Filmdreh
© Mediapool

Raus aus der Personalnot mit Social Media

Der Arbeitskräftemangel hat Österreich noch immer fest im Griff. Wie man bei der Mitarbeitersuche dennoch erfolgreich sein kann, zeigen zwei steirische Unternehmen.

Lesedauer: 4 Minuten

Aktualisiert am 22.09.2023

Viele offene Stellen, wenig Personal: Egal ob im Tourismus, in der Baubranche oder im Gesundheits- und Sozialwesen, Arbeitskräfte werden im ganzen Land gesucht. Laut aktuellem Austrian Business Check des KSV1870 bereitet der Personalmangel rund 58 Prozent der österreichischen Unternehmen Kopfzerbrechen. Besonders dramatisch gestaltet sich die Lage in der Industrie, wo sieben von zehn Betrieben über fehlende Mitarbeiter klagen, trotz steigender Arbeitslosenzahlen. 15.054 offene Stellen zählt das AMS in der Steiermark. Arbeitssuchende bleiben jedoch wählerisch. Heute gilt in vielen Branchen: Nicht wer einen Job vergibt, sondern wer einen Job sucht, hat die Qual der Wahl. Als Arbeitgeber reicht es daher schon längst nicht mehr,  bloß Stellenanzeigen zu schalten und auf Bewerbungen zu warten. Eine neue Strategie muss her. 

Betrieb mit 17 Millionen Followern

Das wissen auch die Unternehmer Surya und Martin Herischko, die mit ihrer Firma aktuell viral gehen. 2021 gründeten sie in Bad Schwanberg, im Bezirk Deutschlandsberg, die Dachdeckerei und Spenglerei „Proaktiv Dach“. Der Start war alles andere als einfach. Die Suche nach Mitarbeitern gestaltete sich in einem Bezirk mit 35 Dachdeckerbetrieben schwierig.

Um sich von der Konkurrenz abzugrenzen und um Bekanntheit zu erlangen, entschied man sich für einen Auftritt in sozialen Netzwerken. „Unser oberstes Ziel war es, das Handwerk des Dachdeckers zu attraktivieren und unser Unternehmen imagetechnisch nach vorne zu bringen. Dafür haben wir uns mit einer Agentur zusammengesetzt und ein Jahr lang unsere Zielgruppe studiert. Am 1. Jänner 2023 haben wir als Firma unseren Social- Media-Auftritt auf Facebook, Instagram und TikTok gestartet. Das ist einzigartig in unserer Branche“, erzählt Surya Herischko stolz.

Surya und Martin Herischko
© Proaktiv Dach Die Geschäftsführer von Proaktiv Dach Surya und Martin Herischko


Bespielt werden die Kanäle mit Videos und Fotos, die Social-Media- Nutzern einen Blick hinter die Kulissen des Dachdeckerbetriebs geben. Zuständig für die Inhalte ist die studierte Innovationsmanagerin Surya Herischko. „Was in den Videos gezeigt wird, überlege ich mir selbst. Die Mitarbeiter stehen in jedem Video im Fokus. In manchen erklären sie eine Dachdeckertätigkeit, in einem anderen sieht man sie lediglich bei der Arbeit und in wiederum anderen machen sie einfach etwas Lustiges oder stellen aktuelle Trendvideos nach. Es ist eine bunte Mischung.“ Gedreht, produziert und ausgespielt werden die Videos von einer Agentur. Doch auch Surya Herischko selbst greift manchmal zu Kamera und Smartphone.

Den Followern gefällt’s. Während des bereits neun Monate andauernden Social-Media-Auftritts hat das Unternehmen bereits über 17 Millionen Aufrufe generiert. Darunter finden sich auch immer wieder potenzielle Arbeitskräfte. Pro Woche bekomme das Unternehmen mittlerweile rund vier Bewerbungen zugeschickt. Allein dieses Jahr konnten bereits sechs Mitarbeiter eingestellt werden. 

Jobwerbevideos für 350 Unternehmen

Was die Firma „Proaktiv Dach“ im Kleinen macht, macht der aus Kärnten stammende Unternehmer Florian Semmler seit 2015 im Großen. Seine Firma „Mediapool“ mit Sitz in Graz und Klagenfurt ist auf Mitarbeitergewinnung spezialisiert. „Wir entwickeln und produzieren Image- und Jobwerbevideos. In diesen fokussieren wir uns auf die Darstellung des Unternehmens. Die fertigen Videos werden dann über verschiedene Kanäle ausgespielt. Stelleninserate sind dadurch nicht mehr nötig“, erklärt Semmler.

Florian Semmler
© Mediapool Florian Semmler

Ungefähr 50 Prozent der arbeitenden Menschen im deutschsprachigen Raum wären dazu bereit, ihren Arbeitgeber zu wechseln. 


Gerade in den letzten beiden Jahren erlebt sein Unternehmen einen regelrechten Auftragsboom. Mit seinen 22 Mitarbeitern hat er schon für 350 Unternehmen in Österreich und Deutschland Videos produziert. Neben vielen kleineren Firmen zählen auch einige große Namen wie DHL, Hilton, SOS Kinderdorf oder die Volksbank zu den Auftraggebern. Für Semmler kein Wunder: „Schaltet man ein Inserat über das AMS oder eine Jobplattform, wird man nur jene Menschen erreichen, die aktiv nach einem Job suchen. Das Potenzial ist jedoch weitaus größer. Ungefähr 50 Prozent der arbeitenden Menschen im deutschsprachigen Raum wären grundsätzlich dazu bereit, ihren Arbeitgeber zu wechseln. Sie versuchen wir mit unseren Videos und den richtigen Botschaften zu erreichen.“ 

Authenzität als Schlüssel für medialen Erfolg

Um jedes Unternehmen von der besten Seite zu präsentieren, brauche es ein ausgeklügeltes System und viel Vorarbeit. Zunächst macht sich das Team von „Mediapool“ daran, festzustellen, welche Vorzüge das auftraggebende Unternehmen potenziellen Mitarbeitern bieten könnte. Danach werden Vorabgesprächen mit Beschäftigten und der Geschäftsführung geführt und schließlich ein Konzept erstellt. Erst dann reist das Drehteam zum Auftraggeber und dreht einen Tag lang verschiedene Szenen sowie Interviews mit Mitarbeitern und der Geschäftsführung. Dabei gehe es vor allem um Authentizität. Der Betrieb könne ungehindert weiterlaufen.

Von der Auftragsvergabe bis zum fertigen Video und der ersten eingehenden Bewerbung vergehen in der Regel rund vier bis fünf Wochen. „Wir arbeiten mit Erfolgsgarantie. Das hat natürlich seinen Preis. Mit einem vierstelligen Betrag muss man bei uns schon rechnen, jedoch sollte sich jedes Unternehmen fragen, was es kostet, eine Stelle nicht zu besetzen“, sagt Semmler.



Die wichtigsten Social Media Kanäle für Unternehmen

YouTube: Knapp 5,8 Millionen Menschen in Österreich nutzen YouTube. Für Unternehmen interessant: Produkt-Reviews und Anleitungen sowie Video-Blogs gehören zu den beliebtesten Formaten. 

Facebook: Nach YouTube ist Facebook das meistgenutzte soziale Netzwerk Österreichs. Unternehmen können neben Text-, Bild- und Videobeiträgen direkt mit ihrer Zielgruppe kommunizieren und Beiträge bewerben. 

Instagram: Beliebt ist Instagram vor allem bei jungen Menschen unter 35. Bilder und Videos werden als Timeline oder sogenannte „Story“ geteilt. Diese sind nur 24 Stunden lang sichtbar.  

LinkedIn: LinkedIn ist ein Karrierenetzwerk. Unternehmen können es unkompliziert bei der Personalsuche einsetzen, aber auch zum Knüpfen von nationalen und internationalen Geschäftsbeziehungen nutzen.  

TikTok: Wer auf TikTok unterwegs ist, spricht eine junge Zielgruppe an. Die meisten Nutzer sind zwischen 16 und 24 Jahre alt. TikTok funktioniert ähnlich wie Instagram. Anstatt Fotos werden aber kurze Videos geteilt.  

X: X (vormals Twitter) ist ein Kurznachrichtendienst. Die Nachrichten sind auf 280 Zeichen limitiert. Daneben können auch Fotos und Videos geteilt werden. In Österreich wird X von rund 705.000 Personen genutzt.