Horizon Europe: Entscheidung über Europas Innovationskraft
Die Europäische Union (EU) verhandelt über ihr nächstes Forschungsbudget und damit auch über Europas Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit
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- Zur Vorbereitung der Verhandlungen über den nächsten EU-Haushalt unterstreicht der Draghi-Bericht (2024) Forschung und Innovation als Schlüssel für Europas Wettbewerbsfähigkeit. Der Heitor-Bericht (2024) konkretisiert diese Empfehlungen für das nächste Forschungsrahmenprogramm Horizon Europe und empfiehlt ein Budget von 220 Milliarden Euro.
- Die Europäische Kommission (EK) legt im Juli 2025 ihren Verordnungsvorschlag für Horizon Europe (2028–2034) mit einem Budget von 175 Milliarden Euro als Ausgangspunkt der Verhandlungen vor.
- Der ITRE-Ausschuss des Europäischen Parlaments (EP) orientiert sich in seinem Draft Report am Heitor-Bericht und fordert ebenfalls 220 Milliarden Euro. Nach mehreren hundert Änderungsanträgen soll bis September die Position des EP zum Verordnungsvorschlag beschlossen werden.
- Der Rat der Europäischen Union (Rat) hat im Juni 2026 mit einer Partial General Agreement (PGA) sein Verhandlungsmandat festgelegt.
- Im Spätherbst beginnen die Trilog-Verhandlungen zwischen EP, Rat und EK. Ziel ist eine politische Einigung über das nächste Forschungsrahmenprogramm.
Die EU verhandelt derzeit über die nächste große Weichenstellung ihrer Forschungs- und Innovationspolitik: das zehnte Forschungsrahmenprogramm Horizon Europe (FP10; 2028–2034). Während Expert:innen deutlich höhere Budgets fordern, liegen die Budgetvorstellungen der Institutionen noch auseinander.
Die EK schlägt 175 Milliarden Euro vor, das EP fordert 220 Milliarden Euro, während der Rat auf Basis von rund 168 Milliarden Euro verhandelt. Mit den anstehenden Trilog-Verhandlungen entscheidet sich, welchen Stellenwert Forschung und Innovation im künftigen EU-Haushalt erhalten und wie konsequent Europa seine Wettbewerbsfähigkeit stärken will.
Draghi und Heitor: Ein Weckruf für Europas Wettbewerbsfähigkeit
September 2024
Der von Mario Draghi vorgelegte Bericht zur Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit gab den Anstoß für die aktuelle Budgetdebatte. Draghi empfiehlt, das Budget des nächsten EU-Forschungsrahmenprogramms auf 200 Milliarden Euro anzuheben.
Europa investiere im internationalen Vergleich zu wenig in Forschung, Entwicklung und die wirtschaftliche Verwertung neuer Technologien. Forschung und Innovation müssten daher deutlich stärker priorisiert werden, wenn Europa technologisch souverän und wettbewerbsfähig bleiben wolle.
Oktober 2024
Die unabhängige Expertengruppe unter Leitung des ehemaligen portugiesischen Wissenschaftsministers Manuel Heitor legte ihren Bericht Align, Act, Accelerate vor. Sie empfiehlt ein Budget von 220 Milliarden Euro für Horizon Europe. Hintergrund ist die anhaltende Unterfinanzierung exzellenter Projekte.
Laut EK konnten zwischen 2021 und 2024 lediglich 30,1 % der qualitativ hochwertigen Projektanträge gefördert werden; für die Finanzierung aller exzellent bewerteten Vorhaben wären zusätzlich rund 81,8 Milliarden Euro erforderlich gewesen. Neben einer Budgetaufstockung fordert der Bericht vereinfachte Verfahren, einen besseren Zugang für Unternehmen und KMU sowie die Beibehaltung eines eigenständigen Horizon Europe mit klarer Governance und Exzellenzprinzip.
Vorschlag der Europäischen Kommission: 175 Milliarden Euro als Ausgangspunkt
Juli 2025
Die EK präsentierte am 16. Juli 2025 ihren Legislativvorschlag für das zehnte Forschungsrahmenprogramm 2028–2034 (FP10). Vorgesehen ist ein Budget von 175 Milliarden Euro. Horizon Europe soll als eigenständiges Programm mit eigenem Budget und eigener Governance bestehen bleiben, gleichzeitig, aber enger mit dem neuen European Competitiveness Fund (ECF) verzahnt werden.
Ziel ist es, die Innovationskette von der Grundlagenforschung bis zur Markteinführung besser miteinander zu verbinden. Ergänzend setzt die EK auf vereinfachte Förderverfahren, digitale Prozesse und eine stärkere strategische Ausrichtung auf Zukunftstechnologien.
Parlament bereitet seine Position vor – Rat legt Verhandlungsmandat fest
März 2026
Der Berichterstatter Christian Ehler legte im ITRE-Ausschuss seinen Draft Report zum Verordnungsvorschlag der EK vor. Der sogenannte Ehler Report fordert ein Budget von 220 Milliarden Euro für Horizon Europe und greift damit die Empfehlungen der Draghi- und Heitor-Berichte auf. Forschung und Innovation werden als zentrale Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und technologische Souveränität Europas hervorgehoben.
Im Frühjahr 2026 brachten zudem die Mitglieder des EP mehrere hundert Änderungsanträge ein. Bis September soll ein Kompromiss ausgearbeitet werden. Die Abstimmung im ITRE-Ausschuss ist für den 10. September vorgesehen, die Plenarabstimmung des EP Anfang Oktober.
Juni 2026
Auch der Rat erzielte eine Partial General Agreement (PGA) und verfügt damit über sein Verhandlungsmandat für die Trilog-Verhandlungen mit EP und EK. Die erste Budgetposition der zyprischen Ratspräsidentschaft sieht rund 168 Milliarden Euro für Horizon Europe vor. Das entspricht zwar einer deutlichen Steigerung gegenüber dem laufenden Programm, bleibt jedoch sowohl unter dem Vorschlag der EK als auch deutlich unter den Forderungen des EP und der Expert:innen. Dahinter steht der Zielkonflikt zwischen höheren Zukunftsinvestitionen und der Begrenzung des EU-Gesamthaushalts.
Wie geht es weiter? Entscheidung über Europas Innovationskraft
Mit einer möglichen Verabschiedung seiner Position im September 2026 verfügt dann auch das EP über sein Verhandlungsmandat. Anschließend können die Trilog-Verhandlungen zwischen EP, Rat und EK – voraussichtlich Mitte bis Ende Oktober – beginnen.
Noch offen ist, ob das EP unmittelbar in die Verhandlungen einsteigt oder zunächst die politische Einigung der Staats- und Regierungschefs über den nächsten Mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) abwartet, die bis Ende des Jahres 2026 erwartet wird. Das neue Forschungsrahmenprogramm soll am 1. Jänner 2028 in Kraft treten.
Position der WKÖ
Die WKÖ begleitet die Verhandlungen mit einer klaren Position. Bereits 2024 hat sie ihre Forderungen zur Weiterentwicklung von Horizon Europe formuliert und diese im Frühjahr 2026 im Lichte des Verordnungsvorschlags der EK bekräftigt. Demnach muss Horizon Europe auch künftig ein eigenständiges, exzellenzorientiertes Forschungsrahmenprogramm mit ausreichender finanzieller Ausstattung bleiben. Ein Budget von rund 200 Milliarden Euro wäre aus Sicht der WKÖ ein wichtiger Schritt, um Europas und Österreichs Innovationspotenzial besser auszuschöpfen.
Die stärkere Verzahnung mit dem ECF wird begrüßt, sofern die bewährten Stärken von Horizon Europe erhalten bleiben und eine klare Arbeitsteilung entlang der gesamten Innovationskette sichergestellt ist: Horizon Europe soll exzellente Forschung und Innovation fördern, der ECF Demonstration, Markteinführung und Scale-up unterstützen. Fördermittel müssen dabei weiterhin nach Exzellenz, Impact und europäischem Mehrwert vergeben werden.
Wie die WKÖ jüngst auch in einem gemeinsamen Policy Brief mit der FFG klargestellt hat, ist eine deutliche Vereinfachung des Programmzugangs ebenso entscheidend. Weniger Bürokratie, verstärkte Nutzung von Lump-Sum-Finanzierungen, schnellere Förderentscheidungen, digitale Verfahren und einheitlichere Förderregeln sollen insbesondere KMU die Teilnahme an europäischen Forschungs- und Innovationsprogrammen erleichtern.
Für Österreich besitzt Horizon Europe hohe wirtschafts- und standortpolitische Bedeutung. Unternehmen und Forschungseinrichtungen zählen seit Jahren zu den erfolgreichsten Teilnehmern des Programms. Europäische Forschungsförderung stärkt internationale Kooperationen, erleichtert den Zugang zu neuen Technologien und schafft die Grundlage für Innovation, Wachstum und Beschäftigung.
Daher gilt
Forschung und Innovation dürfen im nächsten EU-Haushalt nicht dem Spardruck zum Opfer fallen. Ein ambitioniertes Horizon Europe ist eine Investition in Europas Wettbewerbsfähigkeit und in die Zukunft des Wirtschafts- und Innovationsstandorts Österreich.