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Frau sitzt hinterm Laptop
© SOFIKO14/STOCK.ADOBE.COM

Wie Steirer mental gesund im Job bleiben

Der Arbeitsalltag kann sowohl für Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer manchmal psychisch belas­tend sein. Steirische Unternehmen bieten Hilfe an.

Lesedauer: 5 Minuten

Aktualisiert am 09.10.2023

Es ist noch immer ein Tabu und betrifft doch alle: Psychische Belastungen nehmen seit Jahren zu. Rund 40 Prozent der Österreicher waren oder sind im Laufe ihres Lebens von einer psychischen Erkrankung betroffen. 900.000 Menschen suchten sich 2022 professionelle Hilfe, so die aktuelle Datenlage der österreichischen Sozialversicherung. Auch im Job nehmen psychische Beschwerden und daraus folgende Erkrankungen zu. 

Gemäß einer Erhebung von Statistik Austria gehören starker Zeitdruck, der Umgang mit herausfordernden Klienten sowie emotional schwierige Interaktionsarbeit innerhalb eines Unternehmens zu den gängigsten Belastungsfaktoren. Für Unternehmen hat das Folgen: Mental belastete Mitarbeiter werden um 50 Prozent schneller krank als gesunde Menschen. Im Jahr sind das gut drei zusätzliche Fehltage pro Person.  

Mit Kreativität dem Stress entgegenwirken

Prävention ist somit angesagt. Wie das aussehen kann, zeigt das Grazer Startup artSIP, welches  man sich als ein „Fitnessstudio für Kreativität“ vorstellen kann. Gegründet wurde das Unternehmen 2021 von Jürgen Neubauer und Jasmin Dhanani. „Wir kommen beide aus dem Bereich des Innovationsmanagements. Uns fiel auf, dass viele Unternehmen ihren Mitarbeitern kostenlose Sportmöglichkeiten zum Ausgleich vom Berufsalltag anbieten. Doch nicht jeder mag Sport. Viele Menschen wollen sich künstlerisch ausleben. Nachdem wir selbst einmal einen kreativen Workshop gemacht haben, haben wir gemerkt, welch positiven Effekt das auf unsere Psyche hatte. Das war der Anstoß, artSIP zu gründen.“ 

Jasmin Dhanani und Jürgen Neubauer, Gründer vor artSIP
© artSIP Jasmin Dhanani und Jürgen Neubauer, Gründer von artSIP

Die meisten unserer Kunden sind zwischen 25 und 40 Jahre alt und arbeiten in wissensbasierten und hektischen Jobs. Mit den Kursen können sie effektiv Stress abbauen, wodurch die geistige Gesundheit gestärkt wird.

Das Konzept ist einfach erklärt: Die appbasierte Plattform bietet Nutzern Zugang zu diversen Grazer Kunst- und Handwerks­projekten im Mini-Workshopformat. Ob Impro-Schauspiel, Aktmalen, Töpfern oder Gewürzmischen – alle Kurse   können ab sieben Tagen bis zu einer Stunde vor Beginn der Veranstaltung über die Plattform gebucht werden. Das kommt vor allem bei jungen Berufstätigen gut an: „Die meisten unserer Kunden sind zwischen 25 und 40 Jahre alt und arbeiten in wissensbasierten und hektischen Jobs. Mit den Kursen können sie effektiv Stress abbauen, wodurch die geistige Gesundheit gestärkt wird“, erzählt Neubauer. Auch immer mehr Unternehmen wissen die Plattform zu nutzen. So stellen Joanneum Research, das Universalmuseum Joanneum oder die Steiermärkische Sparkasse Mitarbeitern artSIP-Kurse zur Verfügung. 

Auf artSIP werden verschiedene Kreativworkshops angeboten. Töpfern gehört zu einem der beliebtesten.
© artSIP Auf artSIP werden verschiedene Kreativworkshops angeboten. Töpfern gehört zu einem der beliebtesten.

Doch nicht immer kann präventiv gehandelt werden. Also was tun, wenn psychische Belas­tungen bereits da sind? Bernadette Frech, Geschäftsführerin des Grazer Start-ups Instahelp, weiß Rat. Ihr Unternehmen bietet bei Alltagsproblemen, wie Überarbeitung, depressive Verstimmungen, Schlafstörungen, aber auch bei Problemen in der Partnerschaft, online Hilfe an. „Wir sind eine Plattform, auf der Klienten unkompliziert eine umfassende psychologische Beratung bekommen.  Unsere Vision ist es, Menschen mental stark zu machen. Dazu arbeiten wir mit 260 klinischen und Gesundheitspsychologen zusammen“, erklärt Frech. Mit Instahelp schafft sie es gemeinsam mit ihrem Team, eine Lücke im Gesundheitssystem zu schließen, denn die Wartezeiten für  einen regulären Therapieplatz in Österreich sind lang. Bei Instahelp erhält man hingegen unkompliziert Soforthilfe.

Bernadette Frech
© instahelp Bernadette Frech, CEO instahelp

Sowohl den Psychologen als auch den Zeitpunkt der Beratung können sich Nutzer der App individuell aussuchen. Nach einer ersten Anfrage meldet sich der Psychologe innerhalb von 24 Stunden beim Nutzer. Die weiteren Beratungen erfolgen je nach Vorliebe per Chat oder Videokonferenz.  

Ziel: Mental gesunde Unternehmen

Zunächst nur für Privatpersonen gedacht, ermöglichen mittlerweile auch immer mehr Firmen und Organisationen ihren Mitarbeitern kostenlosen Zugang zu Instahelp-Beratungen. „Immer mehr Unternehmen haben ein Interesse daran, mental gesund zu sein, und sehen psychisch starke Mitarbeiter als Chance“, sagt Frech. Das Konzept scheint aufzugehen. Die App ist in mittlerweile fünf Ländern verfügbar. Beratungen werden in 13 Sprachen angeboten.

Ähnliche Erfahrungen wie Bernadette Frech hat auch Hermann Krottenmaier gemacht. Vor 20 Jahren gründete er in St. Marin im Sulmtal die Mentalakademie Europa und coacht seitdem gemeinsam mit seinem Team Führungspersonen und Mitarbeiter. „Viele Firmen buchen uns, weil sie eine hohe Fluktuation an Beschäftigten haben. Wir sehen uns an, wie man Mitarbeiter gesund ins Unternehmen integrieren und gemeinsam mit Führungskräften mental stärken kann“, verrät der Mentalcoach. Gearbeitet wird in Gruppensettings und Einzeltrainings. Der Vorteil für Führungskräfte? „Sie profitieren von gesunden, zufriedenen und agil agierenden Mitarbeitern“, ist Krottenmaier überzeugt. 

Hermann Krottenmaier
© Mentalakademie Europa Krottenmaier arbeitet in Einzeltrainings und Gruppensettings.
Hinweis
Die Gesundheit österreichischer Erwerbstätiger in Zahlen:

- 13,4 Prozent der Erwerbstätigen im Alter von 15 bis 74 Jahren hatten im Jahr 2020 mit arbeitsbedingten Gesundheitsproblemen zu kämpfen.

- 5,7 Millionen Krankenstandsfälle wurden 2022 in Österreich verzeichnet. Das ist eine Zunahme um 36,1 % im Vergleich zu 2021.

9,4 Tage betrug 2022 die durchschnittliche Dauer eines Krankenstandes. Das ist um 8,7 % weniger als noch im Vorjahr.

- 11,4 Prozent der Krankenstandstage 2021 in Österreich können auf psychische Erkrankungen zurückgeführt werden.

2,2 Prozent des österreichischen Bruttoinlandsprodukts machten die Kosten der krankheitsbedingten Fehlzeiten 2021 aus.

- 3,6 Millionen Tage waren ÖGK-Versicherte im Jänner 2023 insgesamt im Krankenstand. Das sind 1,4 Millionen Tage weniger als im Jänner 2022.