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Unwetter mit Blitzschlag
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Über die Macht von Wetterdaten

Unwetter mit Hagel, Sturmböen und sintflutartigen Regenfällen haben heuer in der Steiermark schon Schäden von 100 Millionen Euro verursacht. Wetterdaten werden also immer wichtiger, um Vorsorge zu treffen und Schäden minimieren zu können. Das nutzen Versicherungen, Energieversorger und zunehmend auch andere Betriebe.

Lesedauer: 4 Minuten

Aktualisiert am 20.08.2024

Den 8. Juni 2024 wird Christian Gradwohl nie vergessen. Bereits zum zweiten Mal wurde sein Kfz-Betrieb – die gleichnamige „Autoclinik“ in Graz – von einem Unwetter mit katastrophalen Folgen heimgesucht. Das Wasser kam diesmal von allen Seiten – und in Rekordgeschwindigkeit. Zeit, zu reagieren, blieb nicht. „69 Fahrzeuge sind bis zur Hälfte im Wasser gestanden, jedes ist ein Totalschaden“, ist dem Firmenchef der Schock noch immer ins Gesicht geschrieben. Auch die Kfz-Werkstatt wurde von den Wassermassen zerstört. Mittlerweile musste die GmbH Konkurs anmelden, zu groß war der angerichtete Schaden. 

Ortswechsel ins obersteirische Kalwang: Dort bangt man bei der Forellenzucht Igler noch um den Fortbestand des Unternehmens. In der Nacht vom 16. Juli zerstörten verheerende Wassermassen den gesamten Fischbestand. Der 135 Jahre alte Familienbetrieb steht nun mit einer Million toten Fischen und einem Schaden von mehreren Millionen Euro vor den Trümmern seiner Existenz, eine Spendenaktion läuft.

Dass der Klimawandel solche Extremwetterereignisse befeuert, bezweifelt mittlerweile kaum jemand mehr. Bereits zwölf Mal wurde in der Steiermark heuer schon Zivilschutzalarm ausgelöst, wobei die Unwetter Schäden von 100 Millionen Euro angerichtet haben. Die persönlichen Schicksale haben weitreichende finanzielle Folgen: So sind bei den  Versicherungen bisher knapp 25.000 Schadensmeldungen aus der Steiermark eingegangen. Auch ein bundesweiter Vergleich zeichnet ein eindeutiges Bild: Lag Anfang der 2000er-Jahre die Summe der Unwetterschäden noch zwischen 300 und 400 Millionen Euro pro Jahr, so schlagen sie in ganz Österreich mittlerweile mit einer Milliarde Euro pro Jahr zu Buche.

Kleinstrukturierte Unwetter machen Prognosen schwierig

„Wir verzeichnen ein gehäuftes Auftreten von stärkeren Unwettern, Studien belegen auch häufigeren Starkregen“, erklärt Alexander Podesser, Regionalleiter bei Geosphere in der Steiermark (vormals ZAMG). Auffällig dabei: Gewitter treten immer kleinstrukturierter und regionaler auf. „Und sie bleiben auch länger dort hängen“, ergänzt der Experte. An diesem Punkt kommen die Wetterdaten ins Spiel: Freilich, um die Wetterlage präzise einschätzen zu können, ist eine große Datenmenge erforderlich. Geliefert wird sie unter anderem von Beobachtungsstationen, Wettersatelliten und Radarstationen, dazu kommt noch das Blitzortungssystem. Und auch Künstliche Intelligenz wird zunehmend für punktgenaue Prognosen eingesetzt. Denn nur mit genauen Vorhersagen kann man rechtzeitig warnen und in der Folge Vorsorge treffen – und damit Schäden minimieren. So hat der Versicherungs-Branchenriese Uniqa bundesweit bereits 120 Millionen Unwetterwarnungen an die Kunden verschickt. 2004 launchte das Unternehmen die Warnnachricht präzise nach Postleitzahl. Eine Idee, die heute von nahezu allen Versicherern flächendeckend umgesetzt wird. 

„Allerdings“, räumt Podesser ein, „ist bei verfrühten Warnungen die Fehlalarmquote relativ hoch. Oft lässt sich erst eine halbe Stunde vorher zuverlässig sagen, wo sich solche Gewitterzellen entladen werden.“ Dann muss es freilich schnell gehen: Im Fall des Falles schlägt das 15-köpfige Geosphere-Team dann Alarm beim Katastrophenschutzverband, bei Bedarf werden Energieversorger, Verkehrsbetriebe, Blaulichtorganisationen, Wetterdienste und Medien informiert.

Auch für die Landwirtschaft und gewerbliche Betriebe liefern Wetterdaten wesentliche Informationen. Plattformen wie HORA stellen nicht nur Infos über Naturgefahren bereit, sondern liefern auch Wetterwarnungen. Bei der Risikobeurteilung greift auch die Versicherungswirtschaft auf das System zurück. Zusätzlich zu einer digitalen Gefahrenkarte kann die Plattform auch realistische Flut­szenarien an versicherten Objekten visualisieren. „Neben der Schärfung der Risikowahrnehmung zielt HORA auf die Bewusstseinsbildung ab. Die Bevölkerung soll zur Eigenvorsorge angeregt werden“, so Klaus Scheitegel, Vizepräsident des Österreichischen Versicherungsverbands (VVO). Wegen der gestiegenen Unwetterschäden fordert die Versicherungsbranche auch eine  Pflichtversicherung in Kombination mit der Feuerversicherung. Die rechtlichen Voraussetzungen müssten aber erst geschaffen werden. 

Sind Wetterdaten also – überspitzt formuliert – das neue Gold? Beim bekannten Grazer Unternehmen Bergfex hat man aus Wetterdaten, kombiniert mit Outdoor-Aktivitäten, ein eigenes und einträgliches Geschäftsmodell geformt. Über eine eigene Wetter-App lassen sich Wettervorhersagen, Temperaturprognosen und Niederschlagswerte für 15.000 Orte abrufen, die teilweise im 20-Minuten-Takt aktualisiert werden. Die Daten dazu kommen von Geosphere. Im Jahr 1999 gegründet, haben sich die Bergfex-Chefs schon drei Jahre später auf Wetterdaten fokussiert. „Über viele Jahre haben wir die Interpretation der Modelldaten und die Darstellung optimiert“, so Geschäftsführer Markus Kümmel. Mittlerweile beschäftigt das Unternehmen 35 Mitarbeiter, unglaubliche 920 Millionen Mal wurde die Firmen-Website bereits aufgerufen. „Und 30 Prozent aller Zugriffe entfallen auf Wetterinformationen“, schließt er.