Position zur Einführung einer Zuckersteuer in Österreich
(Stand August 2026)
Lesedauer: 8 Minuten
Der aktuelle politische Vorstoß für neue Steuern auf Lebensmittel, insbesondere auf zuckerhaltige Getränke, stößt in der heimischen Lebensmittelindustrie auf großes Unverständnis. Gerade jetzt über neue Abgaben auf Lebensmittel nachzudenken, ist das völlig falsche Signal. Nach den massiven Belastungen durch hohe Energie- und Arbeitskosten, die Inflation und den aktuellen Herausforderungen infolge von Hitze- und Dürreschäden wären neue Lebensmittelsteuern der nächste Rückschlag für den heimischen Produktionsstandort. Die Branche hat die Senkung der Mehrwertsteuer auf bestimmte Grundnahrungsmittel erst kürzlich mit hohem Aufwand umgesetzt. Eine Zuckersteuer würde die derzeit rückläufige Lebensmittelinflation wieder anheizen, die Kaufkraft der Menschen schwächen, unsere Betriebe zusätzlich belasten und die strategische Versorgungssicherheit mit heimischen Lebensmitteln weiter gefährden.
Bereits seit Herbst 2024 wird in Österreich immer wieder die Einführung einer Zuckersteuer auf zuckerhaltige Getränke zur Budgetkonsolidierung diskutiert. Doch ihr ökonomischer und gesundheitlicher Vorteil ist marginal bzw. nicht belegt, während die Nachteile für die davon betroffenen Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette von Zucker und auch für die Konsumentinnen und Konsumenten erheblich wären.
1. Wirtschaftliche Stagnation und geschwächte Wettbewerbsfähigkeit -
Folgen einer Zuckersteuer für die Lebensmittelindustrie und den Standort
- Durch die massive Teuerung und den anhaltenden Kostendruck in Österreich befindet sich die heimische Nahrungs- und Genussmittelindustrie (Lebensmittelindustrie) derzeit in einer wirtschaftlichen Stagnation. Die Branche verliert zunehmend an preislicher Wettbewerbsfähigkeit – im Inland und im Export.
- Österreich ist ein Hochsteuerland. Eine neue Zuckersteuer kann das Budgetdefizit nicht konsolidieren, würde aber die davon betroffenen Unternehmen und den Wirtschaftsstandort insgesamt weiter schwächen und den Konsum dämpfen. Für die Unternehmen würde eine Zuckersteuer zusätzlichen finanziellen Aufwand bedeuten. Außerdem würde diese neue Steuer die derzeit rückläufige Lebensmittelinflation wieder anheizen.
- Der Kostendruck für die Unternehmen am Standort ist schon jetzt zu hoch. International tätige heimische Lebensmittelproduzenten investieren bereits im Ausland, weil Arbeit und Energie im Inland ungleich teurer sind. Hinzu kommen die hohen Aufwendungen für die zahlreichen EU-Regulierungen, die national umzusetzen sind (etwa Nachhaltigkeitsberichterstattung, Lieferkettengesetz, Entwaldungsverordnung, Verpackungsverordnung, Netz- und Informations-systemsicherheitsgesetz 2026, Resilienz kritischer Einrichtungen-Gesetz). Auch sind die Kosten für Rohwaren und Logistik aufgrund des Klimawandels und der weltweiten Krisenherde gestiegen. Das gefährdet das wirtschaftliche Überleben der Branche, die in Österreich versorgungs- und systemrelevant ist.
- Oberstes Ziel muss sein, die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Lebensmittelindustrie nachhaltig zu stärken. Das geht nur, wenn Energie wieder leistbar wird, die Lohnnebenkosten sinken und die Überregulierung ein Ende hat. Nur so kann sich die Lebensmittelindustrie im harten internationalen Wettbewerb durchsetzen und Ressourcen schaffen, um in eine nachhaltige Lebensmittelproduktion zu investieren.
2. Druck auf Rübenbauern bis Getränkehersteller steigt - Folgen einer Zuckersteuer für die Lebensmittelkette
- Eine Zuckersteuer auf zuckerhaltige Getränke würde Unternehmen entlang der gesamten Agrar- und Lebensmittelkette belasten – von den Rübenbauern über die Zuckerwirtschaft bis zu den Getränkeherstellern und Händlern. Die heimische Zuckerwirtschaft betreibt nur noch eine Zuckerfabrik in Österreich. Sie sichert damit den heimischen Rübenbauern die Abnahme ihrer Ernte und schafft Arbeitsplätze in den betroffenen Regionen. Zudem gewährleistet sie, dass sich Österreich noch zu 100 % selbst mit Zucker versorgen kann. Das ist nicht selbstverständlich, denn der Selbstversorgungsgrad Österreichs mit Agrarrohwaren ist niedrig - neben Zucker, Milch und Rindfleisch kann sich Österreich mit keinem weiteren Agrarrohstoff selbst versorgen und ist laufend auf Importe aus dem Ausland angewiesen (Agrarrohstoffe: Vieles muss importiert werden)
- Die Besteuerung einer Getränkezutat wie Zucker würde dazu führen, dass die Zusammensetzung von Produkten geändert wird. Die fehlende Süße könnte etwa durch Süßungsmittel ausgeglichen werden. Das würde einen weiteren Wertschöpfungsverlust für den Standort bedeuten, da Süßungsmittel nicht in Österreich hergestellt werden, sondern aus Drittstaaten importiert werden müssen.
- Zucker hat neben seiner süßenden Eigenschaft auch technologische Funktionen in Lebensmitteln (Die Rolle von Zucker in der Lebensmittelherstellung). Er macht u. a. Lebensmittel haltbar. Wird Zucker reduziert, müssten im Herstellungsprozess verstärkt Konservierungsmittel eingesetzt werden. Die Hersteller wären letztlich gezwungen, Getränke mit unterschiedlichen Rezepturen für das Inland und für internationale Märkte nach deren Kundenwünschen abzufüllen. Das würde den Kostendruck auf sie im internationalen Wettbewerb noch weiter erhöhen.
- Gerade die Getränkebranche hat zuletzt einen mittleren einstelligen Millionenbetrag an Investitionen für das ab 2025 in Österreich geltende neue Einweg-Pfandsystem getätigt. Nicht eingerechnet ist darin der Aufwand, der die Branche durch national unterschiedliche Pfandsysteme und Etiketten trifft. Hinzu kommt die kostenintensive Umsetzung neuer Vorschriften aus dem EU-Verpackungsrecht (u. a. Mehrwegquoten, anhaftende Verschlüsse, Einsatz von Recyclematerial - „RePET“).
- Während die Einführung der Zuckersteuer einen hohen Aufwand für die Industrie bedeuten würde, wären die Einnahmen für den Fiskus durch die Veränderungen der Produktbeschaffenheit oder Ausweichkäufe der Konsumentinnen und Konsumenten (über der Grenze) nicht nachhaltig, wie die Erfahrung aus anderen Ländern[1],[2] zeigen (vgl. unten „freiwillige Zuckerreduktion“). Diesen Einnahmen wären die Aufwendungen für den Staat für die Einhebung und Kontrolle einer Zuckersteuer gegenzurechnen.
3. Lebensmittel werden wieder teurer - Folgen einer Zuckersteuer für die Konsumentinnen und Konsumenten
- Neue Verbrauchssteuern sind Inflationstreiber und Konsumdämpfer: Eine Zuckersteuer würde Lebensmittel erneut verteuern und somit Konsumentinnen und Konsumenten treffen. Gerade über die Teuerung machen sich die Menschen anhaltend Sorgen. Auch wenn diese bei Lebensmitteln zuletzt gesunken ist. Dazu kommt: Höhere Lebensmittelpreise träfen einkommensschwächere Personen und Familien besonders hart.
4. Gesundheitliche Lenkungsziele werden nicht erfüllt - Folgen einer Zuckersteuer für Übergewicht und Adipositas
- Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht und Adipositas haben viele Ursachen. Eine davon ist ein Ungleichgewicht zwischen den aufgenommenen und verbrauchten Kalorien.[3] Der Zuckerkonsum ist nur eine von zahlreichen Quellen kalorischer Energie.
- Für einen gesundheitlichen Lenkungseffekt einer Zuckersteuer gibt es keine belastbaren Belege [4] [5] In allen Ländern mit Zuckersteuer (darunter Mexiko, Chile, Frankreich, Großbritannien) sind die Übergewichts- und Adipositasraten weiter angestiegen. Gängige Studien stützen sich auf marginal berechnete Kalorien-reduktionen: So spart die Softdrinksteuer in Mexiko[6] 6 Kalorien täglich ein - das entspricht einem kleinen Bissen Apfel. In UK[7] sind es 12 Kalorien bei Kindern und 20,8 Kalorien bei Erwachsenen pro Tag, das sind 1 % der empfohlenen täglichen Gesamtenergieaufnahme.
- Der Konsum von Softdrinks spielt in der täglichen Gesamtenergieaufnahme in Österreich eine untergeordnete Rolle: Er liegt bei Männern bei 4,1 % und bei Frauen bei 2,8 % der durchschnittlichen Tagesenergiezufuhr[8]. Der Zuckerkonsum insgesamt ist in Österreich rückläufig und hat sich seit Mitte der 90er Jahre um rund 30 % reduziert. Er lag im Jahr 2024/25 mit 26,8 kg pro Kopf unter dem EU-Durchschnitt mit 33,2 kg pro Kopf.
- Die Getränkeindustrie setzt seit vielen Jahren auf freiwillige Initiativen zur Zuckerreduktion: Sie hat den Zucker in ihrem Getränkeportfolio in den letzten 20 Jahren schrittweise um rund ein Drittel gesenkt[9]. Parallel dazu hat sich die österreichische Getränkeindustrie eine durchschnittliche Zuckerreduktion von 15 % im Zeitraum 2015 bis 2025 vorgenommen (Brancheninitiative). Jede Zuckerreduktion würde freilich potenzielle Einnahmen über eine Zuckersteuer kontinuierlich schmälern. Auch die von Ärzten gegründete Initiative SIPCAN (Special Institute for Preventive Cardiology and Nutrition) bevorzugt die schrittweise Zuckerreduktion gegenüber einer Zuckersteuer (SIPCAN-Im Fokus: Die britische Zuckersteuer, S. 11).
- Darin sind sich Experten einig: Die Maßnahme mit dem weitaus höchsten Impact und der besten Kosteneffizienz im Kampf gegen Übergewicht und Adipositas ist laut WHO[10], der OECD[11] und dem McKinsey Global Institute[12] die Anpassung der Portionsgrößen. Nachhaltige gesundheitliche Lenkungseffekte können im Endeffekt jedoch nur durch eine konsequente Ernährungsbildung erfolgen.
5. Mehr Fakten über Zucker sind auf „Österreich isst informiert“ abrufbar:
- Zucker im Faktencheck
- Die Rolle von Zucker in der Lebensmittelherstellung
- Zucker-Mythen aufgedeckt
- Von der Rübe bis zum Zucker
[1] In Dänemark hat eine Fettsteuer zu einer erheblichen Zunahme der Einkäufe der Dänen in Deutschland geführt und den Wirtschaftsstandort derart geschädigt, dass sie wieder abgeschafft wurde (vgl. Institut Economique Molinari: Nutrition » taxes: the costs of Denmark’s fat tax; 2013. https://www.institutmolinari.org/2013/05/02/nutrition-taxes-the-costs-of-denmarks-fat-tax/.
[2] In Belgien fährt jeder achte Belgier wegen der Softdrinksteuer einmal pro Monat zum Getränkeeinkauf über die Grenze. Dem belgischen Einzelhandel entgegen dadurch rund 370 Mio. EUR (Quelle: Österreichisches AußenwirtschaftsCenter Brüssel, 21.10.2024).
[3] World Health Organization. Obesity and Overweight, June 2021. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/obesity-and-overweight
[4] WHO report: Fiscal policies to promote healthy diets: 2024. https://iris.who.int/bitstream/handle/10665/376763/9789240091016-eng.pdf?sequence=1
[5] Fachverband der Nahrungs- und Genussmittelindustrie: „3 x 3 Argumente gegen eine Zucker-Steuer bei Softdrinks“, Pkt 1.
[6] Colchero M. A., Popkin B. M., Rivera J.A., Ng S.W.: Beverage puchases from stores in Mexico under the excise tax on sugasweetened beverages: observational study. BMJ 2016;352:h6704 | oi: 10.1136/bmj.h6704.
[7] Nina Trivedy Rogers, Steven Cummins, Catrin P Jones, Oliver Mytton, Mike Rayner, Harry Rutter, Martin White, Jean Adams: Estimated changes in free sugar consumption one year after the UK soft drinks industry levy came into force: controlled interrupted time series analysis of the National Diet and Nutrition Survey (2011–2019); Sugar sweetened beverages: observational study. BMJ 2016;352:h6704 | oi: 10.1136/bmj.h6704.
[8] BMGF: Österr. Ernährungsbericht 2017.
[9] GlobalData monitoring based on aggregated data from 7 European markets comprising some 70 % of the European total, Juni 2019 und Letter of the European Commission recognizing UNESDA’s sugar reduction achievements,sante.ddg1.c.4(2019) 5240639.
Darin sind sich Experten einig: Die Maßnahme mit dem weitaus höchsten Impact und der besten Kosteneffizienz im Kampf gegen Übergewicht und Adipositas ist laut WHO[1], der OECD[2] und dem McKinsey Global Institute[3] die Anpassung der Portionsgrößen. Nachhaltige gesundheitliche Lenkungseffekte können im Endeffekt jedoch nur durch eine konsequente Ernährungsbildung erfolgen.
[10] WHO: Global Strategy on Diet, Physical Activity and Health (2004).
[11] OECD (2019), The Heavy Burden of Obesity: The Economics of Prevention, OECD Health Policy Studies, OECD Publishing, Paris, https://doi.org/10.1787/67450d67-en.
[12] McKinsey Global Institute: Overcoming Obesity: An initial economic analysis. Discussion paper. 2014