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SPIK - Sozialpolitik informativ & kurz

Newsletter Abteilung Sozialpolitik und Gesundheit 27.1.2026

Lesedauer: 11 Minuten

Aktualisiert am 27.01.2026

Inhaltsübersicht

  • OECD warnt: Kluft zwischen Wien und Rest-Ö wächst
  • Revolution in der Medizin, Trägheit in den Strukturen
  • Hitzeschutz seit 1.1.2026 in Kraft
  • Mentoring für Migranten zum 20. Mal: Eine Kleinstadt voller bunter Paare
  • Tagung zur Automatisierung der Arbeit am 9. März 2026


Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die Wirtschaft erholt sich langsam, aber es dauert erfahrungsgemäß, bis der Aufschwung am Arbeitsmarkt durchschlägt. Eine Hürde ist die wachsende Kluft zwischen Wien mit hoher Arbeitslosigkeit und den anderen Bundesländern, in denen Arbeitskräfte selbst in der Wirtschaftsflaute knapp sind. Die OECD mahnt – wie auch die WKO – zu ausgleichenden Maßnahmen.

Eine Kluft besteht auch zwischen der Medizin, in der sich gerade eine Revolution abspielt, und der Trägheit des Gesundheitssystems bzw. des Menschen. Das hat sich bei der Präsentation des Gesundheitsjahrbuchs zur Revolution der Medizin gezeigt.

Mitten in der Kältewelle trat die Hitzeschutz-Verordnung in Kraft. Wichtig ist, dass Unternehmen sich rechtzeitig damit befassen und dass der Grundsatz „beraten vor strafen“ gilt.

Mit dem 20. Durchgang von Mentoring von Migranten haben wir die Marke von 3.000 Paaren überschritten. Eine bunte Kleinstadt!

Und am 9. März befasst sich die WU Wien mit der Automatisierung der Arbeit.

Alles Gute! 

Rolf Gleißner 



OECD warnt: Kluft zwischen Wien und Rest-Ö wächst

Wien hat eine doppelt so hohe Arbeitslosigkeit wie der Rest Österreichs. Dennoch ziehen weiterhin fast alle Flüchtlinge ab Anerkennung nach Wien. Die OECD mahnt – wie auch die Wirtschaftskammer - zu ausgleichenden Maßnahmen. 

In vielen OECD-Ländern bestehen große regionale Unterschiede. Über die Hälfte aller OECD-Länder haben schwache Regionen, wo auf eine offene Stelle fünfmal so viel Arbeitslose kommen wie in den stärksten Regionen. Die größte Kluft besteht zwischen Nord- und Süditalien. Große Unterschiede gibt es auch innerhalb von Spanien, Griechenland, Belgien, Slowakei und – Österreich. 

Kluft bei Arbeitslosigkeit in Österreich größer als in den meisten Ländern 

Kluft bei Arbeitslosigkeit in Österreich größer als in den meisten Ländern
© OECD

Dabei ist Österreich ein Sonderfall: Überall zieht es Menschen in Großstädte, weil diese gute Ausbildung, qualifizierte Jobs und den Migranten eigene Communities bieten. Das ist üblicherweise kein Problem, weil die meisten OECD-Hauptstadtregionen viel mehr Wohlstand und gleichzeitig weniger Arbeitslosigkeit aufweisen als der Rest des Landes.

Anders in Österreich. Die Arbeitslosenquote war in Wien 2025 mit 9,5 % fast dreimal so hoch wie in Salzburg (3,2 %) und doppelt so hoch wie im Rest Österreichs. Fast 40 % aller Arbeitslosen leben in Wien, 2012 waren es erst 30%. Ihre Beschäftigungsaussichten wären in den westlichen Bundesländern weit besser, die selbst in der aktuellen Wirtschaftsflaute Arbeitskräftemangel verzeichnen. Kein Wunder, dass inzwischen 72,5 % der Sozialhilfeempfänger in Wien sitzen, 2014 waren es erst 55 %.

Anteil Wiens bei Beschäftigten, Arbeitslosen und SH-Beziehern
© WKÖ

Nur 1 % der Wiener Arbeitssuchenden geht nach Salzburg und Tirol 

Eine Belastung für Wien ist seit 2015 der massive und stetige Zustrom an Flüchtlingen, die von hohen Sozialleistungen und ihren Communities angezogen werden. Man möchte meinen, diese wären mobil. Falsch gedacht: 83 % aller Arbeitssuchenden nahmen in Wien einen Job auf, 8 % in der klassischen Pendlerzone Wiens, nur 0,4 % in Salzburg und 0,7 % in Tirol, den Bundesländern mit dem stärksten Arbeitskräftemangel.

Nach OECD-Schätzung könnte ein Großteil der Arbeitssuchenden in Wien angesichts ihrer Arbeitserfahrung und Ausbildung eine passende Stelle außerhalb Wiens finden. Dennoch kommen auf zwei offene Stellen in Wien zehn Arbeitslose, im Bezirk Tamsweg eine arbeitslose Person.

OECD sieht Handlungsbedarf bei überregionaler Beschäftigung 

Spätestens wenn die Wirtschaft wieder anspringt, wird der Arbeits- und Fachkräftemangel außerhalb Wiens, vor allem aber im Westen wieder akut werden. Dann ist es wichtig, dass alle Arbeitskräftepotenziale im Inland ausgeschöpft werden. Die OECD mahnt dabei – wie auch die Wirtschaftskammer – einen Mix aus Druck und Anreizen ein:

  • Grundsätzlich sollten alle Arbeitslosen überregional vermittelt werden können: Derzeit gilt das nur für den Tourismus und damit für weniger als 10 % der Wiener Arbeitssuchenden. Die Voraussetzung, dass für den Arbeitnehmer eine Unterkunft bereitgestellt wird, sollte – wie in Deutschland auch - entfallen.
  • Dafür sollten Umzüge finanziell besser unterstützt werden.
  • Alle Informationen zu den überregionalen Stellenangeboten, Arbeitsmärkten und finanziellen Unterstützungen sollten auf einer Plattform gebündelt werden. 
  • Die Sozialleistungen, insbesondere für Familien mit Kindern, sollten bundesweit einheitlich sein.
  • Anerkannte Flüchtlinge sind bundesweit gleichmäßig zu verteilen. Die Asylwerber sind zwar gut verteilt, nur ein Sechstel ist in Wien. Aber nach dem Asylverfahren ziehen fast alle nach Wien, sodass sich dort fast 80 % aller anerkannten Schutzsuchenden befinden.
  • Welcome-Center in den Bundesländern sollten Neuzugezogenen Übergangswohnungen bieten und sie bei der Integration in der Region unterstützen.

Fazit: Einige OECD-Vorschläge wie die intensivere überregionale Vermittlung, die Vereinheitlichung der Tagsätze und Kinderzuschläge in der Sozialhilfe stehen im Regierungsprogramm. Allerdings liegt die Zuständigkeit für Sozialhilfe, Bereitstellung von Unterkünften und Integration vor allem bei den Bundesländern. Wien hat die Sozialhilfe mit 1.1.2026 reduziert. Die gewaltige Kluft zwischen der Hauptstadt und dem Rest erfordert aber eine Kraftanstrengung aller Länder und des Bundes in allen obigen Bereichen. 


von Mag. Gabriele Straßegger



Revolution in der Medizin, Trägheit in den Strukturen

Dank KI und medizinischem Fortschritt könnte künftig ein gesundes Leben bis 120 Jahre möglich sein. Allerdings können Gesundheitssystem und Mensch hier nicht Schritt halten. Das Gesundheitsjahrbuch 2026 befasst mit sich Fortschritt und Reformbedarf. 

Am 13. Jänner 2026 wurde das „Jahrbuch Gesundheit 2026“ von WKÖ und Sanofi unter dem Leitthema „Revolution der Medizin präsentiert. Die Veranstaltung bot Einblicke in die Zukunft der Medizin und eine Diskussion über Innovation und Reformbedarf.

In der Keynote skizzierte der Rektor der Medizinischen Universität Wien, Markus Müller, die Phasen der Medizingeschichte: In der Antike galten Gesundheit und Heilung als von Magie und Göttern abhängig. Die hippokratische Medizin revolutionierte die Heilkunde durch die Abkehr von magischen Erklärungen hin zur beobachtenden Analyse. Die nächste Revolution brachte der medizinische Reduktionismus, der ab dem 18. Jahrhundert den menschlichen Körper und komplexe Krankheitsbilder auf Einzelelemente wie Gene, Moleküle oder Organe zurückführte und bis heute die Schulmedizin prägt.

Nach Hippokrates und Reduktionismus nun die nächste Revolution 

Heute begründen KI, Molekularmedizin, Biotechnologie und Robotik die nächste Revolution in der Medizin. Die Molekularmedizin ebnet seit kurzem den Weg für viele wirksame Arzneimittel gegen Krebs und Herz-Kreislauferkrankungen. Die digitale Medizin begreift den menschlichen Organismus als Datensatz. Umgekehrt ist die KI inspiriert vom menschlichen Gehirn und versucht, dieses nachzubilden, insbesondere das assoziative Lernen.

Die Medizin verlängert damit Leben und verbessert Lebensqualität. Ein Beispiel: Patienten mit ALS, einer schweren Nervenerkrankung, verlieren durch Lähmung der Muskulatur die Fähigkeit zu sprechen. Stephen Hawking war einer der bekanntesten Betroffenen. Rezent wurde ein Gerät entwickelt, das Hirnströme an der Hirnoberfläche erfasst und erkennt, welcher Impuls zu welchem Wort gehört. Damit kann innerhalb weniger Tage die Kommunikationsfähigkeit von Patienten wiederhergestellt werden.

Das so genannte Cochlea-Implantat ermöglicht Menschen, denen auch Hörgeräte nichts nützen, das Hören. Die Genschere ist eine Technik zur Veränderung von Erbgut mit dem Potenzial, künftig Krebs zu verhindern oder zu heilen.

Strukturen und Menschen hinken hinterher 

Während die Medizin revolutionär voranschreitet, bleiben die Systeme zurück:

Beispiel Daten: Im Gesundheitssystem geht es primär nicht um den Einsatz von KI, sondern immer noch um die Nutzung der enormen Mengen an (einfachen) Gesundheitsdaten. So wird eine genaue Auswertung von Krankenständen erst möglich, wenn Ärzte ab 1.10.2026 verpflichtend Diagnosecodes eingeben. Menschen werden aufgrund des Datenschutzes immer noch nicht automatisch an Vorsorgeuntersuchungen und Impfauffrischungen erinnert. Die Elektronische Gesundheitsakte ist ein großartiges Tool, das weit hinter den Möglichkeiten zurückbleibt. 

Beispiel Zulassung von Arzneimitteln: In Österreich dauert die Genehmigung klinischer Studien – dank einer Neuerung vom April 2025 – nur noch 30 Tage. Trotzdem gilt: Ein Medikament wird dort schneller verfügbar, wo es entwickelt wurde. Europa hat hier an Attraktivität verloren – durch komplexe Vorgaben, ein schwieriges Finanzierungsumfeld und langsamere Abläufe als etwa in den USA. 

Beispiel Patientenversorgung: Schon lange könnten Menschen außerhalb von teuren Spitälern und überfüllten Arztpraxen beraten, betreut und therapiert werden. Aber neue Methoden wie Telerehabilitation werden kaum praktiziert, eine wirksame 1450-Hotline ist noch Zukunftsmusik. Dazu tragen auch die Patienten bei, die der KI und neuen Technologien misstrauen.

Beispiel Finanzierung: Die Perspektive, bis zu 120 Jahre gesund zu leben, ist wunderbar. Im aktuellen System würde das aber bedeuten, dass wir viel länger in Pension sind als im Erwerbsleben. Demografie und medizinischer Fortschritt treiben jährlich den Bedarf an Leistungen und die Kosten in die Höhe, während die Zahl der Financiers, der Menschen im Erwerbsalter, zurückgeht. Darauf sind die Systeme von Pension, Gesundheit und Pflege nicht vorbereitet.

Österreich verfügt über gute Voraussetzungen: Eine starke Life-Science-Basis mit exzellenter Forschung und guter Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Doch um international mitzuhalten, braucht es schnellere Genehmigungen, eine moderne Erstattungspolitik und ein innovationsfreundliches Gesundheitssystem. Digitale Lösungen wie Telemedizin, elektronische Verordnungen und Patienten-Apps sind entscheidend, um Strukturen zu entlasten. Vertrauen, einfache Zugänge und klarer Nutzen müssen gewährleistet sein, damit Innovationen tatsächlich ankommen.

Fazit: Die Lebenserwartung steigt – vielleicht irgendwann auf 120 Jahre. Das setzt aber voraus, dass die Technologie inkl. KI nicht nur Fortschritt in der Medizin bringt, sondern auch das Gesundheitssystem effizienter machen und dazu beiträgt, dass Menschen sich gesund verhalten. Im Rahmen der Reformpartnerschaft verhandeln Bund, Länder und SV-Vertreter derzeit Reformen im Gesundheitssystem. Eine kleine Revolution wird man sich als Österreicher noch wünschen dürfen…

Sendung unter:


von Mag. Dr. Rolf Gleißner,  Mag. Maria Cristina de Arteaga



Hitzeschutz seit 1.1.2026 in Kraft

Die Hitzeschutz-Verordnung ist mit 1.1.2026 in Kraft getreten. Wir haben darüber vorab informiert (SPIK August 2025). Auch wenn schon bisher Unternehmen ihre Mitarbeiter vor Gesundheitsrisken wie Hitze schützen mussten, sehen wir die Verordnung kritisch. Immerhin wurde noch das Prinzip „Beraten statt strafen“ verankert. Die Arbeitsinspektion ist daher bei Übertretungen zur Beratung und nicht zur Anzeige an die Behörde angehalten. 

Mittlerweile sind dazu mehrere Informationen und Tipps zur praktischen Umsetzung veröffentlicht worden. Hier finden Sie eine Auswahl hilfreicher Informationen: 



Mentoring für Migranten zum 20. Mal: Eine Kleinstadt voller bunter Paare

Am 15. Jänner 2026 fiel der Startschuss für den 20. Jubiläums-Durchgang des Erfolgsprojekts „Mentoring für Migrant:innen“ von AMS, ÖIF und WKO. Seit 2008 unterstützt das Programm qualifizierte Migranten (über 90 % sind Akademiker) mit guten Deutsch-Kenntnissen bei der beruflichen Orientierung und beim Einstieg in den Arbeitsmarkt. Mit großem Engagement begleiten Mentoren aus der österreichischen Wirtschaft ihre Mentees über sechs Monate hinweg und geben wertvolle Einblicke, Orientierung und Motivation. AMS, ÖIF und WKO unterstützen beide Seiten auf diesem Weg. 

Mit dem aktuellen Durchgang steigt die Gesamtzahl der bisher gebildeten Mentoring-Paare auf beeindruckende 3.070 in ganz Österreich. Hinter dieser Zahl stehen viele persönliche Erfolgsgeschichten – berufliche Integration, Ausbildungen, neue Perspektiven, mehr Selbstvertrauen und oft auch dauerhafte Beziehungen zwischen Mentoren und ihren Mentees.

Das Projekt erreicht Menschen aus allen Weltregionen. Besonders stark vertreten sind Osteuropa (u.a. Ukraine, Russland) und der Nahe Osten (v.a. Syrien, Iran). Das ist natürlich auch Folge der Fluchtbewegungen durch die Kriege in Syrien ab 2014 und in der Ukraine ab 2022.

3.070 Mentoring-Paare seit 2008 

Über die Jahre nahmen konstant doppelte so viele Frauen wie Männer als Mentees teil, wobei – ebenso entsprechend der Struktur der Flüchtlingsströme - Mentees aus Osteuropa sowie Süd- und Ostasien überwiegend weiblich, Teilnehmer aus arabischen Ländern und afrikanischen Staaten häufiger männlich waren.

Bis 2013 dominierten Teilnehmer aus Ost-, Südosteuropa und der Türkei. Danach wurde das Programm immer internationaler: Der Jubiläumsdurchgang Nr. 20 für Wien, Niederösterreich und das Burgenland umfasst 90 Mentoring-Paare, wobei die Mentees aus 35 (!) verschiedenen Nationen kommen, das Herkunftsland Nr.1 ist seit 2022 die Ukraine. 

In den letzten beiden Durchgängen gaben 80 % der Mentees und Mentoren an, dass ihnen die Teilnahme neue Einsichten und Vorteile bringt. Ein Erfolgsfaktor ist, dass die Paare entsprechend gemeinsamer Interessen, Berufe und Ausbildungen gebildet werden, sodass die Mentees vom einschlägigen Know-how und Netzwerk der Mentoren profitieren. 

Dass das Programm durchgängig seit 18 Jahren bereits zum 20. Mal durchgeführt wird, zeugt vom nachhaltigen Erfolg, wenn Menschen ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre Zeit teilen. Wir freuen uns auf sechs Monate voller Begegnungen und Fortschritte.


von Georg Kirchmair MA



Tagung zur Automatisierung der Arbeit am 9. März 2026

Die Tagung auf der WU Wien beleuchtet arbeits- und datenschutzrechtlichen Herausforderungen beim Einsatz von KI unter besonderer Berücksichtigung der EU-KI-Verordnung, DSGVO und praktischer betrieblicher Umsetzung. 

Datum: 9. März 2026
Ort: WU Wien

Anmeldung: Fachtagung Automatisierung der Arbeit




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