Warum die Erfolgsgeschichte so wenig Applaus bekommt
Inflation, Energiekrise, löchrige Außengrenzen: Die Kulisse vor der Europawahl am 9. Juni ist trüb. Was braucht eine zukunftsfitte EU, was kann sie – und wofür kann sie nichts? Eine Annäherung in zehn Punkten.
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- 1 Die Ökonomen sind derzeit keine Boten der Zuversicht. „Der wirtschaftliche Zustand Europas wirkt düster, obwohl gerade in geopolitisch gefährlichen Zeiten ein starkes, dynamisches Europa der beste Garant für Prosperität und Sicherheit der Mitgliedsstaaten ist“, mahnt Wifo-Chef Gabriel Felbermayr. „Europa gelingt es derzeit nicht, sein Wohlstandsversprechen einzulösen“, bestätigt IHS-Direktor Holger Bonin, wenngleich er tröstend hinzufügt: „Die Stimmung ist schlechter als die Lage.“ Tatsächlich wird für heuer ein sanftes Anziehen der Konjunktur und ein weiteres Abschmelzen der Inflation im EU-Raum prognostiziert. Gut für Österreich, denn die EU ist unser wichtigster Wohlstandsmotor.
2 Die Strahlkraft des Wirtschaftsraumes spiegelt sich in der Exportstatistik wider: 70 Prozent des heimischen Außenhandels werden mit EU-Ländern abgewickelt. Österreich hat seine Exporte in andere EU-Mitgliedsstaaten in den vergangenen 30 Jahren auf 137 Milliarden vervierfacht (siehe Grafik). Die Unternehmen ersparen sich durch den Wegfall von Zollkontrollen und Wartezeiten 2,7 bis 6,85 Milliarden Euro jährlich. Umgekehrt haben sich ausländische Direktinvestitionen seit 1995 auf 194 Milliarden Euro mehr als verzehnfacht. Dem Abbau von Handelsbarrieren steht jedoch der Aufbau anderer Reglementierungen gegenüber.
3 Die Geschichte der Überregulierung durch die EU ist ein Bestseller. Laut Eurobarometer-Umfrage sind drei von vier Europäern der Ansicht, dass die EU zu viel Bürokratie schafft. Unbestritten erschwert die Vielzahl an Normen, Berichtspflichten und Gesetzen den Geschäftsalltag von Unternehmen zum Teil massiv. Es ist aber auch eine Geschichte der Mythen und des selbstverschuldeten Unglücks. So gilt die Normierung der Salatgurkenkrümmung als Paradebeispiel für die Brüsseler Regulierungswut. Allein: Dass Agrarerzeugnisse in Handelsklassen eingeteilt werden, ist keine Spezialität der EU. Österreich hat bereits Ende der 1960er-Jahre ein ähnliches Qualitätsklassengesetz samt Durchführungsverordnung erlassen. Und besagte Gurkenkrümmungsnorm wurde 2009 von der EU-Kommission abgeschafft. Befeuert wird die Regulierungsinflation durch das Phänomen des „Gold Plating“: EU-Mindeststandards werden durch nationale Vorgaben übererfüllt. Beispiel: Beim Klimaschutz sind die österreichischen Zielvorgaben strenger als jene der EU. Für manche Unternehmen und damit den Standort ergeben sich daraus Wettbewerbsnachteile.
4 Die Stärke der EU fußt aber auf der Kraft der Regionen. Tatsächlich sind die kleinen Einheiten ein vielschichtiges und widerstandsfähiges Fundament für Wohlstand und Wachstum. Zum anderen können regionale Einzelinteressen zum Bremsklotz für Entscheidungen werden. Losgelöst vom konkreten Inhalt zeigt sich das beim aktuell heiß diskutierten Renaturierungsgesetz. Weil es auf nationaler Ebene keine Einstimmigkeit gibt, gilt: „Wenn ein Bundesland nicht will, steht die ganze EU still.“ Das kann als Beweis für die Wirkkraft einzelner Stimmen im Orchester der EU gesehen werden. Oder als Beispiel für einen, in vielen Bereichen bis ins Groteske hochgeföhnten Föderalismus, der die Dysfunktionalität der gesamten Entscheidungskaskade aufzeigt.
5 Daher drängen Unternehmensvertreter auf den Abbau bürokratischer und leistungsbremsender Hürden. „Wir müssen in den Regionen auch im Sinne der Wettbewerbsfähigkeit den Grundwasserspiegel der Selbständigkeit heben“, formuliert WKO-Steiermark-Präsident Josef Herk.
- 6 Den Binnenmarkt, gerne als das Herzstück oder „das Kronjuwel“ (Wifo-Chef Felbermayr) der europäischen Wirtschaft bezeichnet, schwächt zu viel Disharmonie jedenfalls. Nationale Unterschiede im Steuer- und Insolvenzrecht beziehungsweise am Energiepreissektor sowie inkonsistente arbeits- und sozialversicherungsrechtliche Meldepflichten begünstigen einen bisweilen ungesunden Wettbewerb unter den Mitgliedsstaaten. „Es braucht eine Vertiefung des europäischen Binnenmarkts“, fordert IHS-Direktor Bonin.
7 Wifo-Chef Felbermayr drängt beispielsweise auf eine Kapitalmarkt-Union. „Denn fragmentierte Kapitalmärkte bedeuten, dass die Kapitalkosten in der EU höher sind als anderswo und die Erträge aus Investitionen kleiner.“
8 Der ehemalige italienische Ministerpräsident und EU-Sonderbeauftragte Enrico Letta schlägt vor, neben dem freien Warenverkehr, der Personenfreizügigkeit, der Dienstleistungsfreiheit und dem freien Kapital- und Zahlungsverkehr noch eine fünfte Grundfreiheit für Forschung, Innovation und Bildung vertraglich zu verankern, um damit im globalen Wettbewerb um technologische Führerschaft mithalten zu können. Österreich liegt diesbezüglich nicht so schlecht. Gemeinsam mit Schweden, Belgien und Deutschland ist es eines jener vier Länder, die die europäische Zielsetzung einer Forschungsquote von drei Prozent bereits erfüllen. Die Teilnahme an EU-geförderten Forschungsprojekten hat seit dem EU-Beitritt zu einer Verdoppelung der österreichischen Forschungsquote von 1,53 Prozent auf 3,2 Prozent des BIP geführt. In der Steiermark liegt sie mit 5,17 Prozent sogar im absoluten europäischen Spitzenfeld.
9 Diese Innovationsstärke ist abseits der unternehmerischen Exzellenz auch Ergebnis gezielter Förderungen. Österreich ist diesbezüglich ein Nettogewinner: Die nationalen Beiträge ins Forschungsbudget der EU betragen 2,5 Prozent, lukriert werden aus dem aktuellen Rahmenprogramm aber 3,5 Prozent. In der Förderbilanz stehen zudem rund 6,2 Milliarden Euro, die zwischen 1995 und 2020 in regionale Projekte geflossen sind.
- 10 Was fehlt? Eine Europäische Erzählung. Gerade in Zeiten eines Wandels der Weltordnung und eines Umbaus der internationalen Sicherheitsarchitektur, in der die allgemeine Gefühlslage zwischen Wut und Angst, Ernüchterung und Pragmatismus oszilliert – was die Bewirtschaftung von Ressentiments fruchtbar macht –, täten Zuversicht und Selbstvertrauen gut.
„Die Steiermark kann mit hoher Innovationskraft im europäischen Standortwettbewerb punkten.“
Josef Herk
WKO-Steiermark-Präsident