexpert:innen nutzen die Tätigkeitsbeschreibung, um sich auf das Fachgespräch vorzubereiten. Daher sollte sie einen möglichst guten Einblick in die berufliche Tätigkeit geben. Als Orientierung dienen die Leitfragen in der Richtlinie für Antragsteller:innen. Der Umfang sollte etwa drei bis fünf Seiten betragen.

Ja, für das Zertifizierungsverfahren ist eine Gebühr (Zertifizierungstaxe) zu bezahlen. Wird das Fachgespräch wiederholt, fallen zusätzliche Kosten an. Die Zertifizierungsstelle informiert darüber, wann und auf welches Konto die Gebühr zu überweisen ist.

Fachgespräch

Die Zertifizierungsstelle prüft, ob der Antrag vollständig ist und die formalen Voraussetzungen für die Ingenieur-Zertifizierung erfüllt sind. Ist dies der Fall, werden die Unterlagen an die beiden Fachexpert:innen der Zertifizierungskommission weitergeleitet. Diese stellen im Fachgespräch fest, ob die für die Ingenieur-Qualifikation erforderlichen Kompetenzen vorliegen.

Die Zertifizierungskommission besteht aus zwei Fachexpert:innen. Eine Person kommt aus der Unternehmenspraxis, die andere unterrichtet an einer HTL, Universität oder Fachhochschule. Für die einzelnen Fachrichtungen bzw. mehrere verwandte Fachrichtungen stehen entsprechend besetzte Kommissionen zur Verfügung.

Die Zertifizierungsstelle legt den Termin für das Fachgespräch fest und informiert die Antragsteller:innen mindestens einen Monat im Voraus über Zeit und Ort. Das Fachgespräch findet entweder online oder in Präsenz statt, üblicherweise in den Räumlichkeiten der Zertifizierungsstelle. Kann der Termin aus wichtigen Gründen (z. B. Krankheit oder gerichtliche Vorladung) nicht wahrgenommen werden, muss die Zertifizierungsstelle umgehend verständigt werden.

Das Fachgespräch ist ein Gespräch unter Fachexpert:innen und keine klassische Prüfung. Im Mittelpunkt stehen die Aufgaben und Projekte, die in der Tätigkeitsbeschreibung dargestellt wurden. Die Fachexpert:innen möchten erfahren, welche Kenntnisse und Fertigkeiten durch die Berufspraxis erworben bzw. vertieft wurden, wie anspruchsvoll die Aufgaben waren und wie selbstständig und eigenverantwortlich diese ausgeführt wurden. Es geht dabei nicht um die Abfrage von theoretischem Wissen. Vielmehr soll festgestellt werden, ob durch die Berufspraxis die für die Ingenieur-Qualifikation erforderlichen Kompetenzen auf NQR-Niveau 6 erworben wurden.

Das Fachgespräch dauert höchstens 45 Minuten.

Nein. Ob die fachlichen Voraussetzungen erfüllt sind, können nur die Fachexpert:innen der Zertifizierungskommission im Rahmen des Fachgesprächs feststellen. Eine Vorabbeurteilung durch die Zertifizierungsstelle ist daher nicht möglich.

Die beiden Mitglieder der Zertifizierungskommission sind gesetzlich zur Unparteilichkeit und Verschwiegenheit verpflichtet. Sie müssen bereits vor dem Fachgespräch sicherstellen, dass keine persönlichen oder beruflichen Interessenkonflikte bestehen. Antragsteller:innen können vor oder während des Fachgesprächs darauf aufmerksam machen, wenn bestimmte Informationen über ihre berufliche Tätigkeit vertraulich behandelt werden müssen.

Nein, das Fachgespräch muss auf Deutsch geführt werden.

Das Fachgespräch kann positiv oder negativ abgeschlossen werden. Ein positives Ergebnis liegt vor, wenn beide Fachexpert:innen übereinstimmend feststellen, dass die erforderlichen Kompetenzen für die Ingenieur-Qualifikation vorhanden sind. In diesem Fall wird die Ingenieur-Urkunde ausgestellt. Können die Fachexpert:innen diese Feststellung nicht treffen, ist das Ergebnis negativ und die Ingenieur-Qualifikation wird nicht verliehen.

Ja, das Fachgespräch kann einmal wiederholt werden. Wird auch beim zweiten Antritt kein positives Ergebnis erzielt, ist keine weitere Wiederholung möglich.

Berechtigungen und NQR

Mit dem Erwerb der Ingenieur-Qualifikation besteht das Recht, die Bezeichnung „Ingenieur“ bzw. „Ingenieurin“ oder die Abkürzung „Ing.“ bzw. „Ing.in“ vor dem Namen zu führen. Die Bezeichnung kann auch in amtliche Dokumente (z. B. Reisepass) eingetragen werden. Darüber hinaus darf auf die Zuordnung der Ingenieur-Qualifikation zum NQR-Niveau 6 hingewiesen werden.

Der Nationale Qualifikationsrahmen (NQR) umfasst acht Niveaus und macht Qualifikationen besser vergleichbar. Die Ingenieur-Qualifikation ist dem Niveau 6 zugeordnet. Das bedeutet, dass Ingenieur:innen über fortgeschrittene fachliche Kenntnisse und Fertigkeiten verfügen, komplexe Aufgaben selbstständig lösen und Verantwortung für ihre Arbeit und Entscheidungen übernehmen können. Die NQR-Zuordnung macht dieses Kompetenzniveau auch international besser verständlich und erleichtert die Vergleichbarkeit mit Qualifikationen in anderen europäischen Ländern.

Nein. Die Ingenieur-Qualifikation und ein Bachelor-Abschluss sind unterschiedliche Qualifikationen, auch wenn beide dem NQR-Niveau 6 zugeordnet sind.

Mit der Ingenieur-Qualifikation erwirbt man daher keinen Bachelor-Titel. Umgekehrt erhalten Absolvent:innen eines technischen Bachelor-Studiums auch keinen Ingenieurtitel.