2. Tiroler Lebensmittelkongress
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Qualität und Wert unserer Lebensmittelversorgung nachhaltig absichern

Eingebettet in internationale Wertschöpfungsketten und beeinflusst von externen Faktoren stehen heimische Landwirtschaft, Verarbeitung, Handel und Konsument:innen vor diversen Veränderungen. Diese zu unserem Vorteil zu gestalten, Qualität und das hohe Niveau unserer lokalen und regionalen Lebensmittelversorgung abzusichern und Alleinstellungsmerkmale auszubauen ist eine Aufgabe, die gemeinsame Anstrengungen und die Zusammenarbeit aller Beteiligten erfordert, so ein Tenor beim 2. Tiroler Lebensmittelkongress, der gestern in Igls stattfand.

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Aktualisiert am 23.04.2024


Unsere heimische Lebensmittelversorgung ist Maßstab für sichere, ausreichend verfügbare, nahrhafte und hochwertige Lebensmittel. „Das ist das Resultat konsequenter Arbeit und der Zusammenarbeit von Produzent:innen, Verarbeitern, dem Handel und den Konsument:innen. Auf diese Zusammenarbeit werden wir bauen, um kommenden Herausforderungen zu begegnen“, so Stefan Mair, Obmann des Landesgremiums des Tiroler Lebensmittelhandels in der Wirtschaftskammer Tirol. Zu diesen Herausforderungen zählt er etwa, dass laut Prognosen die Weltbevölkerung bis 2050 auf 10 Milliarden Menschen anwachsen wird und die Lebensmittelproduktion darauf reagieren muss. Gleichzeitig nehmen Umwelt- und Klimaauswirkungen zu, welche sich auf die Nutzung unserer Böden, die landwirtschaftliche Produktivität und damit auf internationale Preise auswirken. Genauso müssen Produktion, Verarbeitung und Handel ihre Umweltauswirkungen reduzieren. „Nur gemeinsam kann es uns auch in Zukunft gelingen, weiterhin Lebensmittel in bester Qualität und zu fairen Preisen verfügbar zu haben und die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe entlang der gesamten Wertschöpfungskette, auch in einem internationalen Kontext, zu sichern“, so Mair. Zugleich gilt es, lokale und regionale Strukturen zu stärken und in eine erfolgreiche Zukunft führen. Für Mair sind Regionalität, Qualität und Produkte mit Alleinstellungsmerkmalen dafür essenziell.

Ebenso brauche es auch eine transparente Kommunikation mit Konsument:innen und Gästen, um nicht nur für den Preis eines Produkts, sondern auch für dessen Wert und seinen Betrag für Wirtschaft und Umwelt zu sensibilisieren. „Die standortangepasste Landwirtschaft in Tirol ist die Basis für unsere Grundversorgung und unverzichtbar, um unsere Naturräume zu pflegen und zu erhalten. Hohe Qualität der Produkte und ihre Bedeutung für Nachhaltigkeit und Umwelt sind Alleinstellungsmerkmale, welchen den Wert heimischer Produkte ausmachen. Diesen Wert müssen wir gemeinsam noch besser in der allgemeinen Wahrnehmung verankern“, stimmt Matthias Pöschl, Geschäftsführer der Agrarmarketing Tirol, zu. Gemeinsam richten das Landesgremium des Tiroler Lebensmittehandels in der WK Tirol und die Agrarmarketing Tirol den Tiroler Lebensmittelkongress als Branchenplattform für Information und Vernetzung aus

Erfolgsfaktoren sichern die Lebensmittelversorgung Tirols nachhaltig ab

Zu den Erfolgsfaktoren des resilienten heimischen Agrar- und Lebensmittelsystems gehören insbesondere die flächendeckende Agrarproduktion in Familienbetrieben, gute Ausbildung, diverse wirtschaftliche Standbeine in der Landwirtschaft oder auch die Partnerschaft von Landwirtschaft, Wirtschaft und Handel. „Wenn es um Versorgungssicherheit geht, nehmen die heimischen Bäuerinnen und Bauern eine unverzichtbare Rolle ein, denn sie sind eine verlässliche Bezugsquelle für eine Vielzahl von regionalen Lebensmitteln. Darüber hinaus erbringen sie einen immensen Mehrwert für unser Land“, betont LHStv. Josef Geisler.

Konsument:innen aktiv in den Wandel einbeziehen

Auch für Katharina Falkner, Ökonomin am WIFO und Vortragende am 2. Tiroler Lebensmittelkongress, sind Qualität und Nachhaltigkeit von Produktion und Produkten Schlüsselfaktoren der zukünftigen Lebensmittelversorgung. Neben dem ökologischen Aspekt, also dem Minimieren von Umweltauswirkungen, dem Schutz von Biodiversität und dem Tierwohl, gehe es dabei ebenso um ökonomische Nachhaltigkeit, etwa der Sicherstellung des landwirtschaftlichen Einkommens, und um soziale Nachhaltigkeit wie Arbeitsbedingungen. Um alle Nachhaltigkeitsaspekte zu vereinen, müssen Zielkonflikte vermieden werden. Falkner: „Eine umweltfreundliche Bewirtschaftung mit geringem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist ökologisch nachhaltig, auf der sozialen Ebene kann sie aber eine höhere Arbeitsbelastung durch mechanische Unkrautregulierung bedeuten, und auf der Ebene der ökonomischen Nachhaltigkeit höhere Preise mit sich bringen. Steigen jedoch, etwa durch entsprechende Aufklärung und Sensibilisierung, die gesellschaftliche Akzeptanz und die Wertschätzung für umweltfreundliche Bewirtschaftung, steigt auch die Bereitschaft, für den entsprechenden Wert eines solchen Produkts auch einen höheren Preis zu bezahlen. Damit werden wiederum umweltfreundliche Bewirtschaftungsweisen selbst wieder gefördert, und höhere Umweltstandards können ihrerseits die Vermarktungschancen nachhaltig produzierter Produkte steigern.“ Mit der Branchenvereinbarung zu gentechnikfreier Milch, der heimischen Heumilch und Bio Austria geben es österreichische Erfolgsbeispiele, wie Nachhaltigkeit und Qualität umgesetzt und bei den Konsument:innen verankert werden können. In Tirol gelten Initiativen wie Bio vom Berg als Vorreiter

Kooperationen weiter intensivieren

Neben jenen Konsument:innen, die bereits auf nachhaltige Produktion und lokale Herkunft achten, müssen auch jene abgeholt werden, die dazu noch nicht bereit sind, und entsprechende Aufklärungsarbeit geleistet werden, meint Univ.-Prof. Oliver Koll, vom Institut für Management und Marketing der Universität Innsbruck und ebenso Vortragender am 2. Tiroler Lebensmittelkongress: „Der Konsum qualitätsvoller, gesunder und nachhaltiger Produkte muss als cool und sinnvoll wahrgenommen werden“. Wichtig sei dabei der unmittelbare hedonistische und sensorische Nutzen. Regionale Produkte müssen vor allem durch höheren Genuss punkten – besser, interessanter oder anders. Das Nachhaltigkeitsargument – Stichwort: Landschaftspflege, Naturerhalt und ökonomischer Mehrwert für die Region – spielt aber auch eine zentrale Rolle. „Gerade beim Thema Fleisch, das in Tirol ohnehin nur begrenzt angeboten werden kann, ist eine zunehmende Sensibilität bei der Haltung und Fütterung der Tiere spürbar“, sagt Koll. Potenzial erkennt er im Fokus auf heimische Aufzuchtfütterungen mit regionalen Futtermitteln, mehr Freihaltung oder spezielle Rassen. Aber auch ein Fokus auf seltenere Getreide-, Obst- und Gemüsesorten könnte Landwirt:innen ein höheres und sicheres Einkommen ermöglichen. Dabei spielen Kooperationen eine immer wichtigere Rolle, vor allem mit lokalen Produzenten und Händlern, die sich auf Konsument:innengruppen konzentrieren, die auf Qualität, Regionalität, Nachhaltigkeitsaspekte und damit auf den weitreichenderen Wert eines Lebensmittels achten. „Wichtige Vorreiter:innen in der Umsetzung könnten zudem gastronomische Betriebe und Großbetriebe sein, die zum Beispiel in der Mitarbeiter:innenversorgung stark auf regionale Lebensmittel setzen und damit eine Vorbildfunktion einnehmen“, so Koll.