Rauf auf den Berg mit Kniff
Herbstzeit ist Wanderzeit. In der Steiermark boomt der Sport wie schon lange nicht mehr und eröffnet neue Geschäftsfelder.
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Die Jause ist gepackt und die Route geplant: Ein paar Höhenmeter wollen an lauen Herbsttagen viele machen. Laut Steiermark Tourismus werden in der Grünen Mark von September bis November rund eine Million Gäste erwartet – viele davon Wanderer. Damit sind die Herbstankünfte seit 2015 um knapp 46 Prozent gestiegen.
Auch Silvia Sarcletti und Elisabeth Zienitzer schnüren mehrmals die Woche ihre Wanderschuhe. Statt ins Büro geht es für die beiden Unternehmerinnen aus Knittelfeld oftmals auf den Berg. Mit Erholung hat das allerdings wenig zu tun: Das Wandern haben die Geographin und Bergwanderführerin zu ihrem Job gemacht. 2007 organisierten sie erste Themenwanderungen in Österreich und darüber hinaus. Mit Corona kam jedoch die Zäsur: „Wandern hat während der Pandemie geboomt, gemeinsame Reisen waren jedoch unmöglich. Also stellten wir uns mit unserer 2013 gegründeten Wanderagentur ‚Weges‘ neu auf“, erzählt Zienitzer. Seitdem bieten sie für ihre Auftraggeber – meistens Gemeinden oder Tourismusregionen – ein Rundum-Paket an. Anstatt geführte Wanderungen mit Gruppen zu organisieren, entwickeln sie nun Wanderrouten und Beschilderungskonzepte, erstellen mit Kartografen Wanderkarten, fotografieren und filmen ihre Touren und teilen sie auf Social Media oder in Publikationen. Die Nachfrage ist groß: „Wandern ist ein zeitloser Trend. Aktuell boomen vor allem kürzere Wanderungen mit Einkehrmöglichkeiten – sogenannte Slow Trails – und Genusswanderungen. Stets wichtiger wird der Erholungsaspekt. Immer mehr Menschen nutzen das Wandern als eine Art Digital Detox“, erzählt Sarcletti.
Die Wanderlust spült aber auch Geld in die Kassen. Laut Schätzungen des Verbands der Sportartikelerzeuger und Sportartikelhändler Österreich (VSSÖ) wird sich der heurige Gesamtumsatz mit Outdoor- und Wanderausrüstung in Österreich auf 600 Millionen Euro belaufen. Allein für Zubehör dürften in Österreich heuer 85 Millionen Euro ausgegeben werden – vermutlich auch für das ein oder andere Produkt aus der Steiermark. Denn gerade in Sachen Wandergadgets zeigt man sich in der Grünen Mark besonders einfallsreich. Die Bandbreite reicht von Smartphone-Sicherungen über Rucksäcke mit integrierten Solarpaneelen bis zu beheizter Wanderkleidung und digitalen Tourenbüchern – inklusive Notfallverständigung (mehr dazu siehe weiter unten).
Helfer für unterwegs
Auch für die beiden Outdoorprofis Silvia Sarcletti und Elisabeth Zienitzer ist eine gute Wanderausstattung das A und O. Was immer in ihren Wanderrucksack mit hinein muss? „Eine faltbare Sitzunterlage, ein Mikrofaserhandtuch, ein Einwegponcho – falls man vom Regen überrascht wird – und eine Powerbank sind bei uns Pflichtprogramm. Gerade am Berg sollte man nicht ohne Handyakku bleiben. Jetzt im Herbst darf auch eine Stirnlampe nicht fehlen“, erzählen die beiden Expertinnen.
Doch mit dem Packen des Rucksacks ist es noch nicht getan. Gerade im Herbst gilt es aufgrund des kühleren Wetters die Tourenplanung anzupassen: „Viele Menschen sehen Bilder von schönen Wanderhotspots auf Social Media und wollen dann selbst dorthin. Was einige allerdings nicht mitbedenken, ist, dass sich die Wetterverhältnisse in der Zwischenzeit geändert haben könnten.“ Sarcletti und Zienitzer raten, sich vorab auch abseits von Instagram und Co. über die aktuellen Bedingungen zu informieren. Aktuell sind Schneefälle in höheren Lagen keine Seltenheit. Und auch auf die Selbsteinschätzung kommt es an: „Wir sagen immer: Das Ziel muss nicht immer erreicht werden. Beim Wandern braucht es nicht nur eine gute Grundkondition, sondern auch die Tagesverfassung muss stimmen.“ Hört man auf seinen Körper und ist auch mit ausreichend Proviant ausgestattet, steht dem Wandervergnügen aber nichts im Weg – sind sich die Expertinnen sicher.
Im Studentenzimmer erfunden, auf dem Mount Everest erprobt
Alles begann mit einem Missgeschick: Der Grazer Lukas Watzinger wollte 2018 während einer Wanderung ein Foto machen, doch aus dem Bild wurde nichts. Das Smartphone fiel dem damaligen TU-Studenten aus der Hand. Damit das nicht noch einmal passiert, tüftelte er in seinem Studentenzimmer an einer patentierten Handysicherung und erfand „Reeloq“. Das Prinzip: Das System wird mit einem Klettverschluss oder Clip auf Brusthöhe am Rucksackgurt befestigt. Ein ausziehbarer Seilzug hält über einen Karabiner einen flachen Adapter, der fest in der eigenen Handyhülle eingeklemmt ist. Dieser sperrt, sobald das Seil ausgezogen wird. 2020 startete der Verkauf. Heute hat Lukas Watzinger über 250.000 Kunden in über 30 Ländern.
Wanderungen im digitalen Tourenbuch einfach festhalten
Der Schladminger Peter Höflehner ist gerne am Berg. Doch genauso wie das Wandern begeistert ihn auch Technik. 2012 entwickelte er SummitLynx – eine kostenlose Bergsteiger-App mit einer weltweiten Gipfeldatenbank. Mit der App werden alle erreichten Ziele – egal ob Gipfel, Hütten oder Aussichtspunkte – über GPS erkannt und für die Chronik im digitalen Tourenbuch festgehalten. Zusätzlich werden Statistiken über bisherige Touren erstellt. Daneben lassen sich mit der App auch digital Wandernadeln in über 100 Tourismusregionen in Österreich, Deutschland und Südtirol per Smartphone sammeln. Besonders hilfreich: Mit der Funktion mySOS werden Notfallkontakte bei nicht eingehaltenen Rückkehrzeiten automatisch kontaktiert.
Kälteeinbrüchen mit beheizter Kleidung entgegenwirken
In den Morgen- und Abendstunden ist es kalt, tagsüber hingegen mild – keine Frage: Die Temperaturskala im Herbst ist weit gefasst. Wer es auf seinen Touren wohlig warm haben will, ist bei der Firma „Alpenheat“ in Hausmannstätten richtig. Ob Weste, Hose oder Socken: Das Unternehmen ist seit 1993 auf beheizte Kleidung spezialisiert. Die Wärme wird durch dünne, in die Kleidung eingearbeitete Heizelemente über mehrere Stunden abgegeben. Die Kleidung verfügt über mehrere Heizstufen, die mittels einer eigenen App oder direkt am Controller am Kleidungsstück reguliert werden können. Ist es warm genug, kann die atmungsaktive Kleidung auch ohne Einschalten der Heizung getragen werden.
Sonnenstrom mit dem eigenen Rucksack erzeugen
Ein Rucksack ist beim Wandern unverzichtbar. Der Grazer Stefan Ponsold dachte den Rucksack neu und erfand 2010 den „Sunnybag“ – einen mit Solarpaneelen und Akku ausgestatteten Rucksack. Mit den Solarzellen wird Sonnenlicht in elektrische Energie umgewandelt. So lassen sich mobile Geräte wie Smartphones, Tablets, Laptops oder Kameras überall aufladen. 2023 ging Ponsold noch einen Schritt weiter und entwickelte eine eigene Powerstation-Serie, mit der sich sogar Kühlboxen und Camping-Bedarf betreiben lassen. Neben im Rucksack fix verbauten Paneelen verkauft Sunnybag auch einzelne Solar-Ladegeräte in unterschiedlichen Größen, die an dem eigenen Rucksack befestigt werden können.