Stürmische Kulisse für die Herbstlohnrunde
Hohe Inflation, eine einbrechende Konjunktur und ein starres Korsett heizen die diesjährigen Kollektiv-vertragsverhandlungen zusätzlich an. Nun liegen Reformvorschläge am Tisch.
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Es gab schon einmal leichtere Rahmenbedingungen für Kollektivvertragsverhandlungen. Eine massive Teuerungswelle, die den Konsum lähmt, eine Rezession in der Industrie, die sich auf andere Sektoren auszubreiten droht, nur langsam abklingende Nachwehen aus den Pandemiejahren – Stichwort Rohstoffverknappung und Lieferkettenengpässe – und ein Krieg vor der Haustüre der EU, der die politische Stabilität der Staatengemeinschaft nachhaltig gefährdet. Wachstumsaussichten sind derzeit Mangelware.
Vor diesem düsteren Hintergrund haben kürzlich die diesjährigen Lohnverhandlungen zwischen Vertretern der Arbeitgeberseite und der Gewerkschaft begonnen, traditionellerweise mit der Metallindustrie. „Die gegenwärtigen Konjunkturdaten geben nur wenig Spielraum“, stellt Christian Knill gleich vorab klar. Man könne nur das verteilen, was auch erwirtschaftet wird, so der Steirer, Chefverhandler der Arbeitgebervertreter der Metalltechnischen Industrie – mit rund 137.000 Beschäftigten der größte Metallerverband. Das hier ausverhandelte Ergebnis hat meist Signalwirkung für andere Branchen.
Kaufkraft vs. Inflation
Als relevante Ausgangsbasis für die Verhandlungen gilt die Inflationsrate der letzten zwölf Monate. Sie lag bei 9,6 Prozent, die Gewerkschaft legte ihre Forderungslatte auf plus 11,6 Prozent. Zum Vergleich: Im Vorjahr gab es eine Inflation von 6,4 Prozent, die Erstforderung betrug 10,6 Prozent, am Ende einigte man sich auf ein Plus von 7,4 Prozent.
Die Warnungen von Unternehmervertretern vor zu hohen Abschlüssen sind heuer besonders laut. Zum einen ist vielfach die Auftragslage eingebrochen, zum anderen drückt die im EU-Vergleich hohe (über die Energiepreise teils importierte) Inflationsrate in Österreich die Konkurrenzfähigkeit der exportorientierten heimischen Wirtschaft zusätzlich. Ökonomen wie Fiskalratspräsident Christoph Badelt sprechen von einem „Dilemma“. Steigen die Löhne zu stark, bremst das die Produktivität und gefährdet die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen – und damit in weiterer Folge die heimischen Arbeitsplätze. Andererseits erhöhe ein Ausgleich der Reallohnverluste die Kaufkraft und stimuliere die Konsumbereitschaft.
Hohe Lohnabschlüsse schwächen exportorientierte Branchen gegenüber den Mitbewerbern im Ausland.
Christian Knill
Industrie-Verhandler
Versuche und Vorschläge zur Entspannung der heiklen Kompromisssuche liegen einige am Tisch. Tatsächliche Änderungen gab es aber noch keine. So drängt die Arbeitgeberseite schon länger, die Kollektivvertragsverhandlungen nicht auf Basis der Inflation zu führen. Der ehemalige Siemens-Österreich-Vorstandschef Wolfgang Hesoun hat sich zuletzt für steuerlich begünstigte Einmalzahlungen stark gemacht – auch das stieß auf Gewerkschaftsseite auf Ablehnung. IHS-Chef Holger Bonin wiederum regte nach deutschem Vorbild an, die Laufzeit der Kollektivverträge von derzeit zwölf auf 18 oder 24 Monate zu verlängern. Das bringe Stabilität und Planungssicherheit für die Betriebe. Auch Wifo-Chef Gabriel Felbermayr sprach sich für eine zeitliche Streckung der vollen Inflationsabgeltung aus: Ein Teil könnte sofort, ein Teil erst zu einem späteren Zeitpunkt ausbezahlt werden, um den Unternehmen mehr Spielraum zu geben. Der frühere Raiffeisen-Chefökonom Peter Brezinschek schlug wiederum vor, dass nur noch die Hälfte der Lohnanpassungen am Teuerungsschnitt der vergangenen zwölf Monate hängen sollte. Die andere Hälfte sollte aus dem Mittel der Wirtschaftsprognosen für das kommende Jahr stammen.
Corona brachte Tempo
Noch aber bleibt alles beim Alten. Fest steht: Es werden wohl längere Verhandlungen. So schnell wie im Coronajahr 2020 wird es nicht gehen. Damals verhandelten die Metaller unter dem Eindruck des stärksten Wirtschaftseinbruchs der Zweiten Republik nur wenige Stunden. Am Ende gab es ein Plus von 1,45 Prozent.
Verhandlungstradition erspart Streiktage
Der sozialpartnerschaftliche Ritus der Kollektivvertragsverhandlungen folgt einem tradierten Drehbuch. Zunächst rammen beide Verhandlungsparteien – begleitet von Analysen und Prognosen der Wirtschaftsforscher – ihre Grundsatzpositionen in den öffentlichen Debattenraum. Beide Seiten verweisen auf die Größe der anstehenden Herausforderungen, beide appellieren an die gesamtgesellschaftliche Verantwortung des Gegenübers und beide betonen, dass man „harte, aber faire Gespräche“ erwarte. Diese beginnen mit der Übergabe des Forderungskatalogs der Arbeitnehmervertreter. Hinter verschlossenen Türen läuft dann die Suche nach einem für beide Seiten annehmbaren Kompromiss. Er gelingt meist, was Österreich zusammen mit der Schweiz und Schweden die niedrigste Streiktagquote in Europa beschert: Nur drei Tage waren es seit 2010.